Pilger Jelzin In Sektlaune durch Jerusalem
Bethlehem/Jerusalem - Boris Jelzin hat seinen Besuch im Heiligen Land offensichtlich genossen. Dass seine Begleiter ihm hin und wieder das Glas aus der Hand nahmen, wenn er seinen vielen Gastgebern bei Empfängen zu oft zuprostete, tat seiner guten Laune keinen Abbruch. Tief gerührt zeigte er sich dann beim Gottesdienst am Freitagmorgen in der Geburtskirche in Bethlehem, der seinen Besuch beendete.
Als "Pilger", so hieß es offiziell, war der ehemalige Kommunist für drei Tage nach Israel und die Palästinenser- Gebiete gereist, um das Weihnachtsfest der orthodoxen Kirchen mitzufeiern. Zusammen mit seiner Frau Naina und den Präsidenten Weißrusslands, der Ukraine, Moldawiens, Georgiens, Rumäniens und Griechenlands erfreute sich Jelzin an Gesängen und der festlichen Stimmung.
Am Donnerstagabend blieb Jelzin nur zum festlichen Abendessen mit Palästinenserpräsident Jassir Arafat in Bethlehem, der Geburtstadt Jesu. Während der Moslem Arafat (70) die Mitternachtsmesse in der Geburtskirche mitfeierte, lag Jelzin in seinem Hotelbett im Jerusalem Hilton, in derselben Suite, die auch Präsident Clinton gewöhnlich benutzt. Überhaupt gebarte sich der am Silvesterabend zurückgetretene Jelzin wie ein Präsident. Angereist in der Präsidentenmaschine, wurde der schwächelnde 68-Jährige auf all seinen Wegen von einem Krankenwagen, seinen persönlichen Ärzten und einem riesigen Sicherheitsaufgebot begleitet.
Die Zeitung "Jediot Acharonot" überlieferte so seine Ankunftsworte: "Ich freue mich, im Heiligen Lande zu sein. Die Russen waren schon immer hier und haben Einfluss ausgeübt". Jelzin genoss ganz offensichtlich die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde: "Ich bin noch nicht zurückgetreten", scherzte er in Jerusalem und bezeichnete sich selbst als Heiliger Präsident im Heiligen Land. Wie selbstverständlich war es denn auch, dass seine schwarze Limousine immer als letzte bei den verschiedenen Veranstaltungen vorfuhr, obwohl sechs amtierende Präsidenten christlich- orthodoxer Länder ebenfalls an den Feierlichkeiten teilnahmen.
Seine Stimmungen wechselten von Stunde zu Stunde. Wie Jelzin wussten auch seine Gastgeber nicht immer, ob sie lachen oder weinen sollten. Beim Mittagessen mit Israels Staatspräsident Eser Weizman am Donnerstag brachte Jelzin einen Toast auf "die Gesundheit der Freunde des Präsidenten" aus. Der russische Ex-Präsident war sich ganz offensichtlich nicht bewusst, dass Weizman wegen Geldspenden eines befreundeten französischen Millionärs erheblich unter Druck steht. Weizman, als undiplomatischer "Sprücheklopfer" in der Kritik, wirkte peinlich berührt vom Verhalten seines um mehrere Jahre jüngeren russischen Gastes.
Für Arafats Ohren hatte Jelzin dagegen frohe Botschaft: Er versprach Arafat Unterstützung für einen Palästinenserstaat. Auch ansonsten ging der Mann aus Moskau großzügig mit Worten um. Im griechisch-orthodoxen Patriarchat erklärte er: "Als Präsident Nummer Eins werde ich für das wirtschaftliche Wohl des tschetschenischen Volkes sorgen." Die tschetschenischen "Terroristen" wollte Jelzin allerdings innerhalb eines Monats "erledigt" sehen.
Hatte Jelzin in der letzten Phase seiner Amtszeit aus Gesundheitsgründen und wegen seiner sinkenden Popularität sehr zurückgezogen agiert, zeigte er sich im Nahen Osten von seiner volksnahen Seite: In Jerusalem schüttelte er die Hände russischer Pilger und in Bethlehem warf er Küsse ins applaudierende Publikum.