Rikscha-Report Großmutter Aew zähmt die Killer
Chiang Mai Die Rechnung für Pong, 22, war ganz einfach. "Hätte ich nicht zuerst geschossen, wäre ich tot gewesen." Also drückte er ab und sah, dass er sich aus dem Staub machte. "Manchmal geht es hier heiß her", sagt der Designstudent regungslos.
Der erste Kampf war das für Pong wahrlich nicht, denn als Boss von Chiang Mais berüchtigter Tiger-Gang muss er immer wieder für seine jüngeren "Brüder" hart zulangen. Aber es war der erste mit tödlichem Ausgang. Mit seinem Revolver, den er sich auf dem Schwarzmarkt für 2000 Baht (etwa 45 Euro) besorgt hatte, erschoss er unlängst zwei seiner Gegner.
Es ist weit nach Mitternacht in Chiang Mai, der Großstadt im Norden Thailands. Aus der Disco "Chill Out" dröhnt der harte Beat einer Live-Rockband, und unablässig strömen noch junge Leute in den Schuppen am nördlichen Rand der Stadt: Mädchen in kurzen Röcken und engen Tops, junge Männer in Jeans und mit Nieten beschlagenen Lederjacken.
Pong zeigt stolz seine Narben
Pong - das ist nicht sein richtiger Name - hat sich eine Bierflasche geschnappt, sitzt draußen breitbeinig auf einer Bank und erzählt, wie es zu seinem ersten Mord kam. "Zwei unserer jüngeren Brüder waren in das Territorium der Samurai-Gang geraten. Wenn ich sie nicht beschützt hätte, wären sie übel zugerichtet worden." So einfach ist das.
Pong ist 1,72 Meter groß, nicht muskulös, aber zäh sieht er aus. Sein stechender Blick verrät, dass er sich mit Sicherheit gut durchsetzen kann. Wenn es sein muss, auch mit brutaler Gewalt. Aber heute Abend ist er gut drauf. Er zieht sein T-Shirt hoch und zeigt stolz die Narben, die er sich bei den Kämpfen zugezogen hat. Auf dem Rücken hat er sich einen Tiger und buddhistische Schutzgottheiten tätowieren lassen. "Die haben mir schon oft das Leben gerettet", meint er.
Angst vor der Rache der Samurai hat er nicht. "Ich werde von meinen Brüdern gut beschützt." Auch, dass ihn die Polizei belangt, hält er für unwahrscheinlich: "In unserer Gang verpfeift mich keiner." Nur Großmutter Aew sollen wir bitte nichts erzählen: "Das wäre schlimm, wenn die was wüsste."
Großmutter Aew straft am strengsten
Großmutter Aew kann die Gangs vom Chiang Mai nämlich am schlimmsten bestrafen. Dabei sieht die Frau, vor der Chiang Mai mächtige Jungkriminelle zittern, überhaupt nicht furchteinflößend aus. Jeden Morgen, pünktlich um 10 Uhr, sitzt die rundliche, 62-jährige ehemalige Lehrerin, die mit bürgerlichem Namen Laddawan Chaininpin heißt, in ihrem Büro im Stadion der Stadt, die inklusive alle Vororte mehr als 700.000 Einwohner zählt.
Büro ist geprahlt, es ist eigentlich nicht mehr als eine Garage unter den Zuschauertribünen. An den Wänden hängen Fußballposter. "Ich habe Einfluss auf die Jugendgangs", sagt sie, "weil ich wohl die Einzige bin, die ihnen zuhört."
Doch wie gerät eine ehemalige Lehrerin in die Welt des Verbrechens?
4000 Jugendliche terrorisieren die Stadt
"Durch ihn hier", sagt sie und nickt einem jungen Mann mit buschiger Mähne zu, der neben ihr steht. Elf Jahre ist es her, da rutschte ihr Enkel, Thanyakhett Sirisak, heute 23 und Student der Touristik, in die Welt von Chiang Mais Jungenbanden. Am Anfang hing er mit seinen Freunden nur viel zu spät auf den Straßen rum, doch bald schnüffelte er Klebstoff, dann folgten harte Drogen und schließlich kam es zu Schlägereien.
Er wurde durch einen Messerstich schwer verletzt und verschwand in Polizeigewahrsam. Seine Großmutter verbrachte Tage auf der Wache. Dort erkannte sie die Dimension der Jugendgewalt und beschloss etwas dagegen zu tun.
Das Goldene Dreieck überschwemmt die Stadt mit Drogen
Noch mehr als in der Hauptstadt Bangkok, dem Zehn-Millionenmoloch, sind die sozialen Probleme Chiang Mais von Drogen geprägt. Das nahe Goldene Dreieck überschwemmt die Stadt mit Heroin und dem Metaamphetamin "Yaba" ("Schüttelpille").
Über 50 Jungendgangs mit mehr als 4000 Mitgliedern haben die Stadt unter sich aufgeteilt. Sie nennen sich "Bin Laden", "Tigergang", die "Verlorenen" oder "Samurai-Gang". Viele der überwiegend minderjährigen Bandenmitglieder sind Händler und Konsumenten von harten Drogen zugleich. Mädchen und Jungen, viele jünger als 16 Jahre, verkaufen zudem ihren Körper für weniger als zehn Euro. Wenn ihre Interessen kollidieren, kommt es häufig zu Konflikten mit tödlichem Ausgang.
Großmutter Aew hat als erste die soziale Dimension der Lage erkannt, sammelte Geld bei der Stadtverwaltung und ausländischen Hilfsorganisationen. "Viele der Kinder stammen aus zerstörten Elternhäusern", sagt sie. "Die Väter haben ihre Frauen im Stich gelassen. Die Jugendlichen fühlen sich verletzt und aus jeden sozialen Beziehungen gerissen."
Die Waffe der Mädchengangs: Sex
Besonders die Mädchen machen Aew großen Sorgen. Sie haben sich in Gangs wie den "Queens", "Beauties" oder "Chai-Lai" zusammengeschlossen und tragen Schlagringe. Aber im Gegensatz zu den Jungen, geht es ihnen nicht darum ein Territorium abzustecken, sondern mit möglichst vielen männlichen Gangmitgliedern zu schlafen. Auf dem Schreibtisch der sozialsorgerischen Großmutter steht deshalb ein Bonbonglas voller Kondome.
"Ich habe schon lange kapiert, dass ich die Jugendlichen nicht ändern kann", sagt Großmuter Aew, "aber wenn ich sie spielerisch zusammenbringe, gehen sie zumindest für ein paar Stunden nicht aufeinander los." Sobald ihre Killer-Schäfchen in Schwierigkeiten geraten, läuft Großmutter Aew zur Polizei, versucht zu vermitteln, zahlt auch mal eine Geldstrafe und hört erstmal zu, was die jungen Leute zu sagen haben. Nicht immer reicht das. Mehr als hundert ihrer Schützlinge sitzen derzeit im Gefängnis, einige wegen Mordes zu mehr als zehn Jahren verurteilt.
Aber Aew lässt sich nicht entmutigen.
Zweimal im Jahr organisiert sie Zeltlager mit den Gangs und viermal die Woche bringt sie die Jungs zum Fußballturnier zusammen. Da spielen heute Abend die Samurais gegen die Tiger. Das klingt nach viel Gewalt, zumindest Faustkämpfen.
Doch mitnichten. Auf einem Militärgelände außerhalb der Stadt hat ihr Enkel einen Ghetto-Blaster an den Spielfeldrand eines asphaltierten Bolzplatzes gestellt, und da kicken die Jungs jetzt in sauberen Fußballtrikots so diszipliniert miteinander, als gelte es den Fifa-Fairness-Cup zu gewinnen. Die Grillen zirpen dazu, ein paar junge Männer fläzen sich auf geparkten Motorrädern. Nach thailändischer Dorfidylle sieht das aus. Doch die Geschichten, die sie erzählen, entstammen keineswegs einer heilen Welt.
Zum Beispiel Khet, gerade 17 Jahre alt ist er. Ein zierlicher Junge mit feinen Gesichtszügen. Sein Vater ist verschwunden, als er drei war. Die Mutter bringt ihn und zwei Geschwister mit einem Stand auf dem Gemüsemarkt durch. Er besucht die letzte Klasse der Oberschule - und führt eine Gang an: "Neulich fragte mich ein 13-jähriges Mädchen, ob wir nicht zusammen in ein Stundenhotel gehen sollen", sagt er so regungslos, als wäre das ganz normal in seinem Alter.
Doch kaum hatte er sich mit dem Mädchen zurückgezogen, trommelte es an der Tür. Drei Jungs einer "feindlichen Gang standen mit dem Revolver vor der Tür und wollten mich umlegen", sagt er. Er konnte flüchten. Was er verschweigt: Erst Tage davor hatte seine Gang andere Jugendliche mit Messern niedergemacht.
Fußball als Ersatz für den Bandenkrieg
Wie immer beim Fußballturnier, sitzt Großmutter Aew heute Abend auf einem blauen Sofa am Spielfeldrand. Auf ihrem Schoß liegt ein grünes Notizbuch. Genau führt sie darin Buch, wer an ihren Gruppenabenden teilgenommen hat. Wer wiederkommen will, muss die Handynummer hinterlegen und eine kleine Gebühr bezahlen. Wer sich daneben benimmt, prügelt und unter Drogen steht, den schickt sie erst in den Tempel, und im Wiederholungsfalle wird er vom Fußballturnier ausgeschlossen. Da viele der jungen Leute keine Familie mehr haben, ist das so ziemlich die schlimmste Art des Liebesentzugs, der ihnen drohen kann.
Und davor fürchtet sich selbst Pong, der brutale Boss der "Tiger". Später am Abend kommt er auch beim Fußballspiel vorbei. Doch ob seine Gang gewonnen hat, interessiert ihn erst gar nicht. Offenbar hat er sein Geständnis von vergangener Nacht bereut. "Sie haben Großmutter Aew nichts verraten?", raunt er kleinlaut. "Nein, wie könnte ich. Informantenschutz."
Das ringt ihm ein Grinsen ab, das ihn fast wie ein Baby erscheinen lässt.
Ein Tigerbaby eben.