Putins Wahl-Plan Nur eine Gegenstimme
Moskau - Schulter an Schulter stolzieren der Noch-Präsident Wladimir Putin und das wahrscheinliche künftige Staatsoberhaupt Dimitrij Medwedew durch den Gang in Richtung Tribüne. Knapp 500 Delegierte der Kreml-Partei Einiges Russland springen gleichzeitig von ihren Stühlen auf. Im Takt der russischen Nationalhymne klatschen die Parteigenossen. Putin betritt das Podium und setzt sich neben Parteichef Boris Gryslow. Medwedew nimmt noch in der ersten Reihe zwischen den Delegierten seinen Platz ein.
Die Stimmung im riesigen Ausstellungssaal neben dem Kreml ist dennoch relativ nüchtern. Was bei diesem Wahl-Kongress der Machtpartei heute auf der Tagesordnung steht, ist nur noch eine Formalität.
Auch Präsident Putin macht den Eindruck, als wolle er die Prozedur nur rasch erledigen. Schnell und ohne lange Pausen hält er eine Rede, in der er erneut die Bedingungen erklärt, unter denen er das Amt des künftigen Ministerpräsidenten antreten werde. Diesen Posten hatte ihm Medwedew vergangene Woche in Aussicht gestellt, nachdem Putin seinen politischen Ziehsohn als Präsidentschaftskandidaten vorgeschlagen hatte. Nur "wenn die Bürger Russlands Dmitrij Medwedew ihr Vertrauen aussprechen und ihn zum Präsidenten wählen, dann bin ich bereit, die Regierung anzuführen", sagt er. Die Anhänger im Saal applaudieren, doch Putin lässt ihnen keine Zeit für Standing Ovations.
Die Stimmung ist anders als auf dem vergangenen Parteitag im Oktober, als er sich zum Spitzenkandidaten seiner Partei aufstellen ließ, deren Mitglied er nicht einmal ist. Der scheidende Präsident lässt sich heute nicht feiern. Er hat noch einmal seinen Willen bekundet, seine Bedingungen erklärt jetzt ist es an der Partei, seinen Plan zu erfüllen: Medwedew soll Präsident werden. Während der 25-minütigen Pause, in welcher die Delegierten die weiße Plastikurne mit ihren Wahlbögen füttern, verschwindet Putin durch den für ihn gesicherten Ausgang, ohne das Ergebnis abzuwarten.
Das stand ohnehin von Anfang an fest. Schon in der vergangenen Woche hatte Parteichef Gryslow im Schulterschluss mit vier anderen Parteivorsitzenden Medwedew als Präsidentschaftskandidaten vorgeschlagen. Überraschend ist auf dem Partei-Kongress deswegen die eine einzige Stimme gegen Medwedew.
Putin überlässt nach der Abstimmung seinen Platz in der Mitte des Podiums dem politischen Ziehsohn und Wunschnachfolger Medwedew. Der Applaus gehört dem 42-jährigen Vizepremier, als dieser leichtfüßig und schwunghaft die Stufen zum Podium hinaufhüpft. "Sehr geehrter Wladimir Wladimirowitsch und meine anderen Freunde", begrüßt er die Delegierten von Einiges Russland. Seiner Rede geht dann sogleich jeder Schwung verloren. Er wiederholt die Wichtigkeit der so genannten zentralen Projekte, für die er bereits als Vizepremier verantwortlich ist und bemüht sich, strikt den Platz einzunehmen, den ihm sein politischer Ziehvater Putin zugewiesen hat.
Der Name der Partei Einiges Russland ist gleichzeitig ihr Programm: Einheitlichkeit. Aus der Reihe tanzen, neue Ideen aufwerfen, diskutieren, streiten, sich uneinig sein: in Russland Fehlanzeige. "Lasst uns über den Präsidentschaftskandidaten nicht lange diskutieren, sondern direkt zur Abstimmung kommen", schlägt der Parteivorsitzende Gryslow vor. Die Delegierten heben routiniert ihre Abstimmungskarten.
Bei den älteren Herren mit den grau-schwarzen Anzügen, die das Gros der Delegierten ausmachen, hat das Kopfnicker-Syndrom der Sowjetzeit überlebt. Damals wie heute sind Parteitage reine Zustimmungsrituale. So schert auch im Gespräch mit Reportern keiner aus den geschlossenen Reihen aus: "Putins Vorschlag finde ich gut", sagt der Delegierte Alexej Gadejew. "Er bietet unserem Land eine klare Perspektive für die Zukunft." Eine Regierung unter Putin könne die soziale und ökonomische Entwicklung des Landes fortzusetzen: "Putin und Medwedew gehören einfach zum Lager des Volkes, sie arbeiten für jeden einzelnen Menschen im Land." Er nickt.
Der einzige, der unter den Technokraten feiert und Stimmung verbreitet, ist Ramsan Kadyrow, Präsident der Republik Tschetschenien. Scherzend und mit einem breiten Lächeln im Gesicht schüttelt der jüngste Spitzenpolitiker Russlands Hände und klopft seinen Kollegen zustimmend auf die Schultern. "Putin ist mein Ideal", schwärmt er. Putin gebe das Wahlkommando an und auch das politische Kommando, er sei ein wirklicher nationaler Führer.
In Tschetschenien hat die Putin-Partei "Einiges Russland" bei den Wahlen 99 Prozent erzielt. Auch bei den Präsidentschaftswahlen wird Kadyrow dem Putin-Nachfolger Medwedew die höchste Stimmenanzahl sichern.