Pressestimmen "Ein russischer Pinochet?"
Zum Wahlsieg von Wladimir Putin schreibt am Montag die konservative britische Zeitung "The Daily Telegraph" (London):
"Die schwerwiegendsten Vorbehalte gegen Putin sind auf seine enge Verbindung mit dem zweiten Krieg in Tschetschenien zurückzuführen. Die Rebellen sind zurückgeschlagen worden, aber mit großer Brutalität und ohne eine langfristige Lösung. Die Einschüchterung jener, die das Vorgehen der Regierung im Nordkaukasus kritisiert haben, verheißt nichts Gutes für die junge russische Demokratie. Auf dem einen Gebiet, auf dem sich Herr Putin bisher hervorgetan hat - der Kriegsführung -, hat er sich als autokratisch und kurzsichtig erwiesen. Erst nach seiner Amtseinführung im Mai werden wir wissen, ob er auch noch andere Eigenschaften hat."
Die konservative französische Zeitung "Le Figaro" (Paris) kommentiert:
"Wer ist dieser Putin? Ist er, wie seine Anhänger behaupten, der Retter, den Russland braucht, um dem zehn Jahre lang andauernden wirtschaftlichen und internationalen Abstieg ein Ende zu setzen? Oder ist er im Gegenteil gefährlich, wie seine Gegner sagen, eine Art russischer Pinochet, der seine Grausamkeit in Tschetschenien gezeigt hat und sich anschickt, das Land mit Hilfe einer Oligarchie völlig zu beherrschen? Der beunruhigendste Aspekt seiner Person ist die Art und Weise seines Aufstiegs, den er ausschließlich der brutalen Kampagne gegen die so genannten 'tschetschenischen Terroristen' verdankt."
Die unabhängige französische Zeitung "Le Monde" (Paris) meint:
"Sicherlich muss man Putin nach seinen Handlungen beurteilen. Er hat seine politischen Absichten noch nicht wirklich dargelegt, weder sein Programm, noch die Methode, wie er Russland aus der Krise führen will. Er ist jetzt Präsident einer alten Großmacht, die dies wieder werden will, und Präsident eines für die europäische Stabilität wichtigen Landes. Kein Wunder, dass die westlichen Regierungschefs daran interessiert sind, den neu Gewählten jetzt möglichst schnell zu treffen oder zu sich einzuladen."
Wladimir Putin müsse andere Qualitäten als die bisher gezeigten bieten, um Russland in die Zukunft zu führen, meint die "Presse" (Wien):
"Was man weiß, macht skeptisch: Putin, Verfechter eines 'starken Staates', ist nicht nur von seiner Karriere her ein Mann beinharter Kontrolle und Ordnung. Sein Wirtschaftscredo von nötigem Staatseinfluss bei gleichzeitiger Deregulierung klingt wenig überzeugend. Und sein Zug zur Macht, die er nur mit dem Vom-Zaun- Brechen eines blutigen Krieges erobert hat, ist buchstäblich einer über Leichen. Wladimir Putin wird rasch andere Qualitäten enthüllen müssen - sonst werden die Erwartungen für eine neues Russland sehr schnell enttäuscht."
Der neue russische Präsident Wladimir Putin sei ein "Januskopf im Kreml", titelt der "Standard" (Wien):
"Er ist jung, gesund, tatkräftig und diszipliniert. Und er glaubt an die Einheit seines geliebten Russland. Wladimir Wladimirowitsch Putin, dieser undurchsichtige, kalt lächelnde Ex- Geheimdienstoffizier, hat alles getan, um den Russen das Gefühl zu geben, ein Kämpfer für Recht und Ordnung beschütze sie. Das Volk lohnte es ihm, der neue Mann im Kreml hat die Menschen 'hypno- putisiert', wie russische Medien schreiben.
Als Putin am Silvestertag des Vorjahres vom eben zurückgetretenen Präsidenten Boris Jelzin - der erwies sich als nicht Jahr-2000-fähig - den so genannten Atomkoffer als Insignie seiner neuen Macht übernahm, war er für den Westen eine unbekannte Größe. Der schmallippige Mann der Tat entfachte mit dem Krieg in Tschetschenien eine nationale Begeisterung, die hysterische Züge annahm...
Über Putins Schreibtisch hängt heute ein Porträt von Zar Peter dem Großen. Der stieß vor 300 Jahren Russland autoritär in die Moderne. Auch der janusköpfige Putin, 'der Eiserne', könnte dem Chaos in Russland ein Ende setzen und mit harter Hand durchgreifen. Ob das dann noch etwas mit Demokratie zu tun hat, steht in den Sternen."
Die linksliberale Zeitung "La Repubblica"(Rom) kommentiert:
"Es hat gegenwärtig kaum Zweck festzustellen, was der entscheidende Anstoß für den Aufstieg dieses Mannes ohne Charisma, ohne wirkliche politische Erfahrung war, der stets im Schatten blieb. Ob es nun der Tschetschenienkrieg war, die Entschlossenheit, mit der Putin den Krieg führt, was ihm so viel Zustimmung bei den Russen bescherte, oder ein schlaues Manöver der Jelzin-Familie. Das was jetzt für die Russen und für die westlichen Regierungen zählt, ist, dass in den kommenden Jahren Putin und niemand anders den Weg des kranken Giganten bestimmen wird. Ein Mensch, von dem man zunächst praktisch nichts wusste und von dem man in diesen Monaten nicht viel mehr erfahren hat."