Pressestimmen: "Ein Symbol ist gestürzt" - DER SPIEGEL
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Pressestimmen "Ein Symbol ist gestürzt"

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

So kommentieren ausländische Zeitungen die Verhaftung von Slobodan Milosevic:

"Basler Zeitung" (Schweiz): "Serbien macht einen großen Schritt vorwärts. Die Bewältigung der Vergangenheit kann jetzt erst richtig beginnen. ... Tatsache ist allerdings, dass mit Milosevics Festnahme eine ganze Lawine losgelöst werden wird. Helfer und Mittäter werden zu reden beginnen, nun, da der Druck weg und die Gefahr eines Comebacks vollständig gebannt ist. Der Dieb lässt sich vom mutmaßlichen Kriegsverbrecher nicht trennen, Milosevic hat seine Landsleute ausgeraubt, um die Kriege zu finanzieren. Auch die Ermittler in Den Haag haben Informationen über die finanziellen Machenschaften des Regimes zusammengetragen. Den Haag und Belgrad können da wertvolle Ergebnisse austauschen. Die Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal ist schon heute kein Tabu mehr."

"The Guardian" (Großbritannien): "Es ist entscheidend, dass die Serben alles darüber erfahren, wie Milosevic ihr Land täuschte, teilte, betrog und ruinierte. Doch genauso entscheidend ist es, dass den vielen Opfern der Kriegsverbrechen Milosevics, in Bosnien und anderswo, Gerechtigkeit widerfährt. Diese Forderungen überschneiden sich. Um ein weiteres Tauziehen um die Auslieferung zu verhindern, könnte man doch ein Gericht in Belgrad unter der gemeinsamen Aufsicht des Uno-Kriegsverbrecher-Tribunals und des serbischen Staats begründen."

"Standard" (Österreich): "Sieht man sich die derzeit bekannten Anklagepunkte gegen Milosevic an, sind leise Zweifel an der Professionalität der jugoslawischen Justiz erlaubt. Die Vorwürfe des Machtmissbrauchs und der Korruption sind seltsam kontur- und inhaltslos, wirken wie in aller Eile zusammengeschustert. Dass man ihm nun den Prozess machen will, weil er diverse Rechnungsbücher gefälscht oder den Dinar in die eigene Tasche gesteckt haben soll, ist und bleibt eine Verhöhnung der Zehntausenden Opfer, die in den vier Balkankriegen, die der Despot a.D. vom Zaun brach, ihr Leben ließen...."

"Kurier" (Österreich): "Hat die Gerechtigkeit gesiegt? Noch nicht. Noch ist der gestürzte Diktator erst in serbischer Haft und muss sich vor einem Untersuchungsrichter wegen Steuervergehen, Korruption und Machtmissbrauchs verantworten. Lächerliche Delikte, gemessen an den Kriegsverbrechen, ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die ihm als Urheber von vier Balkankriegen angelastet werden. Gerechtigkeit wird es vielleicht geben, wenn Milosevic vor dem Uno-Tribunal in Den Haag steht. Und mit ihm die anderen Kriegsherren - von Karadzic bis Mladic."

"Liberation" (Frankreich): "Die Schaffung des internationalen Kriegsverbrechertribunals ist ein Schlüsselelement der Globalisierung, ein erster Versuch, die geltenden Normen eines friedlichen Zusammenlebens auf alle Staaten auszudehnen. Die Vorstellung eines für alle Staaten geltenden Strafrechts ist allerdings noch nicht verwirklicht, weil das Projekt eines ständigen Gerichtshofes auf Grund des Widerstandes der USA noch nicht ratifiziert ist. Gewiss ist Milosevic den Serben Rechenschaft schuldig, schließlich gehörten sie zu seinen ersten Opfern. Es steht jedoch zweifellos fest, dass er zuerst von dem internationalen Kriegsverbrechertribunal gerichtet werden sollte. Allerdings muss zuvor klargestellt werden, dass seine Überstellung in die Niederlande die Spannung auf dem Balkan nicht unnötig verschlimmert."

"Le Figaro" (Frankreich): "Mit Milosevic ist ein Symbol gestürzt worden. In der Region beginnt man zu verstehen, dass die Ära der Kommunisten, die sich zu Nationalisten gewandelt haben, endgültig vorbei ist. Das gilt für das Kroatien nach Tudjman ebenso wie für die Protagonisten eines Groß-Albaniens. Gleichzeitig gilt, dass mit der demokratischen Normalisierung in Serbien der Unabhängigkeitstraum für das Kosovo in weite Ferne rückt. Für die Zukunft des Balkans ist diese Gewissensprüfung der Serben und ihrer Nachbarn viel wichtiger als unsere Gewissensprüfung. Der Anfang ist gemacht, wenn Milosevic in Serbien vor Gericht gestellt wird."