Rüstung: Das atomare Abschreckungs-Spielchen - DER SPIEGEL
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Rüstung Das atomare Abschreckungs-Spielchen

China will die Zahl seiner auf die USA zielenden Atomraketen bis 2015 vervierfachen. Davon ist der amerikanische Geheimdienst überzeugt. Und auch Washington will entgegen anderslautender Vereinbarungen mit Moskau einen Teil seiner Atomsprengköpfe nicht verschrotten.
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Peking/Washington - Einem Geheimdienst-Bericht zufolge entwickelt China derzeit drei neue Raketensysteme, die bis 2010 einsatzfähig sein sollen. Neben dem Ausbau des Arsenals an Kurzstreckenwaffen seien die Chinesen auch dabei, so genannte MIRV-Trägerraketen einzuführen.

Diese ermöglichen es, eine Rakete mit mehreren, auf unterschiedliche Ziele ausgerichtete Sprengköpfen zu bestücken. Immer mehr setzten die Chinesen auch auf mobile Abschussrampen, heißt es in dem Report, der Analysen der CIA sowie anderer amerikanischer Geheimdienste zusammenfasst. Zudem könnte China in den nächsten 15 Jahren seine Atomwaffen, die die USA erreichen können, von derzeit rund 20 auf 100 aufstocken.

Peking dementiert

Peking wies die Berichte als grundlose Spekulation zurück. Der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, Sun Yuxi, sagte, China werde seine nationale Verteidigung "in Übereinstimmung mit seinen Bedürfnisse" ausbauen.

Die USA ihrerseits planen ein Abwehrsystem, um das Land vor anfliegenden Raketen mit Massenvernichtungswaffen zu schützen. China hat diesen Plan mehrfach kritisiert. Einerseits, weil er das kleine Atomwaffenarsenal des Landes im internationalen Machtgefüge entwerten würde. Andererseits befürchtet China, die USA könnten Taiwan ebenfalls mit unter den Abwehrschirm nehmen. Die Volksrepublik China betrachtet Taiwan aber als Teil des Landes und spricht der Insel jegliche Souveränität ab.

Das Außenministerium in Peking forderte die USA zugleich auf, das Abkommen über ein völliges Verbot von Atomversuchen zu ratifizieren. "Wir hoffen, dass sich alle Länder strikt an das Abkommen über das umfassende Atomtest-Verbot halten und es so schnell wie möglich unterzeichnen und ratifizieren", sagte ein Ministeriumssprecher. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte kürzlich zwar erklärt, die USA würden sich weiter an das 1992 verkündete Testmoratorium halten. Er ließ aber die Möglichkeit offen, dass die USA in der Zukunft auf die Tests wieder zurückkommen könnten. Der US-Kongress hatte 1999 beschlossen, das Teststoppabkommen nicht zu ratifizieren. China hat den Vertrag unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert.

Iran und Nordkorea rüsten nach

Dem CIA-Bericht zufolge werden auch Iran und Nordkorea bis 2015 über Langstreckenraketen verfügen. Nordkorea setzte zwar seine Raketentests bis 2003 aus, entwickelt die Raketen jedoch weiter. Iran könne solche Raketen vermutlich erst ab 2010 oder 2015 testen, hieß es. Selbst wenn Russland die Zahl seiner Raketen weiter senkt, verfügt das Land immer noch über das weitaus größte Arsenal an Langstreckenraketen.

Die US-Regierung hat ähnliche Berichte zum Anlass genommen, um ihre nationale Raketenabwehr zu entwickeln. US-Präsident George W. Bush begründete seine Aufkündigung des ABM-Vertrages mit Russland im Dezember mit der Bedrohung für die USA.

Atomwaffen in Reserve

Die USA bestätigten unterdessen, dass sie einen Teil der Atomwaffen, die sie gemäß einer Zusage an Moskau abbauen wollen, nicht vernichten, sondern in Reserve behalten. US-Präsident Bush hatte bei seinem Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin im Dezember eine Reduzierung des Nuklearwaffen-Arsenals um zwei Drittel im Zeitraum von zehn Jahren angekündigt.

Der Sprecher des Weißen Hauses, Ari Fleischer, sagte dazu, einige dieser Sprengköpfe sollten zerstört werden, andere würden aufs "Altenteil" geschickt und auf ihre Zerstörung warten. Eine weitere Gruppe werde für den Fall eines unvorhergesehenen "technischen oder internationalen Ereignisses" in einem nicht einsatzbereiten Status aufbewahrt.

Die "Washington Post" berichtete am Donnerstag, das Pentagon wolle die Zahl der einsatzbereiten Atomsprengköpfe in den kommenden fünf Jahren von 6000 auf 3800 abbauen. Das habe der Abteilungsleiter für internationale Sicherheitspolitik im Pentagon erklärt. Bis 2012 sollen die Zahl dann auf 1700 bis 2000 reduziert werden. Unterdessen bestätigte Fleischer auch, dass Präsident Bush eine Wiederaufnahme von Atomtest nicht ausschließe. Bush sei der Auffassung, dass die USA das Recht hätten, sicherzustellen, dass ihr Atomwaffenarsenal zuverlässig und sicher sei. Fleischer betonte, es gebe aber noch keine konkreten Pläne.