Riskanter Arbeitsplatz Inkognito im Irak
Berlin - Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hatte nach Bekanntwerden der Entführung der beiden sächsischen Ingenieure Thomas Nitzschke und René Bräunlich von etwa 30 deutschen Geschäftsleuten im Irak gesprochen. Tatsächlich beschäftigen die bis zu 40 deutschen Unternehmen, die im Zweistromland aktiv sind, vor allem einheimisches Personal. Dennoch arbeiten laut Jan Sachers, dem politischen Analysten des Sicherheitsunternehmens Command Risks Management (CRM), noch immer über 100 Deutsche im Irak.
"Zu den 30 bis 40 ständigen Mitarbeitern in den deutschen Firmen-Niederlassungen kommen noch eine erhebliche Zahl von Deutschen, die projektbezogen für einen kurzen Zeitraum im Irak tätig sind", sagt Sachers. So wie Nitzschke und Bräunlich, die von ihrem Arbeitgeber Cryotec Anlagenbau für den Abschluss einer Industrieanlage eigens eingeflogen wurden.
Die in der Nähe von Gütersloh ansässige CRM bietet Gefahrenanalysen, Sicherheitstrainings und Personenschutz an und betreut im Irak derzeit auch deutsche Unternehmen. "Einige Arbeiten können nicht von Einheimischen erledigt werden", ist Sachers überzeugt. Die DIHK-Schätzung sei "eine deutliche Untertreibung".
So sieht das auch Norbert Geißler, von der Münchner Beratungsgesellschaft Gateway-Consultants. Er geht davon aus, dass sich 250 bis 400 deutsche Geschäftsleute im Irak aufhalten. "Es ist für die Unternehmen wichtig, Flagge zu zeigen, und dazu muss man auch öfters vor Ort sein", ist Geißler überzeugt. Schließlich gehe es um viel Geld. Über die DIHK-Schätzung sagt er: "Natürlich will kein Unternehmen, dass sein Engagement im Irak bekannt wird." Gateway-Consultants betreut nach eigenen Angaben zwei deutsche Firmen im Irak.
Auch ein führender Mitarbeiter eines weiteren von SPIEGEL ONLINE befragten, im Irak stark präsenten deutschen Sicherheitsunternehmens bestätigt: "Trotz des Entführungsrisiko sind wohl noch über 100 deutsche Geschäftsleute im Irak. Niemand weiß, wie viele kleine Unternehmer sich dort als Goldgräber versuchen."
Der Nahost-Experte der DIHK, Jochen Clausnitzer, bezeichnet die Schätzungen der Sicherheitsunternehmen als "unrealistisch". Es gebe keine verlässlichen Angaben. Gespräche mit Firmen mit Niederlassungen im Irak würden aber auf eine Zahl von 30 Mitarbeitern schließen lassen. "Wir wollen nichts klein reden", sagt er.
Clausnitzer wies auf die "relativ geringen" Exporte deutscher Unternehmer in den Irak hin. Für 280 Millionen Euro hätten deutsche Firmen im Jahr 2005 Produkte in den Irak exportiert.
Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts sagte, die Behörde habe keine genauen Zahlen darüber, wie viele deutsche Mitarbeiter sich im Irak befinden. "Wir empfehlen zwar, sich bei der Einreise bei der Botschaft zu melden. Das muss aber keiner", erklärte die Sprecherin. Von den offiziell fest im Irak lebenden rund 100 Deutschen seien allerdings nur ein geringer Teil Geschäftsleute. Die Behörde rät eindringlich von Reisen in den Irak ab. Die meisten deutschen Unternehmen haben ihren Sitz im nördlichen, weniger gefährdeten, Kurdengebiet. Vor allem mittelständische Firmen etwa aus den Bereichen Maschinenbau und Bauwirtschaft hoffen dort auf satte Gewinne. Über ihre deutschen Mitarbeiter vor Ort schweigen diese stets eisern.
Nur ein Sprecher der Firma Züblin bestätigte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass es eine kleine Repräsentanz mit einheimischem Personal gebe. Deutsche Angestellte seien dort aber nur sehr selten. "Wenn das Risiko so groß ist, dass Bodyguards erforderlich wären, schicken wir unsere Mitarbeiter erst gar nicht los", sagt der Sprecher.