Olympia-Protest: Athleten prangern Chinas Führung an - DER SPIEGEL
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Olympia-Protest Athleten prangern Chinas Führung an

Chinas Führung will mit Olympia ihr Image polieren - stattdessen geraten die Schattenseiten in den Fokus. Athleten fordern die Einhaltung der Menschenrechte, Aktivisten beklagen Verhaftungswellen, ausländische Demonstranten wurden ausgewiesen. Ein Regimekritiker lud IOC-Chef Rogge ein: in seine Zelle.
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Peking - Das Thema Menschenrechte bekommt kurz vor der olympischen Eröffnungszeremonie in Peking einen immer größeren Stellenwert - trotz aller gegenteiligen Bemühungen der chinesischen Regierung. So haben sich am Donnerstag Dutzende Olympiateilnehmer verschiedener Nationen in einem offenen Brief an den chinesischen Präsidenten Hu Jintao gewandt. Sie fordern die Einhaltung der Menschenrechte und eine friedliche Lösung der Tibet-Frage und anderer Konflikte. "Amnesty International" und die "Internationale Kampagne für Tibet" schlossen sich der Aktion an.

Insgesamt unterstützen über hundert Athleten die auch im Internet veröffentlichte Petition. Deutsche Olympiasieger wie Kathrin Boron (Rudern) und Yvonne Bönisch (Judo) oder Weltmeister Christian Schwarzer (Handball) unterschrieben das Papier demnach ebenso wie internationale Stars, beispielsweise Hürden-Weltrekordler Dayron Robles (Kuba), 400-Meter-Läufer Dee Dee Trotter (USA) oder Hochsprung-Weltmeisterin Blanka Vlasic (Kroatien).

Nach dem Willen der Olympioniken soll Hu Jintao auch dafür sorgen, dass "Menschenrechtsverteidiger nicht mehr eingeschüchtert oder eingesperrt werden". Auch die Todesstrafe solle er abschaffen. Zu den 127 Unterzeichnern - die Organisatoren waren zur Bestätigung der Liste nicht erreichbar - gehört auch weitere deutsche Sportprominenz wie Biathlon-Star Michael Greis, die zweimalige Hochsprung-Olympiasiegerin Ulrike Nasse-Meyfarth oder Schwimmerin Sandra Völker.

Appell an IOC-Chef: "Kommen Sie ins Gefängnis!"

Der inhaftierte Dissident He Depu hat einen eindringlichen Brief an IOC-Präsident Jacques Rogge geschrieben. Die Gruppe "Human Rights" in China veröffentlichte das Papier, in dem He eine Einladung an Rogge ausspricht - ins Gefängnis. "Zehntausende Gefangene in Peking, die nur eine halbvolle Schüssel gekochtes Gemüse in den Händen halten und ihre Augen auf Sie richten. Was haben Sie dabei für ein Gefühl?", schreibt er aus seiner Zelle.

"Ich hoffe, dass Sie, wenn es Ihnen passt, einmal in das Pekinger Gefängnis Nummer zwei kommen, um zu sehen, wie die Gefangenen hier leben." Entgegen den mit Olympia verbundenen Hoffnungen seien die Beschränkungen gegen politische Insassen verschärft worden, schrieb He. Demnach ist es diesen Häftlingen inzwischen verboten, mit ihren Familien zu telefonieren oder sie zu empfangen. Sie stünden unter schärferer Überwachung und dürften nicht an Freizeitangeboten teilnehmen. Ihnen bleibe keine Wahl, als in den Zellen zu bleiben.

"Man sagt, dass diese Maßnahmen nach dem Ende der Olympischen Spiele verstärkt und nicht abgeschafft werden", schreibt He, der im Jahr 2003 wegen "Anstachelung zum Umsturz" zu acht Jahren Haft verurteilt worden war.

Vorwurf der "schwarzen Gefängnisse"

Schwere Vorwürfe gegen die chinesische Regierung hat die Organisation Chinese Human Rights Defenders (CHRD) erhoben. Demnach setzt Peking systematisch unbequeme Personen unrechtmäßig in "schwarzen Gefängnissen" fest. In ihrem am Mittwoch vorgestellten ersten Jahresbericht zu den Menschenrechten in China zählt die Organisation für die zwölf Monate vor den Olympischen Spielen 428 Fälle "willkürliche Festnahmen" auf. 40 Prozent seien in inoffiziellen "schwarzen Gefängnissen" festgehalten haben. Diese Art der Menschenrechtsverletzungen verdiene "größere Aufmerksamkeit", mahnte die Gruppe an. In einem Jahr seien der Organisation außerdem 44 Fälle von Folter bekannt geworden.

Auch auf der politischen Bühne gab es erneut schwere Vorwürfe wegen der Menschenrechtslage und der Religionsfreiheit in China. Einen Tag vor der Eröffnung der Olympischen Spiele kritisierte Präsident George W. Bush die Situation in China.

Amerika sei entschieden gegen die Verhaftung von politischen Dissidenten, Menschenrechtlern und religiösen Aktivisten, stellte Bush klar. Eindringlich forderte er China auf, Grundrechte wie Presse-, Versammlungs- und Religionsfreiheit zu garantieren. Die Chinesen verdienten "grundlegende Freiheitsrechte, die das natürliche Recht aller Menschen sind".

Bush will noch im Lauf des Tage nach China weiterreisen, wo er an der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele teilnimmt. Über das Wochenende stehen eine Reihe politischer Gespräche in China auf dem Programm, darunter mit Präsident Hu, Ministerpräsident Wen Jiabao und Vizepräsident Xi Jinping.

Neuer Zwischenfall in Peking

In Peking sorgten ausländische Demonstranten erneut für einen Zwischenfall. Drei Mitglieder einer amerikanischen Christenvereinigung wurde in der Nähe des Platz des Himmlischen Friedens von Sicherheitskräften abgedrängt. Sie hatten gegen die Geburtenkontrolle und Abtreibungen in China protestiert. Die Demonstranten wurden aber nicht verhaftet. Bereits am Mittwoch war es Demonstranten mehrfach gelungen, die Polizei zu überrumpeln.

Vier am Mittwoch verhaftete Tibet-Aktivisten aus den USA und Großbritannien sind von den staatlichen Behörden aus China ausgewiesen worden. Sie seien bereits auf dem Heimweg nach San Francisco und London, erklärten am Donnerstag die Mitinitiatoren der Aktion. Das Quartett hatte in der Nähe des Olympiastadions tibetische Flaggen plaziert und zwei große Banner mit der Aufschrift "Freiheit für Tibet" in englischer Sprache ausgerollt.

ler/sid/dpa/AFP/Reuters