Presseschau "Ein Projekt des Bruches"
Hamburg - Die linksliberale Pariser Zeitung "Libération" kommentiert die Wahl Nicolas Sarkozys zum französischen Präsidenten aus der Sicht der unterlegenen Linken:
"Nicolas Sarkozy ist ein legitimer Präsident, der ohne Umschweife und Zögern gewählt wurde. Das andere Frankreich wird einen Ausgleich bei der Parlamentswahl suchen. Bis dahin schaut es mit bedrücktem Herzen auf seine Niederlage und versucht, trotz allem weiter zu hoffen. Dieser Rückschlag muss die Kräfte der Kreativität und Modernisierung wecken, die sich mit Realismus verbinden müssen. Die Werte des Wettbewerbs haben gewonnen. Doch die Werte der Solidarität und Gerechtigkeit bleiben. Auf dieser Grundlage kann man aufbauen. Die Zeit der Kirschen wird wiederkommen. Jetzt ist erst einmal die Zeit der harten Nüsse."
Die konservative polnische Zeitung "Rzeczpospolita":
"Auch wenn Nicolas Sarkozy nur wegen des Mangels an besseren Kandidaten der Beste war, siegte er zu Recht. Die Mehrheit der Wähler sah sein Programm zur Reparatur des Staates als richtig an. Die Franzosen wollten nicht, dass Ségolène Royal sie bemutterte. Sarkozy ließ nicht von der nationalen oder ideellen Identität ab. Er festigte die Rechte und erweiterte ihr Spektrum. Royal (...) kam von der Spur der linken Einheit nach rechts ab. Der taktische Wechsel ist verständlich. Aber Royal machte schwer wiegende Fehler. Ihre Angst vor einer Niederlage ist verständlich, es ist aber nicht akzeptabel, wie sie diese Furcht ausdrückte. Die Erpressung mit einer Explosion in den Einwanderervierteln in den Vorstädten im Fall des Wahlsieges des Widersachers war ein Skandal."
Die niederländische Zeitung "de Volkskrant":
"In den meisten europäischen Hauptstädten wird überwiegend zufrieden auf dieses Ergebnis reagiert. Nicht nur, weil Sarkozy ein Referendum über eine neue, stark eingekürzte europäische Verfassung vermeiden will, sondern auch und vielleicht vor allem, weil er sich mehr als Royal als willensstarker Reformer profiliert hat. Sozial-ökonomische Reformen sind bitter nötig in Frankreich, das dem europäischen Alltag noch immer einen schweren Stempel aufdrückt. (...) Sarkozy muss zeigen, dass seine Zusage, "Präsident aller Franzosen" zu werden, keine hohle Phrase ist und dass Erneuerung Frankreich weiter bringt als die Ängstlichkeit, die sein Vorgänger in den vergangenen Jahren gezeigt hat."
"Basler Zeitung":
"Kann man mehr versprechen als die Erfüllung "aller" Wünsche, das Verständnis für "alle" Sorgen? Alles ist möglich - das Beste, aber auch das Schlimmste. Wer daran denkt, wie eng in der Realpolitik der politische und finanzielle Spielraum für den kommenden Staatschef ist, kann über solch demagogische Verheißungen (und über jene, die diese Illusion abkaufen) nur den Kopf schütteln. Jetzt muss Sarkozy seinen hoffnungsvollen Bürgern beweisen, was wirklich machbar ist."
Die Pariser Finanzzeitung "La Tribune":
"Die Franzosen haben in voller Kenntnis der Dinge Nicolas Sarkozy gewählt, damit Frankreich sich von Grund auf ändert. Sarkozys Gesellschaftsprojekt unterscheidet sich radikal von den anderen. Er wagt es sogar, das Erbe von Mai 1986 in Frage zu stellen - eine Provokation für ein gewisses Frankreich, das naiv an seinem vergangenen Ruhm hängt. Wagen wir das Wort: Es ist ein Projekt des Bruches. Und für diesen Bruch haben die Wähler gestern eindeutig gestimmt. Jetzt muss er auch umgesetzt werden. Nicolas Sarkozy hat von den Franzosen freie Hand bekommen. Jetzt muss er schnell und stark handeln."
Der konservative Pariser "Figaro":
"Welch Sieg, welch Schwung! Sarkozys meisterlicher Sieg gehört zu denen, die dauerhaft die Geschichte des Landes prägen. Denn er krönt eine langen Reihe der Rekorde: ein außerordentlich aktiver und erbitterter Wahlkampf, eine massive Wahlbeteiligung und vor allem ein Sieg über die Linke, wie er seit General de Gaulle niemals erreicht wurde. Gestärkt von der Legitimität dieses unbestreitbaren Wahlerfolgs kann der neue Präsident jetzt einen großen Umbau vornehmen. Er muss dabei natürlich darauf achten, die Franzosen zu versöhnen, die der scharfe Wahlkampf gespalten hat. Jahrelang hatte das Land Angst vor dem Wandel und seine Führer waren überzeugt, dass man besser vorsichtig bleibe. Nicolas Sarkozys Wahlsieg wurde getragen vom Wunsch nach Wechsel und von der Sehnsucht, eine neue Seite aufzuschlagen.
"Der Bund" aus Bern:
"Mit dem klaren Wahlsieg von Nicolas Sarkozy bei einer außergewöhnlich hohen Wahlbeteiligung hat eine Mehrheit der Franzosen demonstriert, dass sie nicht weitermachen will wie bisher. (...) Sich durchzusetzen und Reformen zügig anzugehen, wird die dringendste und schwierigste Aufgabe des neuen Präsidenten sein. Meistert er sie, bekommt Frankreich eine neue Chance. Versagt er, dann wird die Aufbruchstimmung rasch verpuffen."
Die in Nordfrankreich erscheinende Zeitung "Le Courrier picard":
"Sarkozy kann seinem Gegner unendlich dankbar sein, denn dieser hat ihm seine Aufgabe stark erleichtert und seine eigene Niederlage geschmiedet. Er kann auch denen danken, die aus den Rängen der Linken desertiert sind. Wenn er die republikanische Binsenweisheit äußert, dass sein Sieg nicht der Sieg des einen Frankreichs über das andere ist, dann weiß er, dass die Gründe für seinen Sieg widersprüchlich, paradox und sogar - wagen wir es, das zu sagen - sadomasochistisch sind. Frankreich hat eine Linke zurückgewiesen, die es nicht geschafft hat, sich nach ihrem Scheitern 2002 neu zu gründen. Das ganz in Blau gemalte Frankreich macht Nicolas Sarkozy zu einem absoluten Präsidenten (oder Monarchen?)."
Die "Neue Zürcher Zeitung":
"Mit Sarkozy hat der kompetenteste der insgesamt zwölf Bewerber die Wahlen gewonnen. Das war sehr wichtig, denn dem neuen Staatsoberhaupt steht ein äußerst schwieriger Job bevor. So unbestritten Sarkozys analytische Fähigkeiten, seine Willensstärke und seine Energie sind, so gefürchtet sind aber auch sein skrupelloser Machthunger und sein konfrontativer Stil. (...) Die Mehrheit der Franzosen hielt Sarkozy am Ende doch für staatsmännischer und vertrauenswürdiger als die geradezu kometenhaft aufgestiegene Sozialistin."
Die konservative Wiener Zeitung "Die Presse":
"Letztendlich konnte der "Macher" Sarkozy die Mehrheit der Wähler überzeugen. Die Bewältigung der enormen Aufgaben, die auf das Land zukommen, wird ihm eher zugetraut als Royal. Nun muss der ehrgeizige konservative Politiker sich des Vertrauens würdig erweisen. Zeigen, dass es ihm nicht so sehr um die Macht geht, wie ihm manche vorwerfen, als vielmehr um die zügige Umsetzung von Reformvorhaben. Der Mann, der gern mit deftigen Worten Recht und Ordnung predigt und im ersten Wahlgang dem rechtsextremen Le Pen geschickt Stimmen abnahm, wird als Präsident Feingefühl beweisen und sich klar vom rechten Rand des politischen Spektrums distanzieren müssen."
asc/dpa