Pakistan Kampf der Wölfe
Die Piloten der pakistanischen Luftwaffe müssen bei ihren jüngsten Angriffen auf angebliche Trainingslager von al-Qaida-Terroristen auf der Hut sein. Denn ihre Jagdbomber müssen hohe Bergmassive umkurven, unter ihnen den Gipfel des fast 4000 Meter hohen Preghal, der westlich von Makin Bazaar in Süd-Waziristan aufragt, dem abgelegenen Stammesgebiet an der Grenze zu Afghanistan.
Seit knapp einer Woche ist Süd-Waziristan vom Rest der Welt noch abgeschiedener: Die Telefonverbindungen sind unterbrochen und ebenso die Stromzufuhr. Auch jene Straßen sind blockiert, die mit amerikanischen Hilfsgeldern gebaut wurden und nach Wana, der Distriktstadt im Westen Süd-Waziristans, hinabführen.
Denn um Makin Bazaar herum wird heftig gekämpft. Jagdbomber und Kampfhubschrauber fliegen über Obstgärten und Pappeln hinweg den Ort an, der inzwischen schwer beschädigt ist. Fünfhundert Familien sollen geflüchtet und in einem langen Treck nach Rezmak an der Grenze zu Nord-Waziristan unterwegs sein.
Kaleidoskop fanatischer Kämpfer
Auf dem beschwerlichen Weg dorthin gab es unter den Zivilisten Tote, als die Flüchtlinge ein trockenes Flussbett durchquerten. Sie seien aus allen Richtungen beschossen worden, berichtet der Anwohner Muhammed Fazal: "Die Verwundeten und Toten lagen herum. Wir durften die Toten begraben und dann gehen."
Angehörige des Frontier Corps, die lange Kutten aus Filz tragen, rückten unterdessen auf Makin Bazaar vor, unterstützt vom Militär, das seinerseits zur Zielscheibe wurde: Der Angriff galt einem Konvoi, der mit Raketen vom Typ M107 beschossen wurde.
Aber auch Mörser kommen gegen die Truppen zum Einsatz, die wiederum mit Artillerie zurückschießen. In Pakistans Hauptstadt Islamabad gab sich jedenfalls der Sprecher der Streitkräfte, Shaukat Sultan, zufrieden. Allein beim Einsatz von Jagdbombern und Cobra-Helikoptern auf ein Trainingslager nahe des Orts Dila Khula seien 60 so genannte Militante getötet worden, die Mehrzahl davon Ausländer, so der Brigadegeneral.
Nach der Sprachregelung Islamabads ist damit ein Kaleidoskop fanatischer Kämpfer gemeint, die mit al-Qaida zu tun hätten und sich in Süd-Waziristan versteckt hielten: Afghanen, Araber, Tschetschenen, Usbeken und sogar Uiguren aus dem Westen Chinas. Das Militär besitze auch ein Video des Trainingscamps, versicherte Sultan, das "bei passender Gelegenheit" gezeigt werde.
Wie die Wölfe
Das aber kann dauern, denn schon einmal hatten die Generale zu viel versprochen, als ihnen bei Wana ein wichtiger Preis entgangen war: der Ägypter Aymanal al-Sawahiri, Adjutant des Terroristenchefs Osama Bin Laden. Der Großeinsatz führte zu nichts - al-Sawahiri entkam, falls er je dort gewesen war, und die Truppen Islamabads hatten in einem Tage währenden Gefecht zahlreiche Tote zu beklagen.
Doch Freund und Feind sind im Norden und Süden des autonomen Stammesgebiets von Waziristan selbst in friedlichen Zeiten schwer zu unterscheiden. Die Stämme sind hinter ihren Festungen aus Lehm seit jeher schwer bewaffnet, und der Widerstand gegen fremde Besatzer ist so alt wie es die Clans hinter ihren Bergen selber sind. Die englische Kolonialmacht etwa musste noch im Kriegsjahr 1940 eine Strafexpedition gegen rebellische Angehörige der Mahsud-Sippe in Süd-Waziristan entsenden.
"Es gab immer wieder Trouble mit dem Stamm", schrieb Sir Olaf Caroe, der in Peschawar Gouverneur der damals indischen Nordwestprovinz gewesen war. Die Mahsuds verglich er mit Wölfen: "Sie sind gefährlich, zielbestimmt und halten zusammen."
Ein Mahsud der besonderen Art fordert nun Islamabad heraus: Abdullah Mahsud, ein Anführer des stets auf Eigenständigkeit bedachten Clans. Es sind Mahsuds Leute, die den Ort Makin Bazaar verteidigen, und Angehörige der Mahsuds waren es angeblich auch, die den Truppenkonvoi attackierten.
Problemfall erster Güte
Abdullah Mahsud ist dem pakistanischen Verbündeten USA nicht unbekannt: Vor wenigen Monaten nämlich war er aus dem Zellentrakt im Lager von Guantanamo entlassen worden, enthüllte die Tageszeitung "Dawn". Und nun entpuppt sich der Heimkehrer als politischer Problemfall erster Güte für die Regierung des Generals-Präsidenten Pervez Musharraf: Wegen der Kämpfe in Süd-Waziristan stürmten am Montag nicht nur Abgeordnete der radikalen Moslem-Fraktionen, sondern auch der gemäßigten Pakistanischen Volkspartei erzürnt aus dem schneeweißen Parlamentsgebäude in Islamabad.
Abdullah Mahsud, der auch den Namen Noor Alam trägt, war nach dem Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan verhaftet worden. Nun geriert sich der Heimkehrer als Feldherr, dem sich offenbar auch Stammesälteste verschrieben haben: Sie weigerten sich jedenfalls am vorigen Sonntag, pakistanischen Truppen freies Geleit durch ihr Gebiet zu gewähren - und provozierten so die Luftangriffe auf Makin Bazaar, eine Hochburg der Mahsuds.
Abdullah Mahsud scheint im fernen Guantanamo auch propagandistisch einiges gelernt zu haben. In Peschawar jedenfalls ließ er ausrichten, seine Kämpfer hätten mehrere Soldaten getötet und 43 Soldaten in Gewahrsam genommen - die Medien seien eingeladen, nach Süd-Waziristan zu kommen, um dort die Gefangenen zu sehen.
Auf welche Weise sich Abdullah Mahsud bei den Mahsuds durchsetzen konnte, ist vorerst noch rätselhaft. Stammesangehörige protestierten jedenfalls gegen das Vorgehen des Militärs, und lokale Mullahs verkündeten prompt, es werde kein Krieg gegen ausländische Terroristen, sondern gegen den Stamm der Mahsuds geführt. Der habe "immense Verluste" zu ertragen und müsse sich darauf einstellen, Unschuldige zu verteidigen.
Dabei hatten sich die Mahsuds bisher zurückgehalten und mussten sich auf Flugblättern den Vorwurf gefallen lassen, mit der Regierung in Islamabad zu kooperieren. Und mehr als 4000 Stammesangehörige waren noch im Frühjahr in der Stadt Tank aufmarschiert, um gegen den damaligen Überfall auf einen Militärkonvoi zu demonstrieren, bei dem 20 pakistanische Soldaten starben.
Doch schon Sir Olaf Caroe hatte beobachtet, dass sich die Mahsuds in Zeiten der Krise um einen starken Malik (deutsch: Führer) scharen, "dem alle gehorchen".