Präsidentenwahl: Das Abenteuer Putin - DER SPIEGEL
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Präsidentenwahl Das Abenteuer Putin

Russland wählt einen neuen Präsidenten. Es gilt als sicher, dass sich die Russen - vielleicht schon am Sonntag, spätestens aber im zweiten Wahlgang - für den ehemaligen KGB-Spion Wladimir Putin entscheiden werden. Warum, das wissen die Wähler allerdings selbst nicht so recht.
Von Vladimir Essipov
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Moskau - Ein gut gekleideter Mann doziert ins Mikrofon: "Ich kandidiere, um zu gewinnen". Er spricht von Steuern und Korruption, er will Sicherheit ausstrahlen, er hofft, am 26. März das zweitbeste Resultat zu erreichen. So sagt er zumindest. Der Mann heißt Grigorij Jawlinski, nennt sich Demokrat und ist einer von elf Kandidaten für das höchste Amt in Russland. Sein Publikum, Arbeiterklasse eines riesigen Betriebs in der Provinzstadt Nischnij Nowgorod, hört interessiert zu. Aus Höflichkeit. Denn jeder in Russland weiß: Gleichermaßen ob am kommenden Sonntag oder bei einer möglichen Stichwahl drei Wochen später, gewinnen wird nur einer - Wladimir Putin.

Eine Frau bringt es auf den Punkt: "Wenn da oben gesagt wird 'Putin', dann gewinnt auch Putin. Egal, was wir machen und für wen wir stimmen." Die Geschichte von 1996 ist noch nicht vergessen: In wenigen Monaten wurde damals Jelzins Popularität von fünf auf 50 Prozent hochgeschraubt. Nicht durch politische Erfolge, sondern durch gnadenlose Propaganda in den Massenmedien. Was sich einmal bewährt hat, wird auch heute wieder angewandt: überregionale Medien, inszenierte Fernsehauftritte, begeisterte Menschenmengen - und das ganze vor dem Hintergrund einer Vernichtungsschlacht "um die Einheit des Landes" in einer kaukasischen Republik. Von zwei der wichtigsten Errungenschaften der Ära Jelzin hat sich das Land bereits verabschiedet: vom starken Rubel im August 1998 und von der unabhängigen Presse im jetzigen Tschetschenien-Krieg.

Die Frau auf der Wahlkampfveranstaltung kennt das Lebensprinzip der Moskauer Machthaber: einmal an der Macht - immer an der Macht. Noch vor einem Jahr rätselten die Russen, wie Boris Jelzin, ihr erster demokratisch gewählter Präsident, inzwischen zum Lachobjekt der Nation verkommen, sich seine Machtstellung sichern würde: durch eine dritte Wahlperiode als Chef des russisch-weißrussischen Bundes? Durch Ausrufung des Ausnahmezustandes und Verschiebung der Wahl? Niemand kannte damals den blassen KGB-Oberst Wladimir Putin. Erst durch seine Ernennung zum Regierungschef im August vorigen Jahres kam Putin ins Rampenlicht des politischen Theaters in Moskau. Dann sollte er plötzlich Jelzin beerben - und hat es wohl auch geschafft. "Putins Sieg am Sonntag ist nur noch eine technische Frage", schreibt in dieser Woche die liberale Moskauer Tageszeitung "Iswestija".

Spätestens seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise im August 1998 sehnen sich die Russen nach einer "starken Hand", die für Ordnung im Lande sorgt. Als damals das gesamte Finanzsystem des Landes zusammenbrach, Geschäfte schlossen und erschrockene Bürger Lebensmittelläden leergekauft hatten, wartete das Land auf starke Worte und entschlossenes Handeln seines Präsidenten. Doch aus einer Wirtschaftskrise wurde eine politische: Jelzin war aus der Öffentlichkeit verschwunden, das Tauziehen um die Kandidatur des neuen Regierungschefs dauerte drei Wochen, der mögliche Zerfall Russlands wurde zum Diskussionsthema.

Nun finden die Russen in Putin die Verkörperung der ersehnten "starken Hand": jung, dynamisch, aufgeschlossen. Man projiziert seine Erwartungen auf Top-Kandidaten und hofft, dass er ihnen entspricht. Nationalisten freuen sich auf Wiederherstellung einer Großmacht, Liberale warten auf Marktwirtschaftsreformen, die Armee und Geheimdienste sehen einen Oberbefehlshaber kommen, der endlich für Ordnung im Lande sorgt. Wer mit seinen Hoffnungen falsch lag, wird sich erst nach der Wahl zeigen. In der Vorwahlwoche reist Putin durch das Land, setzt eine besorgte Maske auf und hört Probleme an. "Das Volk ist begeistert: hinter den Reisen im Lande sieht man Veränderungen in anderen Lebensbereichen kommen", so die "Iswestija".

Laut Meinungsumfragen hat Putin gute Chancen, schon in der ersten Runde am 26. März zu gewinnen, auch wenn er jetzt bei einer Befragung erstmals auf 48 Prozent rutschte. Sein kommunistischer Verfolger Gennadij Zjuganow kann mit 20 bis 30 Prozent rechnen, der Demokrat Grigorij Jawlinskij mit weniger als zehn. Die Probeabstimmungen in den Provinzen, veranstaltet von einigen Moskauer Zeitungen, zeigen Putins Popularität noch höher: 70 bis 80 Prozent der dort Befragten geben an, für Putin zu stimmen. Auf die Frage "Warum?" konnte jedoch kaum einer der Befragten antworten. Putins Popularität ist irrational, gegründet auf Ängsten vor anonymen Terroristen und Sehnsucht nach einem starken Mann an der Staatspitze.

Putins Popularität ist so groß, dass man nicht von einer Wahl, sondern von einer Volksabstimmung redet. Wird Putin bereits im ersten Gang gewählt, wird dieses Ergebnis als Vertrauensvotum für mindestens zwei Amtsperioden interpretiert. Das Land wartet zwar auf einen neuen Chef, weiß aber nicht, was von ihm zu erwarten ist.

Gleichschaltung der russischen Medien und Diffamierung der ausländischen, mit den Füßen getretene Bürgerfreiheiten, keine nachgewiesenen Erfolge in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Am kommenden Sonntag wird sich Russland auf ein Abenteuer einlassen, dessen Ausgang unbekannt ist.