Prozessauftakt Van Goghs Mörder will schweigen
Amsterdam - Für Josien van Gogh ist Mohammed B., der mutmaßliche Mörder ihres Bruders, ein "unglaublicher Feigling". Die Schwester des getöteten Filmemachers findet es "unerträglich", dass B. sich auf seine Schweigerecht berufe. "Sei ein Mann, und sprich dann auch", forderte sie ihn in der Zeitung "Trouw" auf.
Doch B., ein niederländischer Staatsbürger marokkanischer Herkunft, will nicht nur schweigen, wenn heute in Amsterdam in einem schwer bewachten Gerichtsgebäude der Prozess gegen ihn eröffnet wird. Der 26-Jährige ließ über seinen Anwalt Peter Plasman vor dem vergangenen Wochenende mitteilen, er wolle der Verhandlung fernbleiben. "Mein Mandant wird am Montag nicht freiwillig auftreten und will auch nicht verteidigt werden", sagte Plasman. Der Anwalt selbst kündigte an, dass er an dem Prozess teilnehmen, aber keinerlei Maßnahmen zur Verteidigung von B. ergreifen werde.
Der radikale Islamist B. wird also vom Richter zum Erscheinen im Gerichtssaal gezwungen werden müssen. Ihm droht bei einer Verurteilung wegen Mordes an van Gogh lebenslange Haft. B. ist aber auch wegen versuchten Mordes an mehreren Passanten und Polizisten angeklagt. Außerdem wird ihm vorgeworfen, die niederländische Parlamentarierin Ayaan Hirsi Ali, eine Freundin van Goghs, bei ihrer Arbeit behindert zu haben. Der Prozess gegen Mohammed B. dauert vermutlich zunächst bis Mittwoch, ein Urteil wird es noch nicht geben.
Am Morgen des 2. Novembers 2004 hatte die Tat von Mohammed B. die niederländische Gesellschaft auf einen Schlag verändert. Vorbei war auf einmal das Klischee von der liberalen, multikulturellen Gesellschaft. B. hatte van Gogh, 47, zunächst in der Amsterdamer Linneusstraat von seinem Fahrrad geschossen. Der verletzte Filmemacher konnte zwar noch auf die andere Straßenseite flüchten. Dort sank er zusammen und flehte um Gnade. Doch B. feuerte aus kürzester Entfernung weiter. Nach Aussagen von Zeugen habe er dann "in aller Ruhe" ein großes Messer ergriffen und van Gogh damit die Kehle durchgeschnitten. Anschließend rammte er ihm das große Messer in den Leib. Wie einen "Autoreifen" habe B. van Gogh bearbeitet, berichteten Augenzeugen.
Mit einem kleineren Messer befestigte der Töter dann noch einen Drohbrief gegen andere prominente Islam-Kritiker wie Hirsi Ali auf dem Körper des Getöteten. Als ein Augenzeuge gerufen habe, er könne das doch nicht machen, habe der Angeklagte geantwortet: "Oh doch - jetzt wisst ihr, was euch erwartet!" Nach einer wilden Schießerei mit der Polizei wurde Mohammed B. schließlich überwältigt. Vergeblich hatte er versucht, den Märtyrertod zu sterben.
B. hasste van Gogh. Immer wieder hatte der Filmemacher Muslime mit Schimpfnamen belegt und sie provoziert. Schließlich drehte er zusammen mit der Frauenrechtlerin Hirsi Ali einen Film über die Unterdrückung der Frauen im Islam. Nicht nur für Ministerpräsident Jan Peter Balkenende war Theo van Gogh "ein Vorkämpfer des freien Wortes". Nach dem Mord an dem Regisseur kam es zu zahlreichen Übergriffen auf islamische Schulen und Moscheen sowie auf christliche Kirchen.
Neben B. nahm die Polizei in den vergangenen Monaten noch weitere Verdächtige fest, die ebenfalls zum islamistischen Terrornetz der sogenannten Hofstadgroup gehören sollen. In einem "offenen Brief", den Mohammed B. nach seiner Verhaftung Bekannten zur Veröffentlichung gab, erklärte er dem ganzen niederländischen Volk den Krieg.
Die Hofstadgroup soll es neben van Gogh auch auf weitere prominente Niederländer abgesehen haben. Wie Hirsi Ali muss zum Beispiel auch der Rechtspopulist Geert Wilders mit einem Attentat rechnen. "Der Islam und die Demokratie lassen sich nicht versöhnen", sagt er immer wieder. Selbst bei Abstimmungen im Parlament wird der Europa-Gegner von Bodyguards bewacht.
Van Goghs Schwester erhob schwere Vorwürfe gegen den niederländischen Inlandsgeheimdienst AIVD. Ihr Bruder könne möglicherweise noch leben. Denn die Amsterdamer Polizei hatte B. fünf Wochen vor dem Mord an van Gogh beim Schwarzfahren erwischt. Bei seiner Durchsuchung fanden die Beamten nicht nur die komplette Telefonliste der Hofstadgroup, sondern auch Material über seine radikalen Aktivitäten im Internet. Diese Dokumente übergaben die Polizisten an den AIVD. Aber dennoch wurde B. weiter als harmlos eingestuft.
Noch nach der Tat habe der Justizminister B. fälschlicherweise nur als "Randfigur" der Hofstadgroup bezeichnet, kritisiert Josien van Gogh. "Wie schlimm müssen dann erst die richtigen Terroristen sein?", fragt sie.