Rikscha-Report Mit Highspeed ins Nirwana
Bangkok - "Montag ist ein schlechter Tag", sagt Kajornsak Kong-In, 39, "da wird es nicht viele Leichen zu sehen geben. Lass uns erst mal was essen."
Das ist nicht jedermanns Sache in diesem Umfeld. Aber die Männer von der Wache 423 sind einiges gewöhnt. Denn die Mitarbeiter von Por Tek Tung, der ältesten buddhistischen Organisation Thailands, werden im Volksmund auch "Leichendiebe" genannt.
Der Begriff ist vielleicht etwas irreführend. Denn in dieser gnadenlos brutalen Acht-Millionen-Einwohner-Stadt, die nur den Gesetzen von Gier und Geld zu folgen scheint, rasen die Männer von Por Tek Tung und einem halben Dutzend ähnlicher Organisationen tagein, tagaus über die Straßen, sammeln Tote von Schießereien ein, liefern Körperteile von Selbstmördern in Leichenschauhäusern ab und bringen Schwerverletzte in die Krankenhäuser. Und das, auch ohne nur einen einzigen Bhat dafür zu verlangen.
Ursprünglich wurde Por Tek Tung vor mehr als hundert Jahren gegründet, um armen chinesischen Einwanderern ein kostenloses Begräbnis zu ermöglichen. Heute noch immer von Spenden finanziert, ist daraus eine riesige humanitäre Organisation erwachsen, die Schulen, Waisenhäuser und Hospitäler betreibt. Dass die guten Samariter aus Bangkok auch Unfallopfer bergen, liegt daran, dass Thailands Regierung in den vergangenen Jahrzehnten zwar eines der teuersten Straßennetze Südostasiens aufgebaut, aber wenig in Rettungsfahrzeuge gesteckt hat.
Dabei ist das Straßennetz des Landes alles andere als sicher. Allein in der Hauptstadt Bangkok sterben täglich etwa 40 Menschen bei Verkehrsunfällen. Während in westlichen Großstädten für etwa 10.000 Einwohner eine Ambulanz zur Verfügung steht, kommt in der südostasiatischen Metropole nur ein Sanitätswagen auf etwa 150.000 Menschen. Aber auch das sagt wenig aus. Denn ohnehin bleiben die wenigen Rettungsfahrzeuge meist stundenlang im notorischen Verkehrsgewühl der thailändischen Hauptstadt stecken.
Schwarze Freitage am Monatsende
Besonders gefährlich wird es an jedem letzten Freitag im Monat. Dann hauen die Nachtschwärmer in den unzähligen Discos und Sexclubs der "Stadt der Engel", ihr Monatsgehalt auf den Kopf. Auch die Selbstmordrate, gerade unter jungen Leuten und Konsumenten von synthetischen Drogen, steigt dann schlagartig an.
Doch heute bleibt es erstmal ruhig. Es ist acht Uhr abends. Die Schicht auf der Wache, die gleich hinter dem Haupttempel der Organisation in Bangkoks Chinatown liegt, hat gerade erst begonnen. Die Por-Tek-Tung-Retter haben ein Gemüsebeil ausgepackt, zerkleinern Kangkong-Spinat, saftige Hühnerbeine und Ingwer für das Abendessen. An den Wänden hängen Taucheranzüge, Rettungsscheren und Feuerlöschdecken. In der Ecke des Raums schnarrt der Polizeifunk aus einem schwarzen Receiver.
Während die Kollegen kochen, gibt Schichtleiter Kajornsak Kong-In, 39, schon mal einen Überblick, was heute Abend so alles auf uns zukommen kann. Er ist ein kleiner, muskulöser Mann mit dunklem Teint, der einen türkis-blauen Dienstoverall trägt, aus dessen Tasche eine übergroße Mag-Lite-Taschenlampe ragt.
Hoffen auf die Belohnung im nächsten Leben
Auf seinem Computer hat er eine Diashow aufgerufen, die Fotos von Unfallopfern der vergangenen Monate zeigt. Eigentlich sind es Bilder, die man gar nicht sehen will. Da hängt ein Selbstmörder an einem fünf Meter langen Seil an der Außenfassade eines Hochhauses im Bangkoker Süden. Danach ist die Gehirnmasse eines Motorradfahrers zu sehen, der auf einen Lastwagen gerast ist. Gefolgt wird das Sammelsurium des Grauens von einer Wasserleiche, die Kong-In aus dem Hafenbecken der thailändischen Hauptstadt geborgen hat.
"All das ist manchmal schwer zu ertragen, aber wir werden hoffentlich im nächsten Leben gut dafür belohnt", sagt der Retter. Die Männer hier sind wie die meisten Thais überzeugte Buddhisten und glauben, dass sie durch ihre humanitäre Arbeit im nächsten Leben auf eine günstige Wiedergeburt hoffen können oder dem Nirwana, dem buddhistischen Paradies einen großen Schritt näherkommen.
Doch nicht jeder nimmt den Sanitätswagenfahrern die edlen Vorsätze ab. Das mag daran liegen, dass vor ein paar Jahren die Polizei die Schlägerei zwischen 40 Por-Tek-Tung-Leuten und sechs Vertretern einer rivalisierenden Gruppe von Leichensammlern nur noch durch den Einsatz von Schusswaffen beenden konnte. Die buddhistischen Leichensammler hatten sich beim Kampf um die sterblichen Überreste eines Motorradfahrers gegenseitig zum Teil lebensgefährliche Kopf- und Stichwunden zugefügt. Hackmesser und Knüppel kamen zum Einsatz.
Wie die Leichensammler mit halsbrecherischem Tempo zum Unfallort rasen - und trotzdem oft zu spät kommen
Viele Bangkoker Bürger glauben, dass die Leichensammler bisweilen auch Leichenfledderer sind. Als Glücksbringer tragen Thais häufig goldene Amulette um den Hals, die nicht selten den Wert eines Monatslohns übersteigen. Aber in den Leichenhäusern kommen die Verunglückten selten mit Schmuck an. Auch treffen bewusstlose Unfallopfer selten mit teuren Rolexuhren in den Notaufnahmen der Krankenhäuser ein. Dennoch weist Schichtleiter Kong-In jeden Vorwurf möglicher Diebstähle seiner Leute an Unfallopfern empört von sich.
"Das mag in der Vergangenheit mal passiert sein", sagt er, "doch lege ich für meine Leute die Hand ins Feuer, dass sie absolut ehrlich sind." Heute verlangt die Polizei ein Führungszeugnis von allen Leichensammlern. Hauptberufliche Fahrer wie Kong-In, der festangestellt ist und etwa 400 Euro im Monat verdient, müssen im Gegensatz zu den vielen freiwilligen Helfern der Organisation überdies eine medizinische Prüfung ablegen; Kong-In ist dazu noch ausgebildeter Rettungstaucher. Seit zwölf Jahren macht er den Job nun schon. Davor war er Kameramann bei Skynews, einem privaten Fernsehkanal.
Einer seiner traurigsten Momente war es, so erinnert er sich, als er eine Gruppe von Kindern vor den Augen ihrer Eltern nur noch tot aus dem Hafenbecken von Bangkok bergen konnte. Sie hatten versucht einen Ball herauszufischen und waren nacheinander in die braunen Fluten des Chaophraya-Flusses gefallen. Während er sich über den Zustand der Kinderleichen auslässt, krächzt das Walkie-Talkie auf seinem Schreibtisch.
Trotz Highspeed - noch nie ein Unfall beim Rettungseinsatz
Es ist jetzt 22.35 Uhr. Auf der Straße "Nontaburi 1" ist ein Zementlaster in einen Personenwagen gerast. Wer das Höllentempo kennt, mit dem Thailands Trucker durch die Stadt rasen, kann sich schon vorstellen, was von den Insassen des Pkw übrig geblieben ist.
Im Laufschritt läuft Kong-In zu seinem Toyota Pick-up, der vor der Wache geparkt ist. Drei Minuten später rast er schon mit Blaulicht und mehr als 130 Stundenkilometern über die Stadtautobahn.
Er könne sich nicht erinnern, dass es bei einem Rettungseinsatz einmal zu einem Unfall gekommen sei, sagt er. Kaum zu glauben, denn auch in einer Baustelle nimmt er den Fuß nicht vom Gaspedal und schiebt sich bis auf 50 Zentimeter an Autos heran, die nicht gleich den Weg freimachen.
Dennoch ist die Raserei umsonst. An der Unfallstelle im Bangkoker Norden sind schon mehrere Rettungsteams seiner Organisation vor ihm eingetroffen. Es riecht nach Schweiß, Blut und heißem Asphalt. Seine Kollegen ziehen gerade fürchterlich entstellte Körper aus einem Autowrack. Hier kam jeden Hilfe zu spät. Kong-In schießt nur noch ein paar Schnappschüsse der grausam entstellten Leichen. Je mehr Fotos von Unfallopfern in den Schaukästen der Organisation hängen, das wissen die Fahrer, desto mehr Spenden gibt es später.
Ein paar Leichen, ein Schwerverletzter - ein langweiliger Tag
Dann meldet sich die Zentrale schon wieder. Jetzt liegt im Bereich der Rajvithi-Straße ein Motorradfahrer leblos auf dem Asphalt. Er hat keinen Helm getragen und über Funk klingt es nach einem weiteren grausam entstellten Leichnam.
Doch er hat Glück gehabt. Als Kong-In an der Unglücksstelle eintrifft, hieven ein paar Retter den Verunglückten schon in einem Krankenwagen. Ein fürchterliches Blutbad ist es trotzdem. Das Unfallopfer, eine junger Mann, wahrscheinlich Mitte 20, - so genau kann man das nicht mehr erkennen - hat schwere Gesichtsverletzungen und ein paar offene Knochenbrüche. Aber er wird wohl überleben.
Es ist jetzt fast zwei Uhr früh. Und der Helfer schlägt vor, eine Kaffeepause auf seiner Wache einzulegen. "Es ist Montag, ich habs ja gesagt, ein langweiliger Tag", meint er. Er soll Recht behalten. Bis zum Schichtwechsel um 8 Uhr, sind keine Leichen mehr zu sammeln. "Das nächste Mal", sagt Kong-In, "sollten sie vielleicht freitags kommen. Und nicht vergessen, am besten zum Monatsende."