Robert Mansfield: "Ich bin Teil der Geschichte" - DER SPIEGEL
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Robert Mansfield "Ich bin Teil der Geschichte"

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Irgendwann während des Interviews zeigt Robert Mansfield auf seine Schuhe. "Die habe ich übrigens am 11. September getragen." Es sind einfache braune Slipper, einer hat schon ein Loch. "Der Staub steckte noch ewig in den Ritzen", erzählt der Ingenieur gut gelaunt. Aber er hat sie blank genug gekriegt, um sie wieder im Büro tragen zu können.

Es macht ihm nichts aus, über den Tag zu reden, an dem er beinahe gestorben wäre. Bis heute hat er Überreste des World Trade Center in seinen Lungen. Die ersten acht Monate konnte er nicht tief einatmen, ohne dass das Fiberglas stach. Auch Asthma-Anfälle hatte er. Jetzt ist es etwas besser, aber "es muss sich seinen Weg rausarbeiten". Das dauert.

Mansfield stand in der Lobby des Nordturms, als der Südturm nebenan einstürzte. Er hatte sich gerade insgeheim beglückwünscht, den eineinhalbstündigen, nervtötenden Abstieg aus dem 82. Stock geschafft zu haben. Er hatte Feuer gelöscht, Menschen geholfen, und nun das: Die Fenster explodierten, es wurde schwarz. Die Luft wurde so dicht, dass man sie förmlich anfassen und zu Klumpen formen konnte. Mansfield warf sich auf den Boden. "Ich hatte keine Ahnung, was es war". Es war ein einstürzender Wolkenkratzer, aber das erfuhr er erst eine Stunde später.

Mansfield drückte sein Gesicht in ein nasses Hemd und verfluchte sein Timing: "Ich war so nahe dran. Jetzt muss ich doch sterben". Er konnte nicht richtig atmen, der Staub fand seinen Weg durch das Hemd. Nachdem der unbeschreibliche Krach aufgehört hatte, wurde es ganz still. Aber nur für wenige Sekunden, dann begann die Panik: "Get me the fuck out of here", "I can't take it anymore". Noch immer schluckte der Staub jeden Sonnenstrahl. Ein Mann mit einer Taschenlampe kam vorbei, der Lichtstrahl reichte gerade mal einen Meter weit.

Der Mann führte ihn zu einem Handlauf. Von dort tastete er sich ins Freie. Ohne sich umzusehen, schleppte Mansfield sich nach Norden, Wasser suchen. Sanitäter halfen ihm. Er ging weiter nach Norden, in der Mitte der Church Street, spuckend, hustend. Die Leute sahen ihn entgeistert an. Er war eines der ersten Staub-Gespenster, die ihren Weg nach Norden fanden.

Der 53-Jährige hat nicht nur die Schuhe aufbewahrt. Seine gesamte Garnitur jenes Tages befindet sich verschnürt in einer Plastiktüte in seiner Garage. Reingeschaut hat er noch nicht wieder, aber wegschmeißen will er sie auch nicht. "Es ist eine Art Andenken", erklärt er.

Mansfield arbeitet jetzt in sicherer Entfernung von Manhattan, in einem gläsernen Hochhaus in Newark. Am Horizont kann er die Skyline sehen. Im Namen der Port Authority vergibt er Aufträge für die Reparatur von Docks und Anlegern im New Yorker Hafen. Im World Trade Center hatte er nur zwei Monate gearbeitet.

Seine Geschichte erzählt er jedem, der sie hören will. "Ich habe das Gefühl, ich bin Teil der Geschichte, so wie der letzte Überlebende von Pearl Harbor", sagt Mansfield. Fotos und Bücher über den 11. September faszinieren ihn - besonders die Tatsache, dass er genau hinter jenem Fotografen die Treppe runtergegangen ist, der das berühmte Foto vom aufsteigenden Feuerwehrmann gemacht hat. Er sieht sich die Bücher im Buchladen an, kaufen würde er sie nicht.

Manchmal befällt ihn die Rührung, etwa, wenn er sich daran erinnert, wie seine Frau übers Radio gehört hat, dass er am Leben war. Er ist seit 30 Jahren verheiratet, hat einen Sohn und zwei Enkel. Seine Frau und er sind jetzt näher, aber sonst hat sich sein Leben nicht wirklich verändert. Nach kurzem Nachdenken sagt er, er sei jetzt geduldiger - aber auch nur, weil alle darauf bestehen, irgendwie müsse ihn dieser Tag doch verändert haben. Für den Jahrestag hat er noch nichts geplant. "Vielleicht gehe ich einfach zur Arbeit."