Pakistan: Musharrafs Feinde triumphieren - DER SPIEGEL
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Pakistan Musharrafs Feinde triumphieren

Der Notstand in Pakistan beflügelt Terrorsympathisanten und islamistische Kämpfer. Für sie hat sich Machthaber Musharraf als Tyrann zu erkennen gegeben. Die Dschihadisten sind schlagkräftig wie nie - und rufen zur Attacke.
Von Yassin Musharbash
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Zwei Bildergalerien werden derzeit herumgereicht in den einschlägigen Internet-Diskussionsforen, in denen sich Terrorsympathisanten aus aller Welt austauschen. Beide stammen aus Pakistan - und beide rufen bei den Dschihadisten Euphorie hervor.

Geldsammlung für militante Islamisten in Pakistans Swat-Region: "Tod und Vernichtung für Musharrafs Soldaten"

Geldsammlung für militante Islamisten in Pakistans Swat-Region: "Tod und Vernichtung für Musharrafs Soldaten"

Foto: Getty Images

Die erste zeigt grausam entstellte Leichen pakistanischer Soldaten. Verbrannt, halbnackt, in verrenkter Haltung oder vor ausgebombten Lastwagen liegend. Der zynische Kommentar: "Dies sind die Ergebnisse der Schlacht von Waziristan." Die Aufnahmen sollen vor wenigen Wochen entstanden sein. 300 Angehörige der Spezialkräfte seien durch die Hand der Mudschahidin in der Grenzregion zu Afghanistan ums Leben gekommen, heißt es im Begleittext.

Die zweite, aktuellere Fotostrecke zeigt, wie islamistische Militante in der Swat-Region in Pakistan paradieren. Sie grenzt an Waziristan und galt bis vor kurzem als sichere Gegend unter staatlicher Kontrolle. Damit scheint es vorbei zu sein - das sollen die Bilder belegen.

Auf großen Tischen sammeln Kämpfer Waffen und Geld. Möglich, dass ein Teil dieser Ressourcen für den Krieg der verbrüderten Taliban im benachbarten Afghanistan bestimmt ist. Gewiss aber werden sie auch zugunsten jener Dschihad-Kämpfer eingesetzt, die den Sturz von Präsident Pervez Musharraf zum Ziel haben.

"Erster Schritt für die islamische Revolution"

Beide Fotoserien werden begeistert kommentiert, stehen sie doch in den Augen der Dschihad-Begeisterten für eine neue Offensive im Kampf gegen Pakistans Regime. "Ihr müsst diese Bilder verbreiten - sie sind ein Ansporn für die Mudschahidin", schreibt ein Diskutant. Ein anderer: "Möge Gott den Mudschahidin gegen den Teufel Musharraf beistehen!" Einer droht: "Musharrafs Soldaten werden von uns nur Tod und Vernichtung zu erwarten haben."

Dass militante Islamisten inner- und außerhalb Pakistans den Präsidenten und Armeechef Musharraf zum Feind ausrufen, ist nicht neu. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatte er sich auf die Seite der USA und ihres "Kriegs gegen der Terror" geschlagen. Schon 2003 gab es zwei Attentatsversuche auf ihn, die von al-Qaida ausgegangen sein dürften.

Neu ist, dass sich die Dschihadisten ihrem Ziel eines Umsturzes in Pakistan noch nie so nahe gefühlt haben. Sie sind zahlreicher und schlagkräftiger denn je. Dass Musharraf am Wochenende die Verfassung außer Kraft gesetzt und den Notstand ausgerufen hat, befeuert sie nur. In ihren Augen hat sich der Tyrann nun offenbart - und zugleich seine Machtlosigkeit zugegeben.

Es ist eine gefährliche und schwer durchschaubare Mixtur aus ausländischen Dschihadisten, afghanischen Taliban und einheimischen Terrorgruppen und Militanten, die das Land in Atem halten. Fast täglich explodieren Sprengsätze oder werden Soldaten entführt. Längst gibt es kein eindeutiges Zentrum mehr.

Lange Zeit galt Waziristan, die Grenzregion zu Afghanistan, als Pakistans Unruheherd. Hier hat die Zentralregion traditionell wenig zu sagen. Zwei Waffenstillstandsabkommen zwischen Armee und lokalen Stammesführern 2005 und 2006 haben nichts bewirkt. Im Gegenteil: Al-Qaida und Co. errichten dort seit neuestem sogar wieder Trainingslager. Und auch jenseits dieser traditionellen Unruheregion brodelt es inzwischen.

Vom Touristenparadies zur Unruheregion

Anfang des Jahres sprengten sich zwei pakistanische Selbstmordattentäter vor dem Marriott-Hotel und dem Flughafen von Islamabad in die Luft. Im Sommer verschanzten sich Hunderte Islamisten in der Roten Moschee in der Hauptstadt - sie forderten die Islamisierung Pakistans. Musharraf ließ das Gebetshaus stürmen. Der Anführer der Entzürnten, Abdul Rashid Ghazi, starb dabei. Kurz zuvor verkündete er noch: "Unser Blut wird der erste Schritt der islamischen Revolution sein."

Pakistan - für Terroristen "wie die Schulter, von der man die Granate abfeuert"

Osama Bin Laden, Gründer und Führer al-Qaidas, versuchte aus Ghazis Tod Kapital zu schlagen. Im September rief er die "gewöhnlichen Leute" in Pakistan dazu auf, den "ungläubigen" Staatschef für Ghazis Tod zur Rechenschaft zu ziehen. Musharrafs Loyalität gegen Amerika habe es unumgänglich gemacht, "gegen ihn zu rebellieren und ihn zu entfernen".

Vor zwei Wochen schließlich kam es dann erstmals zu Kämpfen zwischen Armee und militanten Islamisten in der Swat-Region, einem vormaligen Touristenparadies.

Taliban-Sympathisanten in der Armee

Keine Frage: Die Dschihadisten gewinnen an Boden. Musharraf und seine Armee sind entweder nicht willens oder nicht fähig, die Bedrohung auszuschalten.

Offiziell ist der Machthaber dem Kampf gegen den Terror verpflichtet. Aber es ist kein Geheimnis, dass Teile seines Apparats, auch des Geheimdienstes eher mit den Taliban als mit den USA sympathisieren.

Wenn sie durchgreifen, dann noch am ehesten gegen ausländische Terroristen in Pakistan. 9/11-Mastermind Khalid Scheich Mohammed und Qaida-Logistiker Abu Zubaydah wurden in Pakistan gefangen genommen, zuletzt auch der hochrangige Taliban-Führer Mullah Obaidullah Akhund - US-Vizepräsident Dick Cheney hatte persönlich Druck gemacht.

Oft aber warnen Militärs die pakistanischen Militanten sogar. Grundsätzlich können sich auch afghanische Taliban-Führer in dem Nachbarland sicher fühlen. Im Winter, wenn in Afghanistan die Kämpfe abflauen, kommen viele von ihnen nach Pakistan, um hier in Ruhe zu predigen, sich auszukurieren oder in Koranschulen zu studieren.

Was, wenn Musharraf ermordet wird?

Das US-Magazin "Newsweek" zitiert in seiner aktuellen Ausgabe gleich eine Handvoll afghanischer Taliban-Kommandeure, die in Pakistan ungehindert Waffen kaufen, Geld sammeln, Rekruten suchen und Strategiebesprechungen abhalten. Manche halten sich regelmäßig sechs Monate pro Jahr dort auf. "Die Pakistaner wissen alles über uns, aber sie ignorieren uns", sagt einer von ihnen. Pakistan sei "wie die Schulter, von der man seine Granate abfeuert", freut sich ein zweiter. Gelänge es den pakistanischen Islamisten, die Macht an sich zu reißen, wäre das ein internationaler Albtraum. Denn Pakistan hat Atomwaffen. Allerdings gilt dieses Worst Case Scenario als nicht sonderlich wahrscheinlich. Zu unterschiedlich sind die islamistischen Bewegungen, zu wenig koordiniert. Und nicht alle streben nach der Macht im Staate, schon gar nicht die ausländischen Mudschahidin. Aber so weit müsste es wohl auch nicht kommen, damit Pakistan durch Dschihadisten ins Chaos gestürzt wird. Es würde schon reichen, wenn das nächste Attentat auf Musharraf gelingt. Zuletzt wurde sein Flugzeug im Juli dieses Jahres beschossen. Das Geheimdienst-Magazin "Jane's" kommt zu dem klaren Ergebnis, dass mit Musharrafs Ermordung ständig zu rechnen ist.

Der Zwei-Fronten-Krieg des Präsidenten

Seit der Ausrufung des Notstands am Samstag ist es derzeit allerdings eher die politische Opposition, die sich mit der Staatsmacht anlegt. Hunderte Anwälte protestierten am Montag gegen Musharrafs Quasi-Coup - . Schon am Wochenende waren Hunderte Oppositionelle festgenommen oder unter Hausarrest gestellt worden.

Musharraf kämpft eben an zwei Fronten um die Macht - und das Timing seines Aktionsplans spricht dafür, dass er sich durch die politischen Gegner im Moment am stärksten bedroht fühlt.

An diesem Dienstag hätte das Oberste Gericht des Landes verkündet, ob Musharraf überhaupt weiter Staats- und Armeechef zugleich sein darf. Dem kam Musharraf zuvor - indem er den Obersten Richter entließ.

Die Turbulenzen an der politischen Front werden die Dschihadisten nicht davon abhalten, Musharraf von der zweiten Front aus anzugreifen. Wie groß die Bedrohung für Pakistan durch die islamistischen Militanten ist, kann niemand wirklich einschätzen. Die Gefahr für Musharrafs Leib und Leben aber ist seit dem Wochenende noch einmal gestiegen.

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