Presseschau "Seine Stunde war gekommen"
"Washington Post"
"Der Schlaganfall, den Israels Ministerpräsident Ariel Scharon gestern erlitten hat, droht der Bush-Administration ihren wichtigsten Partner im Nahen Osten zu rauben, er wirft Zweifel auf Präsident Bushs Versprechen, noch vor dem Ende seiner Amtszeit beim Aufbau eines Palästinenserstaates zu helfen. (...) Obwohl sich Bush und Scharon Dutzende Male getroffen haben, war ihr Verhältnis laut israelischen und amerikanischen Diplomaten nie sehr tiefgehend und warm. (...) Aber Scharons Gaza-Plan hat Bushs Meinung über den Israelischen Führer verbessert. In seiner ersten Amtszeit neigte Bush eher dazu, Scharon als Menschen mit wenig oder gar keinen Visionen zu betrachten. Aber seine Einschätzung hat sich verändert (...), als Scharon Bush seinen Plan darlegte, den Gaza-Streifen zu verlassen.
"Märkische Oderzeitung"
"Das persönliche Schicksal des Regierungschefs hätte Israel, ja den gesamten Nahen Osten, zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt treffen können. (...) Fraglich ist, ob Kadima, bislang eine One-Man-Show, ohne Scharon überhaupt bestehen kann. Oder ob der alte Widersacher aus dem Likud, Benjamin Netanjahu, nun nicht doch zum Zuge kommt. Die Militanten auf palästinensischer Seite frohlocken über so viel Ungewissheit."
"The Independent"
Wenn Scharon sich nicht rechtszeitig vor den Wahlen erholt, wird Kadima versuchen sein Erbe, seine Vormachtsstellung zu erhalten. Aber die Wähler werden wohl nicht so nachsichtig mit den neuen Führungspersonen sein, was die Partei in der Palästinenser-Frage tun will, muss spezifiziert werden. Es könnte eine klare und historische Wahl zwischen Verhandlung und Konflikt bevorstehen. Es könnte auch anders kommen, aber es ist möglich, dass Scharons Erbe dem interessantesten Arbeiterpartei-Führer seit Jizchak Rabin die Chance gibt, sein Land zu führen.
"tageszeitung"
"Ariel Scharon war ein israelischer Napoleon. Gerade jetzt war er an der Schwelle der absoluten Macht, die es ihm ermöglicht hätte, seine Ideen zu erfüllen. Was hätte er damit angestellt? Sein Programm war seit Jahren klar: Anschluss von mehr als der Hälfte des Westjordanlands an Israel, machtlose palästinensische Enklaven in den übrigen besetzten Gebieten, Abzug der Siedler aus diesen Restgebieten. All dies ohne Verhandlungen und Verständigung mit den Palästinensern, aber in Vereinbarung mit den Amerikanern. Seine Stunde war gekommen, und plötzlich ist sie zu Ende. Gerade als er im Zuge war, sein Lebensziel zu erfüllen, hat ihn das Schicksal ereilt."
"Freie Presse"
"Israels Premier blieb trotzdem ein harter Mann. Aber gerade das machte ihn verlässlich. (...) Diese Geradlinigkeit hat Scharon zum populärsten Politiker Israels gemacht. Versäumt hat er, einen Nachfolger aufzubauen. Justizministerin Zipi Liwni ist unter den Kandidaten. Sie stammt zwar aus einer ultra-nationalistischen Familie, unterstützte aber die Rückgabe von besetztem Land an die Palästinenser. Vielleicht ist auch Israels nächster Regierungschef eine Frau."