Politik-Aufsteiger 2012 Krisenhelfer, Königsmacher, Kämpferherz
Berlin - Es wird ein Jahr der Wahlen und Machtproben: In Russland will sich Wladimir Putin erneut zum Präsidenten küren lassen, auch in der Volksrepublik China wird das Spitzenpersonal ausgetauscht. 2012 wird zudem ein Schlüsseljahr für die Länder des Arabischen Frühlings.
In Europa muss Dänemark beweisen, dass es auf dem Höhepunkt der Euro-Krise vermitteln kann. In Deutschland wird eine spannende Landtagswahl in Schleswig-Holstein Gradmesser für den Zustand der schwarz-gelben Koalition.
Welche Newcomer mischen den Polit-Betrieb auf, welche alten Hasen wollen es noch einmal wissen? Wer fordert den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy heraus, welche Widerstandskämpferin setzt nach Jahrzehnten des Arrests ihre Karriere fort?
Über wen wird die Welt in den kommenden Monaten reden, wer bestimmt die Schlagzeilen? SPIEGEL ONLINE stellt die Aufsteiger der Politik für 2012 vor - klicken Sie sich durch die Persönlichkeiten.
Islamistische Parteien im Arabischen Frühling
Tunesischer Übergangspremier Hamadi Jebali: Aufstieg des politischen Islam
Foto: FETHI BELAID/ AFPIn Tunesien haben sie schon gewonnen, in Ägypten werden sie wohl ebenfalls eine komfortable Mehrheit erzielen, und die neue libysche Übergangsregierung ist zumindest islamistisch grundiert: Der politische Islam ist einer der Gewinner der arabischen Revolutionen. Jahrzehntelang unterdrückt, gelten die Islamisten vor allem unter einfachen Leuten als weniger korrupt und als Garanten einer eigenen, nicht-westlichen Identität.
So gesehen ist ihr Aufstieg verständlich, auch wenn die Islamisten in Ägypten und Tunesien nicht zu denen gehörten, die die Revolution angezettelt haben. Die Liberalen und Säkularen, treibende Kräfte des Umsturzes, sind eben nur eine Minderheit. Doch der Aufstieg der islamistischen Parteien wird argwöhnisch beobachtet - im Inneren wie von außen. Wie halten es die Islamisten mit den bürgerlichen und religiösen Freiheiten, mit den Frauenrechten, mit dem Rechtsstaatsgedanken?
Der politische Islam ist eine breite Strömung, es gibt moderate Islamisten, die sich am türkischen Modell orientieren, und es gibt Radikale, die eher in Richtung Saudi-Arabien oder Iran blicken. 2012 wird ein entscheidendes Jahr: für den Fortgang der arabischen Revolte und für die Rolle, die Islamisten bei der Neugestaltung dieser Gesellschaften spielen wollen - und können.
Xi Jinping, der neue Mann an Chinas Spitze
Chinesischer Vizepräsident Xi Jinping: "Prinzling" an der Spitze des Riesenreichs
Foto: Nguyen Huy Kham Pool/ dpaEr ist auserkoren, einer der mächtigsten Männer der Welt zu werden - vielleicht sogar der mächtigste: Wenn sich die Kommunistische Partei (KP) im Herbst 2012 versammelt, wird sie den derzeitigen Vizepräsidenten Xi Jinping offiziell zum Nachfolger von Präsident Hu Jintao küren. Auf dem Parteitag wird Xi zunächst Hu als Generalsekretär beerben, um ihn im Frühjahr 2013 dann als Staatsoberhaupt zu ersetzen. Die Ablöse steht schon lange fest, denn Xi ist über alle Parteiflügel hinweg akzeptabel. Er kommt aus gutem Hause, seine Familie zählt zum roten Hochadel.
Der 58-Jährige ist Sohn des ehemaligen Guerillakämpfers und späteren Vizepremiers Xi Zhongxun und somit ein "Prinzling" - ein Mitglied jener einflussreichen Klasse von Söhnen und Töchtern verdienter Genossen, die unter dem Schutzschirm ihrer Eltern in der KP-Hierarchie aufstiegen. Für Volksnähe sorgt seine Ehefrau Peng Liyuan, eine in China populäre Schlagersängerin und Generalmajorin der Armee-Kulturtruppe. Xi sei kein intellektueller Überflieger, aber "berechnend, selbstbewusst und konzentriert", schrieben Diplomaten der Pekinger US-Botschaft einmal über ihn.
Öffnung und Modernisierung ist mit dem Personalwechsel an der Spitze allerdings nicht zu erwarten: Von demokratischen Reformen hält Xi wenig. Er ist davon überzeugt, betont er öffentlich, dass nur eine kleine Elite Chinas soziale Stabilität bewahren und das Land zu neuer Größe führen kann: Die "Prinzlinge", sagt er, seien die legitimen Erben der chinesischen Revolution.
Londons Regent Boris Johnson
Londons Bürgermeister Boris Johnson: Höhere Ambitionen garantiert
Foto: Kirsty Wigglesworth/ APBoris Johnson, 47, hat gute Chancen, am 3. Mai eine zweite Amtszeit als Londoner Bürgermeister zu gewinnen. Der Konservative mit dem blonden Wuschelhaar ist in der Acht-Millionen-Stadt wegen seines schalkhaften Humors und seiner Bürgernähe beliebt. Vor allem versteht der gelernte Journalist es meisterhaft, sich medienwirksam in Szene zu setzen. Die städtischen Mietfahrräder, die er 2010 einführte, wurden sogleich "Boris Bikes" getauft - obwohl die Idee von seinem Vorgänger stammte.
Johnsons Herausforderer ist kein leichter Gegner: Labour-Kandidat Ken Livingstone, 66, war bereits von 2000 bis 2008 Bürgermeister und sinnt auf Revanche beim zweiten Duell gegen Johnson. Beide Männer sind unabhängig denkende Charismatiker und landesweit unter ihrem Vornamen bekannt. Obwohl London eine Labour-Hochburg ist, liegt der "rote Ken" in den Umfragen deutlich hinter "Boris".
Livingstone, der bereits in den achtziger Jahren dem Stadtrat vorsaß, gilt als Mann von gestern, Johnson hingegen als Mann von morgen. Ihm werden noch höhere Ambitionen nachgesagt: Tory-Insider wetten darauf, dass er Premierminister David Cameron beerben will.
Der Europaparlamentarier Martin Schulz
Europaparlamentarier Martin Schulz: Streitbarer Rheinländer in neuem Amt
Foto: dapdMartin Schulz, 56, will sich am 17. Januar zum Präsidenten des Europaparlaments wählen lassen. Die Wahl des Deutschen gilt als sicher, weil sie auf einer Absprache zwischen den beiden großen Fraktionen beruht. Die konservative EVP stellte seit 2009 mit dem Polen Jerzy Buzek den Präsidenten. Nach der Hälfte der fünfjährigen Legislaturperiode ist nun Sozialdemokrat Schulz dran.
Der Rheinländer ist bei seinen Kollegen wegen seiner polternden Art umstritten. Allerdings gilt er als durchsetzungsstark und wird in dem Amt wohl mehr Akzente setzen als sein blasser Vorgänger. Schulz ist ein Brüssel-Veteran, seit 17 Jahren ist er Europaabgeordneter, seit 2004 Vorsitzender der sozialdemokratischen Fraktion.
Auch in Berlin hat er als jahrelanges Mitglied der engeren SPD-Führung großen Einfluss. Er ist ein glühender Verfechter der europäischen Integration, für die Euro-Krise sieht er nur eine Lösung: "Mehr Europa."
Der Sarkozy-Herausforderer François Hollande
Sarkozy-Herausforderer François Hollande: Fröhlicher Kumpel mit Chancen auf den Sieg
Foto: Sean Gallup/ Getty ImagesDer Mann hat Charme, Intelligenz und politische Erfahrung. Er hat die staatliche Kaderschmiede Ena mit Erfolg absolviert, arbeitete unter Präsident François Mitterrand im Elysée, machte Karriere innerhalb der Sozialistischen Partei (PS) und stand jahrelang an der Spitze der wichtigsten Oppositionspartei Frankreichs. François Hollande, 58, wurde im Oktober mit großer Zustimmung als Gegenkandidat von Staatschef Nicolas Sarkozy für die Wahlen im kommenden April designiert.
In den Umfragen liegt er deutlich vorn - und trotzdem tut er sich schwer, ein "präsidiables" Profil zu verbreiten. Der Mann aus der ländlichen Region der Corrèze, im persönlichen Umgang ein fröhlicher Kumpel, wirkt in der Öffentlichkeit oft unentschieden, blass und ohne Biss. Dabei hätte er alle Chancen auf einen Sieg: Sarkozys Bilanz ist nicht erst seit der Wirtschaftskrise belastet von dramatisch wachsenden Schulden, einem horrenden Haushaltsdefizit und einer stetig steigenden Arbeitslosigkeit.
Sarkozy versäumt denn auch keine Gelegenheit, auf die fehlende Erfahrung seines Gegners in Ministerämtern hinzuweisen oder dessen mangelnde Kontakte auf diplomatischem Parkett. Hollande wird von Sarkozy und dessen Parteifreunden als "Mann ohne Eigenschaften" verhöhnt, selbst Parteigenossen zweifeln seine Eignung wegen mangelnden Machtwillens an. Mitte Januar will er in die Offensive gehen: Dann wird Hollande seinen Gegenentwurf zum Sarkozy-Programm veröffentlichen, bestimmt von einer "Moralisierung der Politik". Versprochen hat er "starkes Engagement für die wichtigsten Fragen" der Nation. Dann beginnt die heiße Phase des Wahlkampfs.
Der FDP-Krisenmanager Patrick Döring
FDP-Generalsekretär Patrick Döring: Der Mann für die lauten Töne
Foto: dapdPatrick Döring, 38, hat wahrlich keinen leichten Job übernommen. Die FDP ist nach einem Katastrophenjahr eine Partei in Auflösung. In den Umfragen siechen die Freien Demokraten in den Sphären einer Splitterpartei vor sich hin, Parteichef Philipp Rösler taumelt trotz gewonnener Euro-Abstimmung.
Jetzt soll Döring die Liberalen als designierter Generalsekretär wieder "kampagnenfähig" machen. Dabei dürfte es beim selbsternannten "Politik-Handwerker" künftig robuster zugehen als unter dessen rhetorisch eher geschliffenem Vorgänger Christian Lindner. Der Ärger, den der Neue wegen eines abgefahrenen Autospiegels hat, passt da ganz gut ins Bild, für einen gelungenen Einstand sorgt die Geldbuße wegen Fahrerflucht allerdings nicht gerade.
Nach dem Fehlstart muss Döring den Parteifreunden wieder neues Selbstbewusstsein einflößen, in seinen ersten Interviews versucht er es mit markigen Worten an die Adresse des Koalitionspartners. Ob's hilft? Der erste ernsthafte Stimmungstest kommt im Mai, dann wird in Schleswig-Holstein gewählt. Gut sieht es für die FDP derzeit nicht aus, für Parteichef Rösler könnte die Abstimmung zur Schicksalswahl werden. Und vielleicht auch schon für seinen Generalsekretär.
Robert Habeck, grüner Königsmacher in Schleswig-Holstein
Spitzenkandidat Robert Habeck: Vordenker der neuen Grünen-Generation
Foto: Carsten Rehder/ dpaOhne Robert Habeck, 42, geht vermutlich nichts, wenn Schleswig-Holstein im Frühsommer eine neue Regierung bekommt. Dem Spitzenkandidaten der Grünen könnte nach der Landtagswahl die Rolle des Königsmachers zufallen. Entweder hebt er den Kieler SPD-Oberbürgermeister Torsten Albig auf den Ministerpräsidenten-Thron. Oder er sichert der CDU in Person des bisherigen Wirtschaftsministers Jost de Jager die Macht im Norden.
Der pragmatische Fraktionschef hält sich alle Optionen offen, verbittet sich selbstbewusst jede Einmischung von den Spitzen-Grünen in Berlin. Die wollten nach der enttäuschenden Hauptstadtwahl die schwarz-grüne Option eigentlich ausschließen. Doch Habeck will davon nichts wissen. Kalt lässt ihn die neue Richtungsdebatte allerdings nicht. Sie drückt nämlich auch im Norden auf die Umfragewerte. Die Grünen lagen schon mal bei rund 20 Prozent, jetzt sind es gute 17.
Reichen könnte es trotzdem. Und wenn es glattgeht mit der grünen Regierungsbeteiligung, dann wird Habeck zur bundesweiten grünen Spitzenfigur aufsteigen. Schon jetzt gilt der Schriftsteller und Philosoph, dem der "Playboy" einst ein "glänzendes Aussehen" bescheinigte, als Vordenker der Generation nach Jürgen Trittin und Renate Künast. Das Wort des stellvertretenden Ministerpräsidenten Habeck aber hätte noch mehr Gewicht.
Oskahra - das Tandem Lafontaine und Wagenknecht
Duo Wagenknecht und Lafontaine: In love, in der Politik
Foto: dapdDie grauhaarige Linken-Ikone hat mit der eleganten Hoffnungsträgerin der Partei angebändelt: Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht sind mehr als ein politisches Gespann. Mitte November verkündeten sie ihre gemeinsame Liebesbeziehung. "Ich lebe seit einiger Zeit getrennt und bin mit Sahra eng befreundet", verkündete der 68-jährige Lafontaine auf dem Landesparteitag der Saar-Linken.
Schnell wurden Spekulationen laut, das Paar plane mit dem privaten Neustart auch ein gemeinsames politisches Projekt. Allem Anschein nach könnte 2012 das Jahr des Tandems Lafontaine-Wagenknecht werden: Lafontaine gilt als politischer Mentor der Vizevorsitzenden Wagenknecht, sie wiederum tritt öffentlich für ein bundespolitisches Comeback des jetzigen Saar-Fraktionschefs ein. In letzter Zeit war Lafontaine zunehmend präsent, vor Vertrauten erklärte er zudem, dass er im Notfall auch selbst für den Chefposten antreten würde. Der künftige Parteivorstand wird turnusgemäß im kommenden Juni gewählt.
Einen Neuanfang hat die Partei bitter nötig: Die Linke hat ihre Regierungsbeteiligung in Berlin verloren und musste eine Serie von Pleiten bei Landtagswahlen einstecken. Zudem drücken kraftraubende Flügelkämpfe und wunderliche Aktionen des Führungsduos Gesine Lötzsch und Klaus Ernst auf die Umfragewerte.
Burmas Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi
Friedensnobelpreisträgerin Suu Kyi: Geht mit 66 ins politische Rennen
Foto: © STR New / ReutersIn Burma stehen die Zeichen auf Reformkurs. Der jahrzehntelang streng abgeschottete Staat hat jüngst eine vorsichtige Öffnung eingeleitet. Und sie ist das Gesicht der Veränderung in der einstigen Militärdiktatur: Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Die Ikone des Widerstands wird 2012 zurück in die Politik drängen, bei den Nachwahlen im kommenden Frühjahr will sie für einen Sitz im Parlament kandidieren.
Die letzten Wahlen wurden von westlichen Beobachtern als weder frei noch fair bezeichnet - allein dass die 66-Jährige nun antreten kann, ist eine kleine Revolution. 15 Jahre lang wurde sie von der Militärjunta unter Arrest gehalten, durfte ihr Haus nicht verlassen. Vor einigen Tagen konnte Suu Kyi nun ihre Partei, die Nationalliga für Demokratie (NLD), für die Zulassung zur Wahl registrieren. Den Weg dazu hat ausgerechnet einer ihrer einstigen Widersacher, Präsident Thein Sein, geebnet, indem er die Parteiengesetze änderte. Thein Sein hat einen Dialog mit Suu Kyi begonnen und eine Reihe von Reformen auf den Weg gebracht.
Das politische Tauwetter drückte sich zuletzt in einem historischen Staatsbesuch aus: Anfang Dezember bereiste mit Außenministerin Hillary Clinton erstmals seit mehr als 50 Jahren ein ranghoher US-Regierungsvertreter das Land. Für seine neue Rolle wird das Land jedoch mehr als Symbolik leisten müssen: Hunderte politische Gefangene sitzen Menschenrechtsorganisationen zufolge noch immer hinter Gittern.
Dänemarks Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt
Dänische Premierministerin Thorning-Schmidt: Muss Verhandlungsgeschick beweisen
Foto: GIAMPIERO SPOSITO/ REUTERSKlar, den Ton in der Euro-Krise geben Angela Merkel und Nicolas Sarkozy an. Doch in der ersten Jahreshälfte werden sich die Augen auch auf Helle Thorning-Schmidt richten. Denn das kleine Dänemark, das die groß gewachsene, blonde Sozialdemokratin seit September regiert, übernimmt am 1. Januar für sechs Monate die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union. Damit muss ausgerechnet ein Land, das die Währung selbst nicht hat, im Endspiel um den Euro die Rolle des Schiedsrichters übernehmen und dafür sorgen, dass Europa nicht auseinanderdriftet.
Die Kanzlerin findet das in dieser Situation "vielleicht sogar gerade gut", schließlich könne Dänemark "eine Brücke schlagen" zwischen den Nicht-Euro- und den Euro-Staaten. Anders als ihr britischer Kollege David Cameron hat Thorning-Schmidt jedenfalls klargemacht, dass sie den geplanten neuen Haushaltspakt unterstützt. Der soll bis März stehen - was auch am dänischen Verhandlungsgeschick hängen wird.
Die 45-jährige Thorning-Schmidt gilt als Vollblut-Europäerin, hat das politische Handwerk im EU-Parlament gelernt und möchte Dänemark wieder tiefer in der Gemeinschaft verankern. In die Währungsunion will sie ihr Land nicht führen, aber wenn es nach der Ministerpräsidentin geht, sollen die dänischen Ausstiegsklauseln in der Innen- und Rechtspolitik sowie in der Außen- und Verteidigungspolitik in den kommenden Jahren fallen. Darüber muss das Volk abstimmen - es wird dann auch über das politische Schicksal von Helle Thorning-Schmidt entscheiden.
Der bloggende Putin-Gegner Alexej Nawalny
Russischer Blogger Nawalny: Kampfansage gegen Putin
Foto: Alexander Zemlianichenko/ ASSOCIATED PRESSEr ist 35 Jahre alt, entlarvt im Internet korrupte russische Beamte und wurde während der jüngsten Proteste in Moskau wegen "Widerstands gegen die Staatsgewalt" verhaftet: Der Blogger und Oppositionspolitiker Alexej Nawalny verleiht Russlands Putin-Gegnerschaft ordentlich Auftrieb. Sein regierungskritischer Blog gehört zu den meistgelesenen Internetseiten des Landes.
Bei der Parlamentswahl Anfang Dezember hatte Wladimir Putins Partei "Einiges Russland" die absolute Mehrheit erlangt. Die Opposition wirft ihr Wahlfälschung vor und fordert Neuwahlen. Nawalny will nun selbst in die Politik gehen und eine neue demokratische Oppositionspartei gründen. "Ich bin bereit, um Führungspositionen zu kämpfen, auch um das Präsidentenamt", kündigte Nawalny an. Bei der Präsidentschaftswahl am 4. März kann er allerdings mehr antreten, da die Frist für die Registrierung der Kandidaten abgelaufen ist.
Einstweilen setzt Nawalny auf die Symbolkraft der Massen: Er will einen "Millionenprotest" für faire und freie Wahlen sowie gegen die russische Staatsführung organisieren. Bis Ende Februar sollen in ganz Russland mindestens eine Million Menschen mobilisiert werden, um bei einem gigantischen Protestmarsch auf die Straße zu gehen.
Die Piratin Marina Weisband
Piratin Marina Weisband: "Es gibt eine Bürgerverdrossenheit seitens der Politiker"
Foto: dapdDie Sache mit dem Aussehen, sagt sie, nervt. Ihr Lipgloss, ihre Frisur, ihre Kleider - darüber werde geschrieben und berichtet, aber was sei mit den Inhalten, ihren politischen Positionen? Bei Marina Weisband ist es schwer, an ihrer Außenwirkung vorbeizuschauen: Die 24-Jährige ist einfach präsent, ob in einer stickigen Parteitagshalle oder im Studio von Harald Schmidt.
Weisband studiert Psychologie und führt die Geschäfte der Piratenpartei. Sie singt bei YouTube, bloggt über ihre Arbeit und stellt private Fotos ins Netz. Begründen will sie damit einen neuen Typus des "offenen Politikers". Im teilweise chaotischen Findungsprozess der zerfaserten Partei schafft sie es, die Fäden in der Hand zu halten. Wenn sich einige Piraten mal wieder öffentlich über Skandälchen zanken, ist es oft Weisband, die als Schlichterin bereitsteht, per Twitter deeskalierende Worte in die Debatte wirft.
Im neuen Jahr müssen die Piraten bei der Landtagswahl in Schleswig Holstein beweisen, dass sie kein reines Berlin-Phänomen sind - und sich gleichzeitig für die Bundestagswahl 2013 fitmachen. Dafür müssen sie eine Partei werden, die von der Masse ernstgenommen wird. Weisband könnte die treibende Kraft dafür sein. An Mut zum Appell mangelt es ihr jedenfalls nicht: "Auch wenn wir einander unmöglich finden, müssen wir uns zuhören", rief sie beim letzten Parteitag in Offenbach den Piraten zu. "Also reißt euch zusammen!"