Rikscha-Report: Myanmars Mann im Mond - DER SPIEGEL
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Rikscha-Report Myanmars Mann im Mond

Bei der Namenswahl ihrer Kinder verraten Asiaten ihre wahren Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen. Aber in Myanmar, dem Pariastaat der kruden Generäle, erfährt diese Neigung eine tragische Variante.
Von Jürgen Kremb
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mae Sot - In Asien entwickeln Eltern bisweilen seltsame Ideen, wenn es um die Namensgebung ihrer Kinder geht. Zum ersten Mal fiel mir das bei meiner guten alten Freundin, der chinesischen Schriftstellerin Zhang Kangkang auf. Als Rufname hatten ihre Eltern einst "Kangmei" gewählt - "Widerstand gegen die Amerikaner" heißt das.

Geboren 1950, in den Tagen von Chinas sozialistischem Aufbruch, sollte damit wohl der korrekten proletarischen Gesinnung der Eltern Ausdruck gegeben werden. Kein Wunder, dass sich die streitbare Dame der chinesischen Literatur heute mit "Widerstand, Widerstand" (eben Kangkang) begnügt. "Kangmei" wäre nicht mehr ganz zeitgemäß, denn auch in den USA werden einige ihrer knapp 70 Werke heute gelesen.

Noch martialischer wollen es wohl nur die Filipinos und die Indonesier - auch das offenbar ein Spiegel der Vergangenheit. Denn bis vor wenigen Jahren, bestimmten auf beiden Inselarchipelen noch stramme Generäle die Leitlinien der Politik. Zu notorischer Berühmtheit brachte es etwa in Indonesien Generalleutnant Jaja Suparman (ausgesprochen: Superman), der einst heimlich katholische Rebellen und islamische Dschihadisten gleichzeitig unterstützte. Einer seiner Kollegen taufte seine drei Söhne in Anlehnung an ein Trio dunkelster deutscher Vergangenheit gar Hermann, Josef und Adolf. Getoppt wurde das nur von einem philippinischen Armeeoffizier, der seinen Sohn Hitler rief.

Da lieben die Menschen in Myanmar ihre Kinder offenbar viel mehr. Geradezu zärtlich gehen sie nämlich bei der Namensgebung ihres Nachwuchses voran. Er soll sie schützen und ihnen ein Leitstern im Leben sein.

Unterdrückung, Folter und Verfolgung

Meine jüngste Recherche führte mich ins Grenzgebiet zwischen Myanmar (dem früheren Burma) und Thailand. Dort tobt seit Jahrzehnten einer der schmutzigsten und längsten Kriege Südostasiens - so absurd wie grausam, so sinnlos wie widerlich. Und die Geschichten, denen man auf Schritt und Tritt begegnet, sind so unsagbar herzerschütternd, dass man sie schwer vergessen kann. Mit ethnischen Säuberungen treibt die Militärjunta in Rangoon die Minderheitenvölker der Karen, Shan und Mon aus dem Land.

In Flüchtlingslagern nahe der thailändischen Stadt Mae Sot leben mittlerweile knapp 200.000 Menschen. Mehr als zwei Millionen Burmesen wurden durch die grauenhaften Zustände zu Hause, die tägliche Unterdrückung, Folter und Verfolgung ins Exil nach Thailand getrieben.

Einer dieser Verdammten geht mir nicht mehr aus dem Gedächtnis, weil sein lyrisch verspielter Name im brutalen Gegensatz zu seiner Lebensrealität steht. Starlight, so lautet sein Name, ist ein 44 Jahre alter Karen, eine Volksgruppe von etwa acht Millionen Menschen, die wegen ihres christlichen Glaubens besonders umbarmherzig von den buddhistischen Generälen in Rangoon verfolgt werden.

Die Brüder Starlight und Moonlight

Starlights Dorf im Dschungel-Hochland des östlichen Myanmar war von Schergen der Junta niedergebrannt worden. Auf der Flucht verlor der Vater von vier Kindern seine Frau, zwei Mädchen und einen Jungen durch Seuchen und Entkräftung. Auch seinen Bruder, der Moonlight hieß, haben die burmesischen Militärs umgebracht. Seine Leiche wurde nie gefunden. Starlight, der jetzt allein mit seinem Sohn in einem Flüchtlingslager ums Überleben kämpft, weiß nicht, wo sein geliebter Bruder Moonlight verscharrt wurde.

Da hatte John Glenn vielleicht etwas mehr Glück, wenn man das Glück nennen kann, was er durchlitten hat. John ist Burmese, aufgewachsen in Rangoon und heute 34 Jahre alt. Wenn auch Burma Anfang der siebziger Jahre noch ein hermetisch abgeriegelter Staat war, so muss seine Mutter irgendwie von dem legendären Astronauten John Glenn gehört haben. Glenn, der Amerikaner, ein Pionier der Raumfahrt, freundete sich mit Präsident John F. Kennedy an und schaffte 1974 als Senator selbst den Sprung in die Politik.

Das gelang John Glenn, dem Burmesen, in gewisser Weise auch. Er stritt für Demokratie in seiner Heimat, wurde Studentenführer, saß zweimal in Haft. "Es war die Hölle auf Erden", sagt er. Täglich wurden er und seine Leidensgenossen gefoltert. Sie hatten wenig zu essen und bei Krankheiten impfte der Gefängnisarzt alle mit derselben Spritze. Zahlreiche seiner Mitstreiter für Demokratie starben jämmerlich im Knast, an Entbehrung, den Folgen der Folter, Hunger und Aids.

"Das ist meine Mondlandung"

Als ihm vor gut zwei Jahren die Flucht nach Mae Sot in Thailand gelang, baute John Glenn deshalb in dem Grenzort die Zellen nach, in denen er damals mit seinen Freunden gesessen hatte. Es ist das Foltermuseum in Mae Sot. An der Wand hängen Fotos von den derzeit noch mehr als 1100 politischen Gefangenen, die in den Verliesen der Rangooner Junta vor sich hinvegetieren.

Täglich laufen Besucher an den Bildern vorbei, fühlen die Schwüle und die Enge der Zellen, schauen voll Mitleid und Beklemmung auf die Folterinstrumente, die John Glenn nachgebaut hat. Und einige werden die Zustände in Myanmars Gefängnis ewig in Erinnerung bleiben. "Das ist meine Mondlandung", sagt John Glenn, der Burmese.

Aber eine Frage kann John Glenn auch nicht beantworten. Warum ein Volk, das bei der Namensgebung seiner Kinder so ins Träumen und Schwärmen gerät, diese im späteren Leben so grausam misshandeln kann?