Referendum "Hunger nach Demokratie"
Bagdad - Die Angaben zu den Ergebnissen waren einen Tag nach der Abstimmung noch widersprüchlich. Zunächst hieß es, die Verfassung sei offenbar mit großer Mehrheit angenommen worden. Denn auch aus zwei sunnitisch dominierten Schlüsselprovinzen im Mittelirak wurden deutliche Mehrheiten für die föderalistische Verfassung gemeldet. Ein Scheitern schien damit unmöglich. Andere Berichte dagegen verwiesen auf angebliche Wahlniederlagen in mehreren der mehrheitlich von Sunniten bewohnten Provinzen. Demnach soll eine überwältigende Mehrheit der Wähler in den Provinzen El Anbar und Ninive bei dem Verfassungsreferendum mit Nein gestimt haben.
Auch die mehrheitlich von Sunniten bewohnte Provinz Salaheddin hat nach ersten inoffiziellen Ergebnissen die neue Verfassung für das Land abgelehnt. Laut vorläufigen Ergebnissen hätten 71 Prozent der Wähler in der Provinz gegen das Verfassungswerk gestimmt, sagte das örtliche Wahlkommissionsmitglied Salah Chalil Faradsch am Sonntag der Nachrichtenagentur AFP. In der ebenfalls sunnitischen Provinz Dijala habe dagegen mit etwa 66 Prozent eine Mehrheit der Bewohner der Verfassung zugestimmt, sagte Faradsch.
Ein Sprecher der zentralen Wahlkommission in Bagdad dementierte allerdings die Angaben. Die Kommission habe zunächst keinerlei Zahlen herausgegeben und sei noch mitten in der Stimmenauszählung. Erste Teilergebnisse solle es Montag oder Dienstag geben, betonte Kommissionssprecher Farid Ajjar. Die "derzeit zirkulierenden Zahlen" aus den Provinzen seien "pure Spekulation" und könnten nicht als definitive Resultate betrachtet werden. "Uns liegt noch kein Ergebnis vor und niemand außer der unabhängigen Wahlkommission hat das Recht, Resultate zu veröffentlichen", sagte Ajjar.
Sunniten fürchten Spaltung
Die Sunniten hatten sich im Vorfeld der Abstimmung gegen die Verfassung ausgesprochen. Sie befürchten durch das darin festgeschriebene förderalistische System eine Spaltung des Landes. Zudem fürchten sie, von den Erdölreserven im schiitischen Süden und dem kurdischen Norden des Landes abgeschnitten zu werden.
Für eine Ablehnung der Verfassung sind zwei Drittel Nein-Stimmen in mindestens drei Provinzen notwendig. Die Sunniten stellen die Mehrheit der Bevölkerung in den Provinzen Dijala, El Anbar, Ninive und Salaheddin.
Vom ersten demokratisch legitimierten Grundgesetz nach zwei Jahrzehnten Diktatur unter Saddam Hussein versprechen sich vor allem die USA eine Beschleunigung des politischen Wiederaufbaus. Allerdings gibt es die Sorge, dass die gegen den Willen vieler Sunniten durchgesetzte Verfassung die Spannungen zwischen den Volksgruppen verschärfen könnte.
"Schlag für die Aufständischen"
Der britische Außenminister Jack Straw sprach von "sehr guten Nachrichten für alle Iraker". Die rege Teilnahme belege den Hunger der Menschen nach Demokratie und einem Ende des Terrors. Die US-Regierung zeigte sich erfreut über die rege Beteiligung. "Die Abstimmung ist ein schwerer Schlag für die Aufständischen", sagte ein Sprecher von US-Präsident George W. Bush, Allen Abney.
Es sei eine klare Botschaft, dass die Iraker mit friedlichen Wahlen ihre Zukunft entscheiden wollten. Die EU-Kommission in Brüssel würdigte das Referendum als "großen Tag für die Demokratie".
Mit weiteren Ergebnissen wird am späten Abend gerechnet. 61 Prozent der registrierten Wähler beteiligten sich an der Volksbefragung. In den sunnitischen Gebieten waren es sogar 66 Prozent.
Nur vereinzelte Gewaltakte
Zu der befürchteten Welle der Gewalt kam es am Tag des Referendums nicht. Bei einem Bombenanschlag in der Stadt Ramadi wurden zwar fünf US-Soldaten getötet, es gab auch vereinzelt Angriffe auf Wahllokale, wobei drei irakische Soldaten ums Leben kamen, dennoch war der Samstag einer der ruhigsten Tage der vergangenen Wochen.
In Bagdad und anderen Orten ertönte nach Schließung der 6.100 Wahllokale Gewehrfeuer. Es waren Freudenschüsse, um den insgesamt erfolgreichen Verlauf zu feiern. Auf den Straßen wurden Süßigkeiten verteilt. Die Verabschiedung der Verfassung wäre nach der ersten freien Parlamentswahl im Januar ein weiterer Schritt zur Demokratisierung des Iraks.
Sameer Yacoub, AP; AFP