Presseschau "Ein überaus komplizierter Prozess"
Die linksliberale französische Tageszeitung "Libération" (Paris) sieht Grund zum Optimismus in Afghanistan:
"Es gibt ... zumindest einen Grund, optimistisch zu sein: Die beiden entgegengesetzten Versuchungen, eine kommunistische oder eine islamistische Diktatur dort aufzubauen, sind gescheitert. Und das nimmt mindestens zwei schwere Hypotheken von dem Land. Afghanistan wäre die Gnade einer multi-ethnischen Zukunft in einer Föderation oder einer Konföderation zu wünschen. Für die enorme amerikanische und westliche Kriegsmaschine, die dort aufgefahren ist, wäre eine solche Lösung indessen nur ein intergeordneter Erfolg. Das Hauptziel bleibt die Zerstörung des Terror-Netzwerkes von al-Qaida."
Das niederländische "Algemeen Dagblad" warnt vor allzu großen Erwartungen an die Afghanistan-Konferenz:
"Es geht um die Bildung einer vorläufigen Verwaltung, die auf möglichst breiter Grundlage ruhen und die verschiedenen Bevölkerungsgruppen repräsentieren soll. Da Afghanistan in den vergangenen 20 Jahren unaufhörlich von Gewalt und Anarchie geplagt wurde und eine bürgerliche Verwaltung völlig fehlte, wird dies ein überaus komplizierter Prozess. Es gibt wenig Grund für Optimismus. Bei der Vorbereitung dieser notwendigen, aber in aller Eile zusammengerufenen Konferenz fällt auf, dass auf keiner Ebene auch nur ansatzweise Übereinstimmung herrscht. Unter den Afghanen sind Stimmen zu hören, wonach man alles möglichst selbst regeln sollte, um die Akzeptanz zu vergrößern. Aber die internationale Koalition gegen den Terrorismus ... hat keine Veranlassung, auf einen gewaltlosen Übergang zu einer ordentlichen Regierung zu vertrauen."
Die römische Tageszeitung "La Repubblica" räumt der Suche nach einer Regierung der nationalen Einheit in Afghanistan keine großen Chancen ein:
"Das Ja der Nordallianz zur Einladung der Vereinten Nationen zum Gipfel aller ethnischen Gruppen Afghanistans, der vermutlich am kommenden Montag in Berlin stattfinden wird, ist nur die erste Stufe eines diplomatischen Prozesses, der ziemlich lang sein dürfte. Der Gipfel wird, wie der Uno-Vertreter in Kabul, Francesc Vendrell, selbst zugegeben hat, eher einen symbolischen Wert haben. Das, was auf dem Feld passiert - die Mudschahidin kontrollieren Kabul und den Norden, die Taliban verteidigen Kandahar und sind in Kundus eingeschlossen, andere "Kriegsherren" erheben Ansprüche auf befreite Gebiete - lässt keine allzu nahe Lösung für die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit erwarten."
Die "Berliner Zeitung" zur deutschen Außenpolitik:
"Auch ihre ehemaligen Feinde und jetzigen Verbündeten erwarten von den Deutschen, dass sie mehr internationale Verantwortung übernehmen, zugleich aber zeigen, dass sie die Lektionen der Geschichte gelernt haben. Das ist eine Gratwanderung, die Fischer, Scharping und Schröder während des Kosovo-Krieges gut gelungen ist. Zu ihrem Erstaunen ist sie im Kampf gegen den Terrorismus schwerer geworden. Aus drei Gründen: Einmal muss sich die Bundesrepublik sehr viel stärker den USA unterordnen, zweitens soll die Bundeswehr weit weg von Europa auftreten und drittens ist die Aushöhlung des Parlamentsvorbehaltes gegen den Einsatz der Bundeswehr ein Stück weiter fortgeschritten."
Die russische Tageszeitung "Nowyje Iswestija" (Moskau) kommentiert die Haltung Usbekistans, dem vorgeworfen wird, die Lieferung humanitärer Hilfe ins benachbarte Afghanistan zu behindern:
"Usbekistan, das in die Antiterror-Koalition gezwungen wurde, sollte nach dem Willen der USA eine Führungsrolle als Verbündeter im Kampf gegen die Taliban einnehmen. Dennoch unternimmt das Land heute alles, um die internationale Hilfe von seinem Gebiet nach Afghanistan zu blockieren. [...] Westliche Vertreter verhandeln ohne Erfolg mit der usbekischen Führung, die eine Öffnung der Grenze verweigert. [...] Damit will das usbekische Regime ein Einsickern der Islamisten in sein Land verhindern. [...] Und damit will die usbekische Führung auch ihre Beteiligung an der Antiterror-Koalition auf ein absolutes Minimum reduzieren."
Die Pariser Tageszeitung "Le Monde" ehrt die in Afghanistan getöteten Journalisten:
"Die Kriegsherren heute haben ihre Truppen nicht mehr in der Gewalt. Die Journalisten werden angehalten, ausgeplündert und sehr oft von Wegelagerern umgebracht, so wie es offensichtlich am Montag vier unserer Berufskollegen zwischen Dschalalabad und Kabul ergangen ist. Solche Tragödien sind auch die Schattenseite einer Medienwelt, die die Zahl der Journalisten im Sinne einer verstärkten Information der Öffentlichkeit vervielfacht, sie jedoch auch unbewaffnet und ungeschützt dem tödlichen Risiko verirrter Kugeln aussetzt. Wir ehren sie hiermit."