Präsidentenwahlen in Venezuela: Triumph für Ex-Putschisten - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Präsidentenwahlen in Venezuela Triumph für Ex-Putschisten

Aus der Präsidentenwahl in Venezuela ist Amtsinhaber Hugo Chávez als Sieger hervorgegangen. Damit festigte der 46-Jährige seine "friedliche Revolution". Der Links-Demokrat Chávez ist vor allem bei den Armen beliebt - und das sind nahezu 80 Prozent der Einwohner des an Bodenschätzen reichen Landes.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Caracas - Chávez erhielt nach Auszählung von mehr als drei Vierteln der abgegebenen Stimmen eine deutliche absolute Mehrheit von 59,5 Prozent. Damit sicherte sich Chávez, der seit Anfang 1999 regiert, eine sechsjährige Amtszeit bis zum Jahr 2006.

Wie die Wahlbehörde CNE am späten Sonntagabend (Ortszeit) in Caracas weiter mitteilte, gewannen Bewerber der Chávez-Partei Movimiento Quinta República (MVR, Bewegung 5. Republik) zudem bei den Gouverneurswahlen in zwölf der insgesamt 23 Bundesländer. Bei den Wahlen zum neuen Einkammer-Kongress, der Nationalversammlung, werde die MVR außerdem eine sichere absolute Mehrheit erringen, verkündeten Meinungsforschungsinstitute. Elf Millionen Venezolaner waren zudem aufgerufen, die Landesparlamente und Bürgermeister neu zu wählen. Ergebnisse werden hier aber erst heute im Lauf des Tages erwartet.

Nach Bekanntgabe der amtlichen Ergebnisse versammelten sich tausende trotz der späten Stunde jubelnd vor dem Regierungspalast "Palacio Miraflores" im Zentrum von Caracas. Mit seinem typischen roten Barett versprach der frühere Oberstleutnant und Fallschirmjäger Chávez kurz vor Mitternacht, dass nach den politischen Reformen, bei denen er in seinem Feldzug gegen die Korruption Kongress und Oberstes Gericht aufgelöst und die Verfassungsreform durchgesetzt hatte, "nun die wahre Sozial- und Wirtschaftsrevolution" beginne.

"Wir haben die Opposition Knock-out geschlagen, es entsteht ein neues Venezuela", sagte Chávez zunächst kämpferisch vom Balkon des Palastes aus. Danach rief er aber versöhnlich zur Einheit und die Opposition zur Mitarbeit auf. "Ich liebe euch alle, ich habe heute Lust zu singen", schrie er euphorisch in die Menge.

Sein größter Rivale, der parteilose Ex-Provinzgouverneur Francisco Arias, erhielt bei den Präsidentschaftswahlen rund 37,5 Prozent der Stimmen. Zusammen mit Arias hatte Chávez 1992 einen gescheiterten Putschversuch gegen die demokratische Regierung von Carlos Andrés Pérez angeführt. Beide saßen danach knapp zwei Jahre hinter Gittern. Arias sagte sich erst vor wenigen Monaten politisch von Chávez los. Er wirft seinem früheren Gefährten einen autoritären Regierungsstil vor, nach den Wahlen äußerte er sich aber vorerst nicht.

Am Wahlsonntag wiesen nach amtlichen Angaben rund sechs Prozent der Wahlcomputer Probleme auf, die sowohl die Stimmenabgabe als auch die Auszählung um über drei Stunden verzögerten. Im von Chávez propagierten "zivil-militärischen" Staat gingen zum ersten Mal auch 100.000 Angehörige des Militärs zu den Urnen.

Der Urnengang verlief nach Angaben von Beobachtern des Carter-Zentrums und der Organisation Amerikanischer Staaten ansonsten ohne größere Unregelmäßigkeiten, nachdem der Wahlkampf monatelang unter anderem von Putschgerüchten und angeblichen Mordplänen gegen Chávez sowie von schweren Beschuldigungen überschattet worden war.

Chávez erfreut sich trotz zunehmender Wirtschaftskrise und wachsender Kriminalität vor allem bei den ärmeren Schichten großer Popularität. Nach amtlicher Schätzung leben fast 80 Prozent der 23 Millionen Venezolaner im einst wohlhabenden Öl-Land in Armut. Weite Teile des von Chávez angeprangerten "Establishments" (Medien, Kirche, Unternehmerschaft, Traditionsparteien und Teile der Militärs) sprechen aber von einer "Diktatur im demokratischen Gewand". Allzu kritische Journalisten und Militärs wanderten bereits hinter Gitter.