Portugal Papa, hilf!
Lissabon - Nachts ist das alte Eden-Theater im Herzen von Lissabon erleuchtet wie ein Tempel. Weißes Licht strahlt aus den mächtigen Art-Deco-Glastürmen, lodert wie Fackel-Flammen aus deren Spitzen hervor, die den zentralen Restauradores-Platz überragen. In der Mitte der Fassade zwischen zwei wuchtigen Marmorsäulen prunkt in diesen Tagen, über vier Stockwerke des heutigen Apart-Hotels ausgerollt, das Ganzkörperporträt des vielleicht weltweit bekanntesten lebenden Portugiesen: Mário Soares in der Pose des Großen Vorsitzenden und Staatenlenkers.
Mit sakral anmutenden Weihen huldigen hier die Anhänger dem 81-jährigen Greis, der als Vater der portugiesischen Demokratie seit 1974 gilt. Schon seit den 40er Jahren hatte er gegen die Salazar-Diktatur gewirkt. Als linke Offiziere das fast vier Jahrzehnte währende Regime gestürzt hatten, verhinderte er eine kommunistisch geprägte Diktatur. Er war der erste gewählte Premier und ab 1986 zehn Jahre lang Präsident. Jetzt ist der Gründer der Sozialistischen Partei noch einmal angetreten, um zu verhindern, dass erstmals seit der Nelkenrevolution ein Konservativer am kommenden Sonntag zum Staatsoberhaupt gewählt wird.
Aus dem Ruhestand und vom Schreiben seiner Memoiren hat ihn der Mann getrieben, mit dem er ein Jahrzehnt eine schwierige Kohabitation praktiziert hat, der neoliberale Wirtschaftsprofessor Aníbal Cavaco Silva, 66, zwischen 1985 und 1995 Ministerpräsident der in Portugal konservativen Sozialdemokraten. Damals erlebte Portugal goldene Zeiten, als nach dem Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft die Milliarden aus Brüssel strömten und dem Land ein Erwachen aus der "saudade"-getränkten Trauer über den Verlust seiner Kolonien und einen Wirtschaftsboom bescherten.
Erst spät entschlossen sich die Sozialisten, den abgedankten "König Mário" ins Rennen zu schicken. Da hatte schon ein linker Parteifreund, der Schriftsteller und ehemalige Parlamentspräsident Manuel Alegre, seine Kandidatur angemeldet. Doch die sozialistische Partei glaubt, dass nur der alte Politfuchs Soares in den letzten Wahlkampftagen noch das Wunder bewirken kann zu verhindern, dass die neun Millionen Wahlberechtigten bereits in der ersten Runde den Konservativen küren. Denn allzu deutlich wurde bereits ein brüsker Stimmungswandel, seit im vergangenen Februar die Sozialisten unter José Sócrates, 48, mit absoluter Mehrheit an die Regierung kamen. Der rief bei der Schlusskundgebung vor 8000 Zuhörern im Kongresspalast der Hauptstadt am Donnerstagabend deshalb zur Einheit der Parteianhänger hinter Soares auf. "Die Spaltung der Truppen vor der Schlacht gefährdet immer den Sieg", beschwor er die linken Wähler.
Die letzte Umfrage für die Wochenzeitung Expresso gab Cavaco zwei Tage vor der Wahl um die 53 Prozent. Seine fünf Gegenkandidaten aus dem Lager der Sozialisten und Kommunisten scheinen weit abgeschlagen. Soares, mit vorausgesagten 16,9 Prozent setzt nun alles daran, den zweiten Wahlgang zu erzwingen, um "den Rechten" mit der dann geeinten Linken zu schlagen.
Vor 20 Jahren war Mário Soares das Kunststück schon einmal gelungen.
Deshalb schwor der pai da pátria, der Papa der Portugiesen, mit donnernder Stimme im hässlichen Industrievorort der Hauptstadt Loures seine Anhänger ein: "Wir müssen Portugal überzeugen, dass der Sieg uns gehören muss." Der eisigen Feuchtigkeit der tristen Basketball-Halle trotzte Soares wie einst Sowjet-Potentaten - im dicken Wintermantel. Die Kälte werde durch die "menschliche Wärme" der Kameraden überwunden. Sein neoliberaler Gegner aber sei "wie ein Eukalyptusbaum, unter dem alles Leben abstirbt", scherzte er angriffslustig.
Das Haushaltsdefizit, für das sich die Regierungen seiner Parteifreunde schon Brüsseler Abmahnungen eingefangen haben, "interessiert mich nicht", brüllt der in zahllosen Schlachten gestählte Politiker: "Mich interessiert, ob es Arme gibt in Portugal." Die Sorge um die Schwachen und die Bewahrung der Errungenschaften des Sozialstaats, "die uns 200 Jahre Kampf gekostet haben" führt Soares gegen seinen Konkurrenten ins Feld, dessen Priorität die Sanierung der Wirtschaft ist.
Unermüdlich zeigt der Alte mit den melancholischen braunen Augen unter schweren Lidern Bürgernähe. Er durchkämmt die Straßen des Landes von der Algarve bis nach Porto, vom roten Alentejo bis ins katholische Grenzland zu Spanien. Alles andere als greisenhaft tanzt er mit Trachten-Mädchen, lässt sich mit Süßigkeiten füttern und umarmt alle, die ihm in den Weg treten, gerade auch Arbeiter aus den Ex-Kolonien in Afrika. Soares preist sich als Garant des Bewährten an. "Aus den gleichen Gründen wie immer", so sein Wahlkampfsong, möge das Volk ihm vertrauen. Jugendliche Fans Sticker mit der Victory-Hand und dem coolen Schriftzug "mp3" in hellblau und weiß, für "Mário zum drittenmal Präsident". "Soares é fixe", rufen die Unentwegten, er ist top, unverwüstlich, auf ihn ist Verlass.
Denn Portugal steckt seit der Jahrtausendwende in der Krise. Zum sechsten Mal in Folge wird 2006 die Wirtschaft mit höchstens 0,8 Prozent weit weniger als im EU-Schnitt wachsen. Inflation und Haushaltsdefizit werden wieder den Stabilitätspakt sprengen. So viele Arbeitslose gab es seit 20 Jahren nicht mehr, offiziell acht, doch nach Angaben der Gewerkschaften fast zehn Prozent. "Wir sind die schlechtesten unter den 25", klagte jüngst der angesehene Kommentator Miguel Sousa Tavares in der Wochenzeitung Expresso. Auch im Erziehungs- und Gesundheitswesen, was die Tauglichkeit der Justiz und die Effizienz des Beamtenheers angeht, ist Portugal Schlusslicht der EU. Die Gelder aus Brüssel seien versickert in "einigen Autobahnkilometern, Landwirtschaftsbetrug und vorgetäuschten Fortbildungsprojekten".
Auch die vor einem Jahr mit so vielen Hoffnungen angetretene sozialistische Regierung hat inzwischen an Glanz verloren. Als eine Haushaltsprüfung ergab, dass das Defizit unter den sozialdemokratischen Vorgängern José Manuel Durão Barroso und Pedro Santana Lopes trotz Sparpolitik auf sechs Prozent des Bruttoinlandprodukts angeschwollen war, musste der versprochene "technologische Schock" erstmal warten. Statt ihre Löhne zu erhöhen musste der junge Premier die Privilegien der Beamten stutzen und die Mehrwertsteuer auf 21 Prozent anheben. Nach vier Monaten bereits gab der Finanzminister auf.
"Weil Portugal in großen Schwierigkeiten steckt", erklärt der sozialistische Altmeister Soares, der vor 22 Jahren als Premier selbst unpopuläre Sanierungsmaßnahmen durchsetzen mußte, habe er sich der neuerlichen Kandidatur nicht verweigern können, "jetzt, wo ich weise und gesund bin". Als Retter des Vaterlandes oder seiner Partei verstehe er sich nicht, sondern als Garanten für politische Stabilität und sozialen Frieden. Als "Erleuchteten", einen Neunmalklugen mit messianischen Tendenzen, diffamiert er dagegen Aníbal Cavaco Silva. Ihm wirft er vor, aus dem Präsidentenpalais Belém heraus die Niederlage der Sozialdemokraten vom vergangenen Februar "rächen" zu wollen. So gefährde der Mann, dem seine Gegner unterstellen er halte sich für unfehlbar, die "Regierbarkeit des Landes".
Denn im halbpräsidentialen System, das Portugals Demokratie nach dem französischen Vorbild vor 30 Jahren installiert hat, besitzt der Präsident ein bedeutendes Machtmittel, "die Atombombe": Er kann das Parlament auflösen und Neuwahlen verordnen, wenn er der Regierung nicht mehr traut. So hat Ende 2003 der sozialistische Präsident Jorge Sampaio den Premier Santana Lopes zu Fall gebracht, als der Sozialdemokrat populistisch den Haushalt zu verschwenden begann.
Die Mehrheit der Portugiesen allerdings, scheint die Vorstellung, dass erstmals ein konservativer Technokrat in Belém Einzug halten könnte, nicht zu schrecken. Wo er auch in den vergangenen Wochen hinkam drängen sich die Bürger um den steifen Cavaco Silva. Selbst in der "vila morena" Grândola aus dem Lied, das Auftaktsignal für die Nelkenrevolution war, bejubelten ihn Anhänger beim Abendessen in einem überfüllten Saal. Der schlanke braungebrannte Professor mit den grauen Schläfen verspricht mehr als nur "Bänder zu durchschneiden". Er will den Unternehmern "Anregungen geben", wie sie sich mit Eigeninitiative aus der Krise befreien können. "Leistung muss sich wieder lohnen". Eine neue Haltung der Portugiesen sei notwendig, man müsse endlich wettbewerbsfähig werden. Dabei empfiehlt er sich als "glaubwürdiges Beispiel für Ehrlichkeit, Strenge und Ehrgeiz".
Der frühere Chef der Sozialdemokraten hat sein Parteibuch zurückgegeben. Cavaco will über den Parteien stehen. Seinen kostspieligen Wahlkampf finanzieren ausschließlich private Spender. Und die von der Politik enttäuschten Landsleute lockt er mit dem Geständnis, bei ihm zu Hause werde wenig über Politk gesprochen, denn seine Frau, Philologie-Professorin an der Katholischen Universität Lissabon, interessiere sich nicht dafür.
Gegen den "engstirnigen Experten" auf dem Sprung ins Präsidentenamt, der keine Allgemeinbildung habe, sich in Geschichte, Literatur und Philosophie nicht auskenne wettert Mário Soares wie besessen. So einer sei nicht geeignet für das höchste Amt im Staat. "Ich bin Politiker mit Leib und Seele, und ich schäme mich nicht Sozialist zu sein. Denn ich stelle mein politisches Denken ganz in den Dienst der Portugiesen", wirbt Soares. Der alte Ideologe, der während seiner Zeit im französischen Exil einer Freimaurerloge angehörte, möchte "Moderator der Gesellschaft" werden.
Am Sonntag werden die krisenzermürbten Portugiesen zeigen, wem sie mehr zutrauen. Dem Romantiker oder dem Manager.