Radovan Karadzic Stationen einer Täterkarriere
Belgrad - Radovan Karadzic wurde am 19. Juni 1945 im Dorf Petrijca im Durmitor-Gebirge in Montenegro geboren. Mit seiner Familie kam er 1960 nach Sarajevo, wo er Medizin studierte, sich später auf Psychiatrie spezialisierte und dann als Psychiater arbeitete.
Mitte der achtziger Jahre wurde er wegen Unterschlagung öffentlicher Gelder verurteilt, musste die Strafe jedoch nicht antreten - was die Gerüchte untermauerte, er arbeite für den serbischen Geheimdienst.
Seine politische Karriere begann 1989 mit der Gründung der Serbischen Demokratischen Partei (SDS), deren Parteiführer Karadzic ab Juli 1990 war. Nach der Ausrufung der unabhängigen Republik des serbischen Volkes in Bosnien am 9. Januar 1992, die später in die Republika Srpska umbenannt wurde, wurde Karadzic deren erster Präsident.
Im Mai 1992 errichtete er in Pale - ein ehemaliger Wintersportort nahe Sarajevo - seine "Regierung" und formierte eine eigene Armee. Diese bestand aus den serbischen Kadern der ehemaligen jugoslawischen Volksarmee.
Zusammen mit seinem Kriegskommandeur Ratko Mladic war Karadzic Hauptverantwortlicher aller serbischen Kriegsoperationen im Bosnien-Krieg.
Am 24. Juli 1995 erhob das Haager Kriegsverbrechertribunal die erste Anklage gegen Karadzic und Mladic, eine zweite - die sich auf das Massaker von Srebrenica bezog - erfolgte am 16. November 1995.
Am 11. Oktober 2002 wurde die Anklage geändert - sie umfasst jetzt elf Punkte, darunter Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verletzung des Kriegsrechts.
Kriegsverbrechen im einstigen Jugoslawien
Weil die internationale Gemeinschaft darauf bestand, übertrug Karadzic am 30. Juni 1996 seine Amtsbefugnisse auf die damalige Vizepräsidentin der Republika Srpska, Biljana Plavsic, und zog sich vom öffentlichen Leben zurück. Seit Juli 1996 war er auf der Flucht, im November 1998 lobten die USA die Summe von fünf Millionen Dollar für die Ergreifung von gesuchten Kriegsverbrechern aus.
Dass Karadzic in einem Land mit dreieinhalb Millionen Einwohnern weder von den dortigen internationalen Sicherheitskräften noch von der landeseigenen Polizei gefasst wurde, hatte zu zahlreichen Spekulationen über seinen Schutz durch internationale Mächte geführt.
Angebliche Zeugen behaupteten, es habe eine schriftliche Abmachung zwischen US-Vermittler Richard Holbrooke und Karadzic gegeben, dass er im Falle eines konsequenten Rückzugs aus der Politik nicht an das Tribunal ausgeliefert werde. Aber auch Kommandanten der Sfor hatten immer wieder betont, dass sie keine Anweisung zur Jagd auf Karadzic hätten, sondern nur Meldepflicht, falls er ihnen "zufällig" über den Weg laufe.
Obwohl Karadzics Versteck überwiegend in Bosnien nahe der serbisch-montenegrinisch-bosnischen Grenze vermutet wurde, hatte die frühere Haager Chefanklägerin Carla Del Ponte immer wieder behauptet, der Gesuchte halte sich häufig auch in Serbien auf. Die serbische Regierung, bis vor kurzem unter der Führung des national-konservativen Ex-Premiers Vojislav Kostunica, hatte dies stets zurückgewiesen.