Palästinenser Neue Spekulationen um Arafats Tod
Jerusalem/Hamburg - Zwar ist mittlerweile sicher, dass Arafat letztlich einem Schlaganfall erlag, berichten heute übereinstimmend die "New York Times" und die israelische Tageszeitung "Haaretz". Trotz intensiver Untersuchungen seien jedoch bis heute die genauen Gründe für die schwere Gehirnblutung, und welche Krankheit zur Verschlechterung seines Gesundheitszustandes führte, unklar. Erst hieß es, der 75-Jährige leide nur unter einer Erkältung, dann verschlechterte sich sein Gesundheitszustand aber rapide und am 3. November vergangenen Jahres fiel der Palästinenserpräsident ins Koma. Arafats abgemagertes Äußeres hatte frühzeitig Spekulationen genährt, er leide an der Immunschwächekrankheit Aids. Oder war es eine andere Infektion oder führte gar eine Vergiftung zu seinem Tod am 11. November in einem Pariser Militärkrankenhaus?
Laut einem vertraulichen Bericht der französischen Ärzte, die Arafat während seiner letzten Wochen behandelten, können diese drei Möglichkeiten laut "Haaretz" als mögliche Todesursachen nicht ausgeschlossen werden. Die Zeitung stützt sich dabei auf ein Buch israelischer Journalisten zum Tod Arafats, das demnächst in einer Neuauflage auf Hebräisch erscheinen soll. "Haaretz" veröffentlichte eine kopierte Seite aus dem Befund und berichtete, dass sich die Mediziner aus dem In- und Ausland bislang nicht auf eine Todesursache einigen konnten.
Der streng vertrauliche ärztliche Befund sei Arafats Witwe Suha und der palästinensischen Führung mitgeteilt worden, berichteten die Zeitungen weiter. Ein Teil des Befundes findet sich jedoch auch in der neuen Ausgabe des Buchs "Der siebte Krieg" der israelischen Journalisten Amos Harel von der "Haaretz" und Avi Isacharoff von Radio Israel, das Ende des Monats erscheinen soll. Laut den Autoren zeigen die "Diskussionen unter zahlreichen Experten, dass es nicht möglich ist, eine einzige Ursache für die verschiedenen Symptome zu bestimmen, die zum Tod des Patienten führten".
"Ich glaube heute, dass er vergiftet wurde"
Professor Gil Lugassi, Chef der israelischen Hämatologischen Gesellschaft, der den Bericht der französischen Ärzte gelesen hat, meint, dass die in dem Bericht beschriebenen Symptome typisch für Aids seien. Für ihn sei es "unfassbar", vollkommen "unakzeptabel" und "bizarr", dass Arafats Blut daraufhin nicht untersucht worden sein soll und diese Möglichkeit in dem Bericht somit ausgeschlossen werde.
Palästinensische Ärzte beharren dem Buch zufolge anders als ausländische Experten auf der These, dass Arafat absichtlich von Israelis vergiftet worden sei. Arafats Leibarzt Aschraf al-Kurdi, der nicht an den Behandlungen in Paris mitwirkte, wurde laut "Haaretz" von den französischen Ärzten darüber informiert, dass im Blut des Patienten das Aids-Virus nachgewiesen worden sei. Al-Kurdi vertrat jedoch in einem Gespräch mit der "NYT" die Ansicht, dass es dem Ex-Präsidenten zugeführt worden sei, um die Spuren einer Vergiftung zu verwischen: "Ich glaube heute, dass er vergiftet wurde."
Auch hochrangige palästinensische Sicherheitsvertreter wie Mohammed Dahlan und Dschibril Radschub sind laut den Zeitungsberichten von der Vergiftungsthese überzeugt. Laut palästinensischen Angaben könnte das angeblich verwendete, mysteriöse Gift dem ähneln, das angeblich schon 1997 bei dem Auftragsmord an Hamas-Führer Khaled Meshal in Amman benutzt worden sei.
Gegen eine Vergiftung spricht laut "NYT" jedoch, dass die französischen Ärzte Arafats Blut in drei verschiedenen Laboratorien auf Giftspuren haben testen lassen - ohne Ergebnis. Allerdings vertreten auch einige israelische Experten die Überzeugung, dass sich Arafat wahrscheinlich bei einem Essen am 12. Oktober, also einen Monat vor seinem Tod, vergiftet haben soll. Wie bereits kurz nach Arafats Tod, wies Israels Premierminister Ariel Scharon die neuen Spekulationen um eine Vergiftung jedoch als "absoluten Quatsch" zurück.