Osama Bin Laden: Der Terrorfürst - DER SPIEGEL
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Osama Bin Laden: Ein Leben, um zu töten

Foto: HO/ AFP

Osama Bin Laden Der Terrorfürst

Osama Bin Laden hatte den USA den Krieg erklärt. Tausende Menschen starben bei Attentaten, die sein Terrornetzwerk ausführte. Zehn Jahre lang war er auf der Flucht. Jetzt ist er getötet worden. Wer war dieser Mann?
Von Yassin Musharbash
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

11. September 2001

Berlin - Olivenöl, getrockneten Thymian, ein paar Oliven, etwas Brot: Mehr brauchte Osama Bin Laden nicht zum Frühstück. Selbst Jahre vor dem , als er noch in relativer Sicherheit in Afghanistan lebte, war der Gründer und Chef des Terrornetzwerks al-Qaida für seine Bescheidenheit berühmt. Und mehr noch als das für seine Demut.

Der Journalist Ahmed Zaidan, der Bin Laden mehrfach interviewte, das letzte Mal im Jahr 2000, berichtet, dass er einmal mit praktisch der gesamten Qaida-Führung zur Zeit des Gebets versammelt saß. Seine Anhänger wollten dem Saudi-Araber einen Platz in der ersten Gebetsreihe freiräumen. Doch Bin Laden widersprach heftig: Er sei zu spät gekommen, die Reihe schon voll, ein solcher Ehrenplatz stehe ihm nicht zu. Viele solcher Geschichten kursierten unter den arabischen Mudschahidin am Hindukusch über den großen, hageren Mann, berichtet Zaidan.

Der Kopf der Hydra ist abgeschlagen

Diese durchaus auch zur Schau gestellte Genügsamkeit trug dazu bei, dass Osama Bin Laden so viele Anhänger gewinnen konnte. Kaum jemand, der je persönlich mit ihm zu tun hatte, bestritt seine Geduld und Freundlichkeit.

Doch in die Geschichte wird der Milliardärssohn aus Dschidda, genannt "Abu Abdullah", als einer der gefährlichsten Terroristen aller Zeiten eingehen. Vom Doppelanschlag auf die US-Botschaften in Daressalam und Nairobi 1998 mit mehr als 200 Toten über den 11. September 2001 mit knapp 3000 Todesopfern bis zu den Bomben von Bali, Madrid und London, letztlich auch Bagdad und Kandahar: All diese Akte wären ohne sein Netzwerk, sein Geld, seine Beharrlichkeit und seine Ideen nicht zustande gekommen.

Osama Bin Laden

Jetzt ist tot. US-Spezialkräfte haben ihn in Pakistan getötet. Und der Hydra al-Qaida ist ihr wichtigster Kopf abgeschlagen worden.

Die Lebensgeschichte des wahrscheinlich 1957 geborenen Osama beginnt als die eines Sonderlings. Als Spross einer schwerreichen Unternehmerfamilie, die beim saudischen Königshaus in der Gunst stand, wäre er weniger aufgefallen, wenn er es den meisten seiner zahllosen Geschwister und Halbgeschwister gleichgetan und das Leben als Mitglied der eben erst entstehenden globalisierten Jet-Set-Elite genossen hätte. Aber Osama, ein ernster Junge, findet sehr früh zur Religion. Für die Verwandten ist das leicht befremdlich, aber auch Grund zu Stolz - schließlich ist die saudische Gesellschaft von Religion tief durchdrungen.

Schon als Jüngling ein Islamist

Doch schon als Jüngling zeigt sich, dass Osama einen Hang zur Radikalität hat: Die Ideen der Muslimbruderschaft, vermittelt durch den Bruder von deren Vordenker Sajjid Kutb, fallen bei ihm auf fruchtbaren Boden. Osama Bin Laden ist noch nicht volljährig, da verweigert er Frauen schon den Handschlag, will von Musik und Fotos nichts wissen. Im TV schaut er nur Nachrichten - und der kleine Bruder eines Freundes muss am Fernseher den Ton abdrehen, wenn die Erkennungsmelodie erklingt.

Außerhalb seiner Familie ist Osama durchaus Teil einer Massenbewegung: Die gesamte islamische Welt wird in jener Zeit von einer Re-Islamisierung ergriffen. Als 1979 die Sowjets in Afghanistan einfallen, zieht es ihn augenblicklich ins Nachbarland Pakistan, wo die Fäden des Widerstands zusammenlaufen. Er will den Mudschahidin helfen - lange Zeit allerdings nicht als Kämpfer. Sondern als Werber, Geldbeschaffer, Rekruteur. Zusammen mit dem überragenden Dschihad-Theoretiker Abdullah Assam gründet er 1984 das "Zentrum für Dienstleitungen für die Mudschahidin". Zwei Jahre danach holt er seine eigene Familie nach; bereits 1974 hat er eine Syrerin geheiratet, eine entfernte Verwandte. Er lebt fortan in Jaji in Afghanistan.

Allmählich kommt es zum Zerwürfnis mit seinem Mentor: Der Palästinenser Assam will eigentlich nur den Kampf gegen die Sowjets unterstützen, nicht selbst eingreifen. Und wenn, dann sollen die arabischen Freiwilligen lieber unter den afghanischen Brigaden aufgeteilt werden. Bin Laden sieht das anders: Er errichtet eigene Camps, für arabische Spezialeinheiten, die geschlossen an die Front ziehen. "Al-Ma'sada", die "Löwenhöhle", nennt er sein Lager, von dem aus seine Kämpfer in die Schlacht ziehen, meistens nicht allzu erfolgreich.

Respekt durch Schlachtfeld-Erfahrung

Und doch erarbeitet er sich einen Ruf - auch, weil er selbst kämpft. Die Postillen der Mudschahidin berichten über ihn. Als die Sowjets Ende der achtziger Jahre ihren Abzug ankündigen, gehört er zu den wichtigsten Dschihad-Führern des Landes.

Afghanistan

In diese Zeit fällt die Gründung al-Qaidas: Eines Netzwerks, dessen Ziel es ist, auch weiterhin, trotz Sowjetabzugs, Kämpfer auszubilden - denn der Dschihad, so Bin Ladens Überzeugung, muss weitergehen. Wenn nicht in , dann anderswo. Diese Idee trifft auf massiven Widerstand in der Szene; viele Kämpfer sind nur gekommen, um gegen die Sowjets zu kämpfen, sehen andere Schlachten als nicht legitim an. Assam mahnt, den Kampf nicht in die islamische Welt zu tragen - er will nicht, dass Muslime Glaubensbrüder töten.

Doch Assam wird 1989 ermordet. Bis heute gibt es Spekulationen, der Qaida-Gründer habe das veranlasst. Jedenfalls fällt mit dem greisen Prediger ein intellektuelles Gegengewicht weg. Und Bin Laden, der sich vor allem auf eine Gefolgschaft äußerst radikaler ägyptischer Mudschahidin stützt, unter ihnen Aiman al-Sawahiri, führt seine Pläne weiter. Seine Überzeugung ist es, dass die Gotteskrieger nun Amerika, den "fernen Feind", angreifen müssen. Denn die USA unterstützten schließlich all jene korrupten, unislamischen Regime. Dieser ideologische Kunstgriff erlaubt es, dass Dschihadisten aus verschiedenen Ländern nun erstmals gemeinsam unter einer Flagge kämpfen können.

Bruch mit dem Heimatland Saudi-Arabien

Zunächst kehrt Bin Laden jedoch in sein Heimatland zurück. Noch hat er weder mit seiner Familie noch mit dem Königreich gebrochen. Im Gegenteil, er wird als Kriegsheld gepriesen und ist ein gern gesehener Redner.

Schon bald allerdings kommt es zu jener Kränkung, die Bin Laden endgültig und unwiderruflich zum globalen Dschihadisten werden lässt: Das Königshaus lehnt 1990 seinen auf 60 Seiten dargelegten Plan ab, eine mögliche irakische Invasion Saudi-Arabiens mit seinen Gotteskriegern zu bekämpfen. Stattdessen lässt der König amerikanische Truppen ins "Land der zwei Heiligen Stätten".

al-Qaida

Bin Laden zieht 1992 in den Sudan um. Er gründet Firmen, um Geld zu verdienen, und betreibt gleichzeitig seine Dschihad-Zentrale in einem Nebengebäude weiter. Südjemen, Somalia, der heraufziehende Krieg in Bosnien: In all diesen Krisen ist involviert. Die Internationalisierung kommt ins Rollen.

Der Weg zum 11. September 2001

Auf saudischen, ägyptischen und amerikanischen Druck hin wirft der islamistische Machthaber Hassan al-Turabi Bin Laden 1996 aus dem Land. Nun geht der Saudi-Araber zurück nach Afghanistan, wo die Taliban ihre Macht konsolidieren. Deren Anführer Mullah Omar versichert ihm: "Du bist willkommen. Wir werden dich niemals ausliefern." Er hält sein versprechen, obwohl es fünf Jahre später den Sturz seines Regimes bedeutet.

Afghanistan

Zurück in , sucht Bin Laden verstärkt die Öffentlichkeit. Und plant neue Anschläge, große und vor allem spektakuläre.

Ein Wendepunkt tritt 1998 ein: Im Februar verkündet er gemeinsam mit Sawahiri und anderen Dschihad-Führern: "Die Pflicht, Amerikaner zu töten, egal ob Zivilisten oder Soldaten, ist eine Pflicht für jeden Muslim, der sie ausführen kann, egal wo." Die Erklärung erfolgt im Namen der "Internationalen Islamischen Front für den Dschihad und gegen die Juden und Kreuzfahrer", aber es ist al-Qaida.

Al-Qaidas erster Großanschlag

Ein knappes halbes Jahr später beweist Bin Laden, dass er es ernst meint: Mehr als 200 Menschen sterben, als zwei Attentäter nahezu parallel die US-Vertretungen in Nairobi und Daressalam attackieren. Zwei Jahre später greift al-Qaida die "USS Cole" vor der jemenitischen Küste an. Bin Ladens Netzwerk ist jetzt eine ernsthafte Bedrohung für die Sicherheit der USA.

Doch die Taliban halten weiter ihre schützende Hand über ihn. Und Bin Laden strotzt vor Selbstbewusstsein: Die USA, erklärt er mehrfach vor Gewährsleuten, seien viel einfacher zu bekämpfen als die Sowjets. Ihr Materialismus sorge dafür, dass sie nicht bereit seien, sich zu opfern. Mittlerweile unterhält al-Qaida Rekrutierungsbüros in aller Welt - und die Freiwilligen strömen erneut nach Afghanistan. Unter ihnen: Mohammed Atta und andere Mitglieder jener Zelle, die ein Jahr später den schlimmsten Terroranschlag der Geschichte ausführen wird.

Die USA scheitern mit ihren Versuchen, ihn auszuschalten. In der Zentrale der Lauschbehörde "National Security Agency" nahe Washington lassen die Geheimdienstler zwar hochrangige Gäste gelegentlich in die Telefonate zwischen Osama Bin Laden und seiner Mutter reinhören. Aber dass Bin Laden zu diesem Zeitpunkt 9/11 organisiert, entgeht ihnen.

Ein Vater, der sich bei seinen Kindern entschuldigt

Dabei gibt es Anzeichen genug, dass sich etwas zusammenbraut. Aber niemand setzt die Puzzle-Teile richtig zusammen - die Katastrophe geschieht. Bin Laden verfolgt sie live vor dem TV. In einer seiner ersten Ansprachen nach 9/11 sagt er kühl: "Ich habe euch mehrfach gewarnt." Al-Dschasira gegenüber rechtfertigt er die Ziele: "Wir hatten nicht vor, Kinder zu töten." Deshalb habe man das Pentagon attackiert. Und das World Trade Center sei "schließlich keine Grundschule".

In der Folge der Anschläge kommt es zum Afghanistan-Krieg - und wenn man seinen Worten trauen darf, dann war dies schon mit dem Anschlag auf die "USS Cole" sein Ziel gewesen: "Genau das wollen wir", sagte er damals. "Dann werden wir hier den Dschihad gegen sie ausrufen und sie bekämpfen wie einst die Sowjets."

Im November 2001 wird es eng für Bin Laden: Tagelang sitzt er in den Höhlen von Tora Bora, während er von den USA bombardiert wird. Er schreibt sein Testament, und erstmals weicht sein Optimismus einer seltsam depressiven Stimmung: "Der Hauptgrund für die Leiden unserer Nation ist die Angst davor, im Namen Allahs zu sterben... Heute hat diese Nation uns im Stich gelassen." An seine Kinder schreibt er: "Vergebt mir, dass ich euch nur so wenig Zeit geschenkt habe."

Botschaften aus dem Untergrund

Osama Bin Laden

Aber überlebt und kann fliehen - und seitdem lebt er versteckt und gut bewacht irgendwo in Afghanistan, Pakistan oder in der Grenzregion. Zwei Dutzend Mal äußert er sich öffentlich, aber wo er sich aufhält: Niemand weiß es.

al-Qaida

Aus seinem Versteck heraus versorgt er die Sympathisanten und selbsternannten Kader der in aller Welt mit strategischen Vorgaben. Nennt er bestimmte Länder, kommt es dort oft zu Anschlägen. Aber dass er selbst sie plant, gilt als ausgeschlossen.

Osama Bin Laden war ein Phänomen. Er unterschied sich grundlegend von den selbstherrlichen Araberführern, war aber in seiner Bescheidenheit selbst eitel. Er gab sich als frommer, weiser Mann - und hatte doch praktisch kaum religiöse Bildung. In seinen Reden erklärte er dem Westen stets, er wolle Frieden - und stiftete doch zugleich zum Terror an.

"Der Krieg wird weitergehen"

Um ihn zu verstehen, sagt der US-Autor Steve Coll, muss man die Erfahrungen einbeziehen, die er in seiner Familie machte. Technikbegeisterung etwa oder den Umgang mit Geld und Ressourcen: In dieser Hinsicht sei er letztlich wie ein Unternehmer.

Dass er nun tot ist, bedeutet für al-Qaida einen sehr schweren Schlag. Nur eine Verhaftung wäre wahrscheinlich demoralisierender. "Die würde eine psychologische Niederlage bedeuten", räsonierte sein Ex-Bodyguard Abu Dschandal in einem Interview mit Bin Laden-Biograf Peter Bergen.

globale islamistische Terrorismus

Als Märtyrer allerdings wird Bin Laden seine Sympathisanten auch weiterhin inspirieren - das zeigen nicht zuletzt die Reaktionen der Dschihadisten auf den Tod von Abu Mussab al-Sarkawi oder Abdullah Assam. Der hat eine Niederlage hinnehmen müssen, aber er ist deshalb nicht am Ende.

Bin Laden selbst hat einmal gesagt: "Ich bin nur ein armer Sklave Gottes. Wenn ich sterbe, wird der Krieg weitergehen."

Vermutlich wird er damit Recht behalten.