Parteitag in Boston: Kerrys Nagelprobe - DER SPIEGEL
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Parteitag in Boston Kerrys Nagelprobe

Jede Bewegung, jede Geste, jedes Wort kann entscheidend sein: Heute Nacht zeigt sich, ob John Kerry Amtsinhaber George W. Bush besiegen kann oder nicht. Vor Millionen Fernsehzuschauern wird der Herausforderer seine mit Spannung erwartete Rede auf dem Parteitag der Demokraten in Boston halten.
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Boston - Drei Monate vor der US-Präsidentenwahl am 2. November muss Kerry den Amerikanern seine Botschaft vermitteln, ihnen erklären, wer er ist und was seine Ziele sind. Kurzum: Kerry muss nach seiner Nominierung auf dem Parteitag den amerikanischen Wählern erklären, warum sie für ihn und nicht für Bush stimmen sollen.

Für Kerry beginnt der Wahlkampf also eigentlich heute Nacht von vorn. Denn bislang sprach er in der Vorwahlzeit immer nur vor einem begrenzten Publikum, das ohnehin demokratisch wählte. In Boston aber muss er vor Zig-Millionen Fernsehzuschauern zur besten Sendezeit brillieren. Bis zum Showdown in den TV-Duellen mit Bush wird er auch nicht mehr Gelegenheit haben, vor einem solch großen Publikum zu sprechen. Bush hat es da sehr viel leichter - als amtierender Präsident hat er im Weißen Haus permanent eine große politische Bühne.

Kerrys Rede zur Annahme der Kandidatur ist deshalb zugleich Höhepunkt und Abschluss der viertägigen Parteiversammlung in seiner Heimatstadt Boston. Er will in seiner Ansprache auch über sich selbst erzählen. Zwar wissen die meisten, dass er ein Veteran des Vietnamkrieges ist, aber laut Umfragen ist den meisten Wählern der Mensch Kerry nur wenig bekannt. Seit Woche schreibt Kerry angeblich an der Rede, die sein Leben verändern soll.

Natürlich wird es dabei auch um den Irak-Krieg und den Kampf gegen den Terrorismus gehen - heikle Themen, die Antworten erfordern, auf die die Republikaner große Hoffnungen setzen. Denn sie halten Kerry vor, ständig die Positionen zu wechseln und einen Zickzack-Kurs zu betreiben. Im Oktober 2002 stimmte der Senator zum Beispiel für die Resolution, die Bush zum Einsatz militärischer Mittel gegen Saddam Hussein ermächtigte. In einem TV-Spot zeigt das Bush-Lager jetzt Anti-Kriegs-Aussagen Kerrys aus der Vorwahlzeit. Zurzeit ist Kerrys Position, ein Abzug der US-Truppen aus dem Irak sei ohne vorherige Stabilisierung des Landes nicht machbar.

Die Demokraten hoffen, dass Kerry mit seiner Rede seinen leichten Vorsprung vor Bush noch ausbauen kann. Seinen Vorgängern wie zum Beispiel Bill Clinton war es mit ihren Ansprachen gelungen, zum Teil zweistellige Zuwächse bei den Umfragen herauszuholen. Senator John Edwards, der Kerrys Vizepräsident werden soll, pries ihn in seiner Rede als "entschlossenen und starken Führer" und rief die US-Wähler zu einem Kurswechsel auf. "Die Hoffnung ist unterwegs", rief Edwards aus. Die Amerikaner hätten ab jetzt und bis November die Möglichkeit, die "müde, alte und von Hass erfüllte, negative Politik der Regierung Bush hinter sich zu lassen und sich einer Politik der Hoffnung, der Politik dessen, was möglich ist, anzuschließen".

In Begleitung ehemaliger Marine-Kameraden kam "JFK" John Forbes Kerry, der damit die gleichen Initialen wie sein großes Vorbild John F. Kennedy hat, mit einem Wassertaxi in Boston an. Nach dem großen Auftritt im Fleet Center wartet auf den Multimillionär eine Knochentour: Zusammen mit seinem Vize Edwards wird er zu einer zehntägigen Busreise quer durch die USA aufbrechen, um auch die letzten Wähler von sich zu überzeugen.