Pakistan: Nervenkrieg um Rote Moschee - DER SPIEGEL
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Pakistan Nervenkrieg um Rote Moschee

Der blutige Kampf um die Rote Moschee geht weiter: Der Islamisten-Anführer Ghazi machte die Sicherheitskräfte für den Tod von über 70 Koranschülern verantwortlich. In der Nacht hatte die Polizei ein weiteres Seminar Ghazis gestürmt und Dutzende junge Männer festgenommen.
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Islamabad - Im Nervenkrieg um die Rote Moschee in Islamabad hat der Anführer der Islamisten, Abdul Rashid Ghazi, den Regierungstruppen den Tod von mehr als 70 seiner Schüler zur Last gelegt. Bis zu 80 tote Koranschüler seien nach Beschuss der Sicherheitskräfte gezählt worden, sagte Ghazi am Samstag dem Fernsehsender Geo.

Nach Regierungsangaben fielen dem gewaltsamen Konflikt mit den in der Moschee verschanzten Islamisten seit Dienstag 19 Menschen zum Opfer. Ghazi bekräftigte seine Entschlossenheit, sich nicht zu ergeben. Er und seine Anhänger seien zwar bereit, ihre Waffen niederzulegen, sagte er. "Aber wir dürfen nicht festgenommen werden. Wir sind bereit, den Märtyrertod zu sterben."

Innenminister Aftab Khan Sherpao wies die Forderung zurück und betonte, Ghazi müsse vor Gericht zur Verantwortung gezogen werden. Auch über Nacht waren erneut Explosionen und Schüsse zu hören. Tausende Soldaten halten die Rote Moschee umstellt, auf deren Gelände die Behörden rund 100 Islamisten und zahlreiche Schüler und Schülerinnen vermuten.

Ein Regierungsvertreter hatte erklärt, die Streitkräfte würden das Gotteshaus nicht stürmen, solange sich noch Frauen und Kinder auf dem Gelände befänden. Vor Sonnenaufgang brachte die Polizei ein weiteres Seminar Ghazis in Islamabad unter ihre Kontrolle. Dabei ist es am frühen Samstagmorgen erneut zu heftigen Feuergefechten zwischen den Sicherheitskräften und den Islamisten gekommen. Explosionen erschütterten das Gebäude, Rauch und Flammen stiegen aus dem Komplex auf, auf dem sich die Religionsschule befindet. Ein Augenzeuge sagte, er habe die Leiche eines Mitglieds der Sicherheitskräfte gesehen. Die Behörden verzeichneten nach eigenen Angaben aber keine Verluste am Samstag. Gegen Mittag verhallten die Schüsse.

Vertreter pakistanischer Religionsparteien boten unterdessen an, in dem Konflikt zu vermitteln. Die Politiker und Religionsführer wollen Ghazi überzeugen, die Kinder, die sich immer noch auf dem Gelände der Moschee befinden, ziehen zu lassen. Die Regierung wirft den Islamisten vor, Frauen und Kinder als menschliche Schutzschilde einzusetzen. Ghazi wies dies zurück.

Am Freitag hatte sich Ghazi noch geweigert, die Delegation islamistischer Gelehrter und Politiker zu empfangen. Die Verhandlungsgruppe kam inzwischen zusammen, betrat das Gelände der Moschee aber zunächst offenbar nicht.

Die Rote Moschee, so benannt nach ihren roten Mauern, gilt schon seit längerem als Hochburg des militanten Islamismus in Pakistan. Auch al-Qaida-Gründer Osama Bin Laden unterhielt einst enge Kontakte zu den dortigen Geistlichen. Der Moschee sind zwei Koranschulen angeschlossen, aus denen in den achtziger Jahren viele "heilige Krieger" für den Kampf gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan hervorgingen. In jüngster Zeit wurde die Moschee zum Zentrum des Widerstands gegen die USA-freundliche Politik von Präsident Pervez Musharraf.

Pakistans Präsident Pervez Musharraf war gestern einem Anschlag entkommen: Nach Angaben von Sicherheitskräften gaben Unbekannte kurz nach dem Start seiner Maschine vom Militärstützpunkt bei Islamabad Schüsse ab, trafen aber nicht. In einem nahegelegenen Haus stellten die Ermittler zwei Luftabwehrwaffen sicher, ein Verdächtiger wurde festgenommen.

flo/Reuters/AFP