Pakistan: Musharafs Anti-Terror-Show - DER SPIEGEL
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Pakistan Musharafs Anti-Terror-Show

Nach den Anschlägen von London erklärte Pakistans Präsident Musharaf den Extremisten im eigenen Land den Krieg, mit geringem Erfolg: Bisher nahmen seine Männer nur Mitläufer fest. An das Räderwerk des Terrors traut sich der Staatschef nicht heran.
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Peschawar - Der Dschihad hat in der Jamia dar-ul-Ulum Haqqania Tradition. Seit mehr als 50 Jahren studieren in der mit prächtigen Mosaiken geschmückte Madrassa gelehrige Schüler die heilige Schrift. Gut die Hälfte der Taliban-Regierung wurde hier in Akora Khattak geschult, einem staubigen Nest an der Lkw-Piste von Islamabad nach Kabul. Unter dem Minarett paukten sie ihre eigene Auslegung des Korans, die sie später in Kabul mit Kalaschnikows und Knüppeln verbreiteten. Jahrelang hockten sie auf dem Steinboden, lasen sich gegenseitig im zunächst völlig fremden Arabisch Suren vor. Viel geändert hat sich am modus operandi nicht.

Auch heute leuchten die sonst scheuen Augen der Schüler beim Wort Dschihad auf. Die meisten hier sind stolz auf ehemalige Schüler wie den Taliban-Anführer Mullah Omar. Ihnen nachzueifern ist ein Traum vieler. "Jeder Muslim hat die Pflicht zum Dschihad", predigt der 30-jährige Abdul Hai Kakar geübt, "wo wir unterdrückt werden, müssen wir zurück schlagen." Seine Mitschüler nicken gelehrig. Das kleine Zimmer im ersten Stock des vom Schimmel zerfressenen Hauses teilen sie sich zu acht. Außer den dünnen Strohmatten gibt es nur einen Teekocher. Asketisch soll der Schüler leben, sagt einer der Lehrer streng. Durch die Gitterfenster spähen die jüngsten Koranlehrlinge hinein.

Dass der bewaffnete Dschihad die allerhöchste Mission ist, hören sie von den Älteren. Eilig mit der Kriegerei hat es hier indes kaum jemand. Statt im nahen Afghanistan, nur zwei Busstunden entfernt, gegen die USA und den frei gewählten afghanischen Präsidenten Karzai zu kämpfen, hocken sie lieber weiter bei Tee über dem Koran. "Erstmal studiere ich zu Ende, dann wird es sich schon fügen, inshallah", sagt Abdul. Mit seinem stolzen Bäuchlein unter dem Herzen und seinen zarten Händen sieht er eher wie ein Pantoffelkrieger aus als ein Fußsoldat am Hindukusch.

Landesweite Razzia gegen die üblichen Verdächtigen

Kürzlich allerdings wurde die Ruhe gestört, als bewaffnete Einheiten auf das Gelände stürmten. Drei Schüler nahmen sie mit. Die Razzia war Teil eines landesweiten Aktionsplans, den Präsident Pervez Muscharaf als "Dschidad gegen die Dschihadis" pries. Nach mehreren ähnlichen Ankündigungen in den letzten Jahren versprach er nach den London-Anschlägen, dass er einen harten Krieg gegen Extremisten im eigenen Land in Gang bringen werde. Die Wurzeln des internationalen Terrors, seit jeher in Pakistan verortet, sollten endgültig gekappt werden. "Mir waren bisher die Hände gebunden, doch nun bin ich stark", tönte der Präsident.

Obwohl sich zusehends herausstellt, dass die Anschläge in London nicht in Pakistan koordiniert und auch die Täter nicht hier radikalisiert wurden, griffen die Trupps kräftig zu. Mehr als 700 angebliche Terror-Verdächtige nahmen sie mit, hauptsächlich aus Madrassen wie der Jamia dar-ul-Ulum Haqqania. Von diesen gibt es in Pakistan mehr als 13.000 - als wirklich radikal jedoch wird nur ein Bruchteil davon erachtet. Das Räderwerk des Terrors ist vor allem in den kaum zugänglichen Grenzgebieten in Bewegung.

Wenig später lobte Musharaf, die Handlungsfähigkeit von al-Qaida sei geschwächt worden. Und obwohl die Regierung die Razzia schon am 5. Juli bei EU-Botschaftern angekündigt hatte, wurde sie im Westen als Reaktion auf die Attacken in London am 7. Juli gepriesen - vor allem in den USA und Großbritannien. Musharaf stand plötzlich als fleißiger Mitkämpfer im Anti-Terror-Feldzug da.

Der Westen und die "Schulen des Hasses"

Nun, da sich der Kampfnebel etwas gelegt hat, erscheint die Aktion eher als PR-Maßnahme denn als wirklicher Schritt gegen die Extremisten. Immerhin gibt die Regierung mittlerweile zu, dass sich unter den Festgenommenen kein einziger großer Fisch befand. Nur einen Verdächtigen im Mordfall Daniel Pearl griffen die Beamten auf - und das eher aus Zufall. Alle anderen werden vermutlich in den nächsten Wochen wieder auf freien Fuß gesetzt, da gegen sie wenig oder gar nichts vorliegt.

Auch in den Madrassa Jamia dar-ul-Ulum Haqqania nahe Peshawar geht der Chef fest davon aus, dass seine drei Schüler schon bald wieder über dem Koran büffeln. So geht es nun schon viele Jahre. Wenn Terror-Anschläge Pakistan erschütterten, schickte Musharaf seine Truppen zu Razzien hinaus und füllte die Gefängnisse. In Haft aber bleibt kaum jemand.

"Die ganze Aktion scheint wie eine Farce"

Unter den westlichen Beobachtern macht sich deshalb zusehends Unmut breit. "Die ganze Aktion scheint wie eine Farce", kritisiert ein Diplomat. "Es gibt keinen Hinweis, dass es Musharaf dieses Mal ernster meint als bisher", so sein Urteil. In den Berichten an die Außenministerien einiger EU-Länder ist nun davon zu lesen, dass nur Verdächtige der B- und C-Kategorie festgenommen wurden. Die in westlichen Geheimdienstkreisen durchaus bekannten A-Kader des Terrors hingegen wurden nicht angefasst.

Kritische pakistanische Zeitungen machen sich über die Aktion lustig. Das Wochenmagazin "Herald" nannte die als großen Erfolg gefeierte Razzia höhnisch "Operation Eyewash". Der Konkurrent "Newsline" berichtete über die angeblich getürkte Festnahme der "usual suspects". Musharaf, so ihre These, traue sich keinen wirklichen Schlag gegen die Extremisten und wolle mit Aktionismus nur dem Westen gefallen. Den General zeigen sie in Karikaturen als aufgeblasenes Männchen.

Durschaubar ist das Gewebe von religiösen Gruppen, radikalen Splitterorganisationen und ausländischen Dschihadis kaum. Verwunderlich ist indes, dass gerade dort keine Razzien stattfanden, wo westliche Geheimdienste radikale Madrassen mit angeschlossenen Ausbildungslagern für den bewaffneten Kampf vermuten. Rund um die Provinzhauptstadt Marshena, etwa drei Stunden nördlich von Islamabad, lachen die Milizen an den Checkpoints nur über entsprechende Fragen. "Sieht es so aus, als ob Polizei oder Militär hier gewesen wären", flötete einer der Wachleute am Einstieg zu einem holprigen Bergpfad. Hier haben andere die Kontrolle, lautete die Botschaft.

Ungestörter Nachschub für den Widerstand in Afghanistan

Ähnlich ungestört agieren die Trainings-Kader entlang der afghanischen Grenze in Richtung Südwesten. Auch hier sollen sich Lager befinden, in denen neben dem Koran auch die Herstellung von Sprengstoff gelehrt wird. Festnahmen gab es indes keine. Dabei beginnen hier die Versorgungspfade für die Taliban, die in Afghanistan gegen die neue Regierung kämpfen. "Wenn wenigstens einige führende Köpfe der Extremisten symbolisch festgenommen worden wären, würde ich ein Signal sehen", sagte ein Diplomat, "doch die fahren alle weiter mit ihren Luxus-Jeeps durch die Provinzen".

Verständlich ist die Zurückhaltung nur aus der Sicht des Präsidenten. Musharaf und sein Geheimdienst haben die Dschihad-Lager jahrelang gefördert. Heute noch ist er auf todeswillige Kämpfer für die Kaschmirfront in den eiskalten Bergen angewiesen. Zudem kann es sich der General kaum leisten, gegen so manche islamistische Gruppe wie die MMA oder die JUI vorzugehen, mit denen er zwecks Machterhalt in der Provinz zuweilen Hand in Hand arbeitet. In dieser Lage scheint ein entschlossener Kampf gegen den Terror auch in den nächsten Jahren aussichtslos, befürchten westliche Beobachter.

Stattdessen müssen nun Hunderte von Koranschülern büßen. Auch wenn diese gern vom Kampf prahlen und von der Theorie des Dschihads mehr verstehen als von Mathematik, wird ihre Festnahme kaum etwas ändern. Für das Leben eines radikalen Islamisten entwickeln die Schüler in Madrassen wie der Jamia dar-ul-Ulum Haqqania sicherlich Verständnis. Wer aber wirklich den Kampf gegen die Ungläubigen führen will, studiert dieser Tage vermutlich kaum mehr acht Jahre den Koran, sondern geht gleich in eins der Extremisten-Lager. Auch in dieser Hinsicht hat sich seit den Tagen der Taliban auf ihrem langen Weg nach Kabul einiges geändert.