Ostukraine: Der Stellungskrieg von Awdijiwka - DER SPIEGEL
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Kämpfe in der Ukraine: Ein Krieg und viele Hintermänner

Foto: ALEKSEY FILIPPOV/ AFP

Stellungskrieg in der Ostukraine Die Eskalation

Ukrainische Soldaten und prorussische Separatisten liefern sich in der Ostukraine heftige Gefechte. In Awdijiwka harren Menschen bei Kälte ohne Strom und Heizung aus. Lässt der Kreml die Kämpfe bewusst eskalieren?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kurz nachdem US-Präsident Donald Trump und Russlands Staatschef Wladimir Putin das erste Mal miteinander telefonierten, begannen in der Ostukraine schwere Gefechte an der Waffenstillstandslinie. Bei der Industriestadt Awdijiwka, die unmittelbar an der Frontlinie auf ukrainischer Seite liegt, liefern sich ukrainische Soldaten und prorussische Separatisten heftige Kämpfe. Wieder einmal machen sich beide Seiten für die Eskalation verantwortlich.

Es sind die schwersten Gefechte seit Wochen in der Ostukraine, eigentlich gilt ein Waffenstillstand. Doch beide Seiten scheinen sich daran nicht gebunden zu fühlen. An mehreren Orten, etwa in der Hafenstadt Mariupol sowie im Westen von Luhansk und Horliwka, wurde seit dem orthodoxen Weihnachtsfest am 7. Januar wieder geschossen.

Bei den Kämpfen in und um Awdijiwka werden nach Augenzeugenberichten schwere Artillerie und Mehrfachraketenwerfer eingesetzt. Mehrere Menschen sind offenbar getötet worden, zahlreiche weitere verletzt. Die EU spricht von einer "beträchtlichen Zahl von Opfern". Die Angaben schwanken jedoch stark, je nach Quelle. Unter den Opfern sollen auch Zivilisten sein, am Mittwoch soll nach ukrainischen Angaben eine Frau getötet worden sein.

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Wem nützt die Eskalation? Wie ist die Lage der Zivilbevölkerung? Die wichtigsten Antworten:

  • Wie ist die Lage in Awdijiwka?

Die Gefechte dauern an. "Der Beschuss geht weiter. Eben explodierte eine Grad-Rakete in der Altstadt von Awdijiwka", schrieb Musa Magomedow, Leiter der örtlichen Kokerei, SPIEGEL ONLINE am Mittwochmittag. Die Nacht zu Mittwoch sei ruhiger als jene zuvor gewesen, meldete der Gouverneur des Donezker Gebietes, Pawel Schebrowski. Das russische Staatsfernsehen und ukrainische Medien zeigten Bilder zerstörter Häuser und Krater von Raketen. Das ukrainische Verteidigungsministerium berichtete von zwei Angriffen der Gegenseite, diese seien aber abgewehrt worden. Auch der Ort Makijiwka, unter Kontrolle der prorussischen Separatisten, steht nach Berichten unter Beschuss.

  • Wie geht es der Zivilbevölkerung?

22.000 Menschen leben in Awdijiwka. Weder Strom noch Heizung funktionieren momentan - und das bei Minusgraden. Nachts fallen die Temperaturen auf bis zu minus 20 Grad. Gas- und Stromleitungen wurden in der Region nach Angaben der ukrainischen Armee zerstört. Damit die Stromleitungen in Awdijiwka repariert werden können, müssen zunächst mal Minen geräumt werden. Es wurden elf Zelte in der Stadt mit Generatoren aufgestellt, in denen sich die Menschen aufwärmen können, Zugang zu Strom und in Feldküchen Essen bekommen.

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Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko verhängte bereits den Notstand über das Gebiet, es gibt Pläne, die Bevölkerung zu evakuieren. Am Mittwoch wurden zunächst 175 Menschen, darunter 88 Kinder, mit Bussen aus der Stadt gebracht. Zudem wurden schwerkranke Patienten aus dem Krankenhaus und Bewohner eines Altenheimes evakuiert.

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Auf der anderen Seite der Frontlinie, in Donezk, funktioniert die Wasserversorgung nicht mehr durchgängig, die Stromleitung der dortigen Filterstation wurde beschädigt.

  • Warum ist gerade Awdijiwka so umkämpft?

Die Stadt ist strategisch wichtig für beide Seiten. In dem Industriegebiet der Stadt befindet sich eine Kokerei, es ist eine der größten Kokserzeuger Europas, sie gehört dem ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow. Die Kokerei ist der größte Arbeitgeber der Stadt. "Das Werk ist in Betrieb", schreibt der Leiter Magomedow SPIEGEL ONLINE, "aber nur zu 20 Prozent ausgelastet". Zudem ist Awdijiwka einer der Verkehrsknotenpunkte in der Donezker Region.

Die Stadt wurde in den vergangenen Monaten immer wieder mit Granaten angegriffen - sie ist Teil des Stellungskriegs. Ukrainische Soldaten und Separatisten versuchen kleinere Geländegewinne zu erzielen und nehmen dafür den Tod vieler Kämpfer in Kauf. Zuletzt meldete die ukrainische Armee, sie habe eine strategisch wichtige Erhebung im Gebiet von Awdijiwka zurückerobert.

  • Wer profitiert von den heftigen Gefechten?

Der Konflikt in der Ostukraine war in den Medien lange überlagert vom Krieg in Syrien - angesichts der Eskalation in Awdijiwka ist er nun zurück in den weltweiten Nachrichten. Beide Konfliktparteien könnten daran ein Interesse haben:

Der Kreml: Ukrainische Experten werfen Moskau vor, so die Reaktion und Dialogbereitschaft des neuen US-Präsidenten Donald Trump testen zu wollen. Russland wolle demonstrieren, dass es auch in diesem Krieg die Fäden in der Hand halte. Frieden würde es mit dem Kreml aber nur gegen Gegenleistung geben - möglicherweise auch die Aufhebung von Sanktionen, was einen großen Gewinn für Putin bedeuten würde. Zu dieser These würde die Aussage von Kreml-Sprecher Dimitrij Peskow am Mittwoch passen. Er betonte, die Eskalation an der Frontlinie sei "nur ein weiterer Grund für eine rasche Wiederaufnahme des Dialogs und der Zusammenarbeit zwischen Russland und den USA".

Die ukrainische Führung: Nach Ansicht von Kreml-nahen Experten befürchtet die ukrainische Führung, bei Deals zwischen Trump und Putin künftig keine Rolle mehr zu spielen - und womöglich irgendwann ihre territoriale Integrität zu verlieren. Die Ukraine wurde bis jetzt politisch und militärisch durch die Obama-Administration gestützt. Sie könnte Trump nun demonstrieren wollen, dass es der Kreml und die ihm loyalen Separatisten sind, die sich nicht an die Minsker Friedensvereinbarungen halten - dass Kiew also weiter die Unterstützung von Washington bräuchte.

Verlierer sind die Menschen in Awdijiwka und Umgebung, die auf ein schnelles Ende der Kämpfe hoffen.

Mitarbeit: Maxim Sergienko, Tatiana Sutkovaya