Pakistan: Die Liaison des Einbeinigen - DER SPIEGEL
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Pakistan Die Liaison des Einbeinigen

Im Grenzgebiet von Pakistan zu Afghanistan treibt Abdullah Mahsud, Ex-Insasse von Guantanamo, sein Unwesen. Er kämpft gegen die Regierungen in Kabul und Islamabad. Doch nun unterstützte er die Entführung chinesischer Ingenieure - und machte damit einen schweren taktischen Fehler.
Von Joachim Hoelzgen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Der Journalist Rahimullah Youssufzai aus Peschawar in Pakistan hat es nicht leicht. Zu seinem Bereich gehören abgelegene Stammesgebiete wie etwa die Khyber Agency, Mohmand und Waziristan, in denen sich vermutlich Hunderte Taliban und ausländische Söldner des Terrornetzwerks al-Qaida versteckt halten.

Youssufzai gehört selbst einem berühmten Grenzstamm an und kennt sich in der Region schroffer Gebirge und zerklüfteter Täler bestens aus. Vor allem aber sind ihm außergewöhnliche Interviews mit ungewöhnlichen Gesprächspartnern gelungen: Ende der neunziger Jahre hatte ihn der Terrorfürst Osama Bin Laden in den Bergen des nahen Afghanistan empfangen, und auch der misstrauische Mullah Omar, Anführer der Taliban und selbsternannter "Befehlshaber der Gläubigen", gewährte ihm in Kandahar ein Interview.

Das überraschte selbst Youssufzai, doch andererseits auch wieder nicht. Denn Mullah Omar entpuppte sich als Hörer seiner Berichte, die während der sowjetischen Besetzung Afghanistans von der BBC gesendet wurden - im Paschtu-Sprachdienst des Senders, dem damals jeder Besitzer eines Transistorradios in dem geschundenen Land lauschte.

Wegen eines Herzanfalls muss Youssufzai seit ein paar Jahren kürzer treten, doch am Donnerstag voriger Wocher kam der Reporter abermals mit einem besonderen Gesprächspartner zusammen: Im äußersten Osten des Distrikts Süd-Waziristan, nahe der Grenze zum Stammesgebiet Dera Ismail Khan, traf er den ehemaligen Guantanamo-Häftling Abdullah Mahsud, 29, einen schillernden Stammesoberen des Großclans Mahsud.

Ursprünglich war Abdullah Mahsud in Afghanistan aufgegriffen worden, wo er mit Taliban-Truppen gekämpft hatte und auf eine Mine trat. Er verlor dabei ein Bein und verbrachte mehr als zwei Jahre in einer Zelle von Camp X-Ray, dem amerikanischen Militärgefängnis auf Kuba. Dort wurde er im März entlassen und kehrte mit anderen Ex-Gefangenen nach Pakistan zurück.

Nun aber hätte es die Regierung in Islamabad am liebsten, er würde wieder nach Guantanamo oder wenigstens hinter die Gitter eines pakistanischen Gefängnisses gebracht. Denn Abdullah Mahsud führt seit seiner Rückkehr eine Rebellion im Gebiet seines Stammes an, die ihn als eine Art Robin Hood von Süd-Waziristan erscheinen ließ: Er bekämpfte Konvois des Militärs und brachte Soldaten als Gefangene in seine Gewalt, während die Luftwaffe Islamabads und Artillerie Dörfer der Mahsuds und vermeintliche Ausbildungslager von Terroristen mit Feuer belegten.

Der Konflikt forderte bisher Hunderte von Toten. Und im Parlament Islamabads geriet der Krieger zum politischen Problem, weil nicht nur radikale Muslim-Fraktionen, sondern auch gemäßigte Politiker den Einsatz des Militärs in Waziristan und damit auf dem Boden Pakistans verurteilten. In vielen Grenzprovinzen Pakistans haben islamistische Parteien freilich längst die Regierungsgeschäfte übernommen.

Geschickt machte sich der Ex-Insasse von Guantanamo ans Werk. Er forderte über den Stammesrat der Mahsud-Sippe die Regierung des Generalspräsidenten Pervez Musharraf zu Verhandlungen auf und verhängte Anfang dieses Monats sogar einen Waffenstillstand.

Damit aber ist es nun vorbei; denn Abdullah Mahsud beging - gewissermaßen vor laufender Kamera - einen schwerwiegenden Fehler. Er unterstützte eine Bande von Entführern, die am 9. Oktober zwei chinesische Ingenieure auf dem Weg zur Arbeit kidnappte. Im Distrikt Tank errichtet die chinesische Staatsgesellschaft Sino-Hydro mit über 100 Technikern und Arbeitern derzeit einen Damm zur Erzeugung von Strom aus Wasserkraft.

Großspurig hatte der Guantanamo-Veteran noch Journalisten wie Youssufzai vorgeführt, wie er mit den Entführern per Walkie-Talkie Kontakt hielt. Das schien ihm deshalb bedeutsam, weil erst im Juni ein anderer Aufrührer namens Nek Muhammad getötet wurde. Der hatte Araber, Tschetschenen und Usbeken geholfen und wurde von einer Rakete getroffen, als er ein Satellitentelefon bediente. Masuhds Walkie-Talkie dagegen besitzt nur eine geringe Reichweite und ist von Späh-Sensoren nur schwer anpeilbar.

Ganz in der Nähe, vor einer Lehmhütte des Fleckens Chagmalai, näherten sich unterdessen Kommandoeinheiten dem Versteck der Kidnapper: zwei Männern des Mahsud-Stamms und drei Kämpfern der Organisation Islamistische Bewegung Usbekistans, deren Anführer sich ebenfalls in Süd-Waziristan verstecken soll.

Die Elitesoldaten der so genannten Special Services Group, die einst von Pervez Musharraf befehligt wurde, schlichen getarnt an: Sie trugen die langen Hemdenanzüge des Mahsud-Stammesrats und überrumpelten die Kidnapper in dem Lehmgebäude. Bei der Schießerei starben die Entführer allesamt in einem Kugelhagel - und auch der chinesische Landvermesser Wang Peng, der einen Schuss in den Bauch erhielt. Sein Kollege Wang Ende dagegen kam ohne Verletzungen davon.

Für den einbeinigen Abdullah Mahsud, der eine Beinprothese trägt und in der Zelle von Guantanamo stark zugenommen hat, könnte die Liaison mit Kidnappern bös enden. Denn die Stammesgesetze des Paschtunwali sehen vor, Fremden Gastfreundschaft zu gewähren und sie zu beschützen - ihre Entführung ist verboten. Gestern war der Stammesrat denn auch in das 330 Kilometer entfernte Islamabad gebracht worden, um sich für den Bruder Abdullah Mahsud zu entschuldigen.

Die Luftwaffe wiederum warf über Süd-Waziristan Flugblätter ab und forderte die dortigen Stämme in Paschtu und der Staatssprache Urdu auf, Mahsud auszuliefern. "War das der Lohn für die Gastfreundschaft?", lautete die Flugblatt-Schlagzeile. "Der Mann wirkt immer etwas überstürzt", befand Rahimullah Youssufzai nach seinem Gespräch mit dem Gesuchten. "Er ist sehr gefühlsbetont und sorglos, ja fast leichtsinnig."

Das mag ihm zum Verhängnis werden und sein Ziel unmöglich machen, das Militär - rund 70.000 Mann - aus den Stammesgebieten zu vertreiben. Islamabad wiederum muss die Rache Mahsuds fürchten, der angeblich Selbstmordattentäter in die Großstädte Pakistans entsenden will. Doch Informationsminister Raschid Ahmed gibt sich dennoch hoffnungsfroh: "Der Kerl ist über seine Schuhe hinausgewachsen. Ich habe das Gefühl, dass auch bei ihm bald eine Rakete durchs Fenster fliegt."