Pakistan Das Dröhnen der Mullahs
Islamabad - Vor der roten Moschee in Islamabad, einem vor allem von Taliban-Anhängern frequentierten Gebetshaus, geben sich die Gotteskrieger am Mittag noch ganz entspannt. Sie lehnen schweigend an Eukalyptusbäumen, trinken am Bordstein grünen Tee oder Zuckerrohrsaft. Andere lauschen aufmerksam dem monotonen, blecherchen Wortfluss, der aus einem Kassettenrekorder quillt: Die Reden der "bedeutendsten Führer" des Islam kann man hier auf Tonband erstehen, die in Heftchen gebundenen Manuskripte dazu.
Der Mann, der die Ton- und Schriftdokumente verkauft, sieht nicht wie ein Händler aus, mit seinem Turban, Bart und seinem Kontrollblick - eher wie ein Aktivist der islamistischen Bewegung. Er verkauft nicht viel, die Stars, die er auf Band anbietet, sind heute Nachmittag auch live zu haben, denn eine Demonstration ist angekündigt. Einen Vorgeschmack auf die Veranstaltung liefern kleine Jungs, die lachend Flugblätter verteilen. Auf den Zetteln steht nur ein Satz: "Oh Allah, gib uns die Kraft, Osama Bin Laden beizustehen."
Presse im Hotel eingesperrt
Über 50.000 Gläubige wollte die Islam-Partei Pakistans am Freitag in Rawalpindi, nur ein paar Autominuten von Islamabad entfernt, auf die Straße bringen, um gegen die USA zu demonstrieren. Hier, mitten im Land, sind die Taliban eigentlich eine politische Minderheit, nur eine von mehreren Strömungen des Islam. In Peshawar und Quetta, den großen Städten entlang der Nordgrenze zu Pakistan, sieht das anders aus. Dort sind die Taliban durch Stammesbeziehungen und Familienbande im Volk verankert.
In Quetta gingen vor einigen Tagen rund 30.000 Menschen auf die Straße, um gegen einen Miltärschlag der USA zu protestieren - die Polizei dort verbot nicht etwa den Aufmarsch, sondern sperrte die internationale Presse ins Hotel ein. (Die Taliban marschierten daraufhin vor das Hotel und ließen sich dort filmen - die Kameraleute hielten ihre Linsen einfach aus den Fenstern.) Heute stoppt uns ausnahmsweise kein Polizist an einem Checkpoint. Die Zufahrtstraßen nach Rawalpindi sind zwar gesperrt, doch über ein paar Schleichwege gelangen wir ins Zentrum. Rawalpindi ist ein Moloch, Millionen leben hier.
An den Rändern franst die Stadt in Baracken und Ruinen aus, in der Mitte stinkt sie nach Kloake, die Luft könnte man schon mittags in Scheiben schneiden. 50.000 sind nicht gekommen, vielleicht nicht einmal fünftausend. Das ist für Quazi Husain Ahmed, einem bekannten Mullah und Fürsprecher der Taliban, eigentlich ein herber Rückschlag. Doch er lässt sich keine Enttäuschung anmerken.
Diesmal darf die Show weitergehen
Der Chef der islamischen Partei Pakistans holt das Mikro in der linken Hand und wedelt mit der Rechten. Die sogenannte Supermacht USA wolle den islamischen Ländern die westliche Kultur aufzwingen, ereifert er sich. Und für Staatschef General Musharaf, der in Islamabad in diesem Moment gerade Britanniens Premier Tony Blair empfängt und dafür sogar seine Uniform gegen einen zivilen Anzug getauscht hat, kommt von Quazi auch noch eine Botschaft: "Gegen die Armee werden wir nicht revoltieren, aber wir werden nicht dulden, das ihr jetziger Chef im Amt bleibt."
Normalerweise wird den Rednern in Pakistan nach solchen Attacken auf die Regierung der Saft abgedreht, denn von Meinungsfreiheit hat man in diesem Land noch nie viel gehalten. Doch diesmal darf die Show weitergehen. Ein neuer Redner tritt auf, wieder ein Mullah. Was folgt, ist eine üble Tirade, eine Mixtur aus Verschwörungstheorien und Verleumdungen. Hinter dem Anschlag auf das World Trade Center stecken, so deklamiert er, nicht die Krieger von bin Laden, sondern die Juden: "4000 sind nicht zur Arbeit gegangen an diesem Tag", und meint damit jüdische Angestellte, die angeblich an diesem Morgen nicht an ihrem Arbeitsplatz im World Trade Center erschienen wären - ein perfides Gerücht, dass bereits wenige Tage nach dem Anschlag in die Welt gesetzt wurde. Der Mossad habe das ganze ausgeheckt, um Muslime und Christen gegeneinander aufzuhetzen.
Nach einer dreiviertel Stunde zerstreut sich die Menge. Wir gehen, umringt von neugierigen Taliban, zum Auto zurück. "Sind Sie Journalist?", fragt ein junger Mann, dessen schwarzer Bart noch im Wachstum begriffen ist. "Ich möchte etwas sagen." Eine Frage braucht der 18jährige gar nicht. "Bin Laden kann es nicht gewesen sein. Denn er ist ein wahrer Muslim. Und ein wahrer Muslim tut so etwas nicht."
Aha. Ich notiere. Noch was? "Das einzige Land auf der Welt, in dem der wahre Islam herrscht, ist Afghanistan!" Bloß kein westlicher Hochmut, jetzt. Denn das klingt alles nicht mehr oder weniger verrückt als die Sprüche eines deutschen Aktivisten der KPD/ML vor 25 Jahren, der Albanien als sozialistisches Himmelreich anpries.
Dschihad als Lebensperspektive
Manche dieser Leute belegen heute in Deutschland hohe Ämter. Solche Aufstiegsmöglichkeiten hat der Bursche, der mir gerade den Vortrag hält, natürlich nicht. Seine Lebensperspektive ist der Dschihad. Gleich wird er in einer Moschee beten, denn es ist kurz vor fünf. Nichts kann ihn in seinem Glauben beirren, kein amerikanischer Präsident, kein Tony Blair, kein General Musharaf. Bevor er verschwindet und mit seinem weißen Kaftan im Gewimmel der Gläubigen aufgeht, huscht Glück über sein Gesicht.