Ralph Nader: Kämpferischer Asket - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Ralph Nader Kämpferischer Asket

Für die Grünen geht Ralph Nader ins Rennen um die US-Präsidentschaft. Der kompromisslose Industriekritiker hat zwar keine Chancen auf den Sieg, trotzdem könnte er die Wahl entscheiden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eigentlich müsste Ralph Nader dem Autokonzern General Motors dankbar sein. Denn mit seiner Hilfe ist der hoch gewachsene, hagere Sohn libanesischer Einwanderer in den USA zum Star geworden. In seinem Buch "Unsicher bei jeder Geschwindigkeit" wies Nader 1965 nach, dass die amerikanische Autoindustrie extrem unsichere Fahrzeuge baut. Besonders vernichtend war Naders Urteil über das General Motors Modell "Convair".

Der Konzern aus Detroit versuchte den Musterschüler und Harvard-Absolventen daraufhin mundtot zu machen und setzte Detektive auf ihn an. Das Ergebnis: Nader zog vor Gericht, wurde im ganzen Land bekannt, und gewann in dem spektakulären Prozess mehr als 400.000 Dollar. Der "Konsumenten-Kohlhaas" (SPIEGEL) hatte den Grundstein für die amerikanische Produkthaftung mit ihren teilweise aberwitzigen Entschädigungssummen gelegt.

Der Vegetarier Nader gilt als absoluter Asket, er besitzt kein Auto und keinen Fernseher. Seine Einnahmen aus Honoraren und Prozessen investiert er in ein Netzwerk von Verbraucherschutzorganisationen. Mit Hilfe seiner Mitstreiter, der "Naider's Raiders", erwarb sich der heute 66-Jährige einen legendären Ruf als unnachsichtiger Industriekritiker.

Bereits in den siebziger Jahren war Nader als möglicher Präsidentschaftskandidat gehandelt worden. Damals hatte er aber die Ansicht vertreten, dass er als Verbraucheranwalt mehr für den Durchschnittsamerikaner tun könne als jeder Präsident.

Im Jahr 1996 ging Nader dann doch für die Grünen ins Rennen ums Weiße Haus. Doch nur 5000 Dollar Wahlkampfmittel und wenige öffentliche Auftritte machten daraus ein aussichtsloses Unterfangen. Nur 567.000 Menschen, rund ein Prozent der Wahlberechtigten, stimmten für Nader.

In diesem Jahr soll das nun anders werden. Bereits vor seiner Nominierung auf dem Grünen-Parteitag in Denver im Juni besuchte Nader alle 50 US-Bundesstaaten. Neben etwa 35.000 Freiwilligen kümmern sich auch 40 Festangestellte, die über einen Millionenetat verfügen, um den Wahlkampf. Und obwohl Nader in Meinungsumfragen höchstens fünf Prozent der Stimmen eingeräumt werden, könnte sein Abschneiden die Wahl entscheiden.

Denn bei den Demokraten sorgt man sich, dass Nader dem Kandidaten Al Gore entscheidende Stimmen wegnehmen könnte. Insbesondere unter Gewerkschaftsmitgliedern wird Nader eine große Zahl potenzieller Wähler zugeschrieben, die mit der Freihandelspolitik von Gore hadern und daher den Globalisierungsgegner Nader bevorzugen könnten. In Staaten wie Kalifornien, Ohio und Michigan könnte Nader auf diese Weise zum Zünglein an der Waage werden und George W. Bush so indirekt zum Sieg verhelfen.

Während sich Bush und sein Widersacher Gore im Wahlkampf in drei TV-Redeschlachten stritten, mussten Kandidaten kleinerer Parteien wie Ralph Nader oder Pat Buchanan draußen bleiben. Nader antwortete mit scharfen Angriffen auf Demokraten und Republikaner. Die Bürger hätten nur eine Wahl "zwischen den üblen Demokraten und den noch übleren Republikanern", erklärte Nader, der sich selbst als "konsequenten Grünen" bezeichnet.

Doch selbst in seiner Partei ist Nader nicht unumstritten. So wird ihm intern unter anderem vorgehalten, er kümmere sich nur um die weiße Mittelklasse, für Arme, ethnische Minderheiten und Homosexuelle interessiere er sich nicht.