Rumsfeld-Doktrin "Speed kills"
Washington Als der Krieg im Irak zwischenzeitlich im Sand zu versinken drohte, war für viele US-Militärs die Stunde der Rache gekommen. Alle Finger deuteten anklagend auf Donald Rumsfeld, den raubeinigen Hardliner. Der habe mit seiner Idee vom Blitzkrieg und dem Einsatz einer im Vergleich zum ersten Irak-Feldzug kleinen, schlagkräftigen Hightech-Truppe die Soldaten und die ganze Mission in Gefahr gebracht - gegen den erklärten Rat vieler Generäle.
Rumsfeld ließ sich nicht beeindrucken. Ohne auf weitere Verstärkung zu warten, ordnete er den Angriff auf Bagdad an. Überraschend leicht nahmen die US-Soldaten am Mittwoch die irakische Hauptstadt ein - und bescherten dem Pentagon-Chef damit einen großen Sieg auch an der Heimatfront. Denn nun sieht sich er sich laut einem Artikel im "Wall Street Journal" in seiner umstrittenen Strategie von schnellen, harten, kurzen Kriegen bestätigt.
Erfolg rechtfertigt den militärischen Umbau
"Was man im Irak in Grundzügen sieht, ist die Art von Kriegsführung, die uns in unserem Wunsch bestätigt, die Truppe umzustrukturieren", sagte Stephen Cambone, der im Pentagon die Abteilung Aufklärung leitet und einer der wichtigsten Ratgeber des Verteidigungsministers ist. Auch Vizepräsident Dick Cheney soll schon applaudiert haben. Der Irak sei der "Erfolgsbeweis für unsere Bemühungen, unser Militär umzubauen".
Rumsfelds Grundidee ist, dass die Schnelligkeit der Truppen wichtiger ist als ihre Anzahl. "Schnelligkeit bringts. Schnelligkeit tötet", zitiert das Blatt den pensionierten Vizeadmiral Arthur Cebrowski, der das Büro zur Umwandlung der Streitkräfte leitet. Dank der Geschwindigkeit gebe es weniger zivile Opfer und weniger Tote unter den US-Soldaten. Das Ziel sei, sich schneller zu bewegen als der Feind reagieren kann.
Eine Strategie, die auch im US-Kabinett Widerstand aus berufenem Mund hervorrief. Denn die so genannte Rumsfeld-Doktrin läuft der des jetzigen Außenministers Colin Powell zuwider. Der Ex-General hatte einst als Stabschef den Standpunkt vertreten, die USA müssten über eine große und starke Armee verfügen. Einsätze nach der Powell-Doktrin sehen vor, dass der Feind zunächst mit langanhaltenden Luftangriffen zermürbt wird und dann zahlenmäßig starke Bodentruppen einmarschieren. Das Ganze soll mit großer internationaler Unterstützung und möglichst mit Billigung oder gar Hilfe der Verbündeten stattfinden - siehe Golfkrieg von 1991.
Dezentrale Organisation statt Hauptquartiere
Rumsfelds neue Doktrin zielt dagegen mehr auf eine unabhängig agierende US-Streitmacht. Nach den Vorstellungen Rumsfelds soll die Armee künftig nicht mehr an zentralen Punkten wie Deutschland oder Korea stationiert sein, sondern sich gleichmäßiger verteilen, um so schneller in Krisenherden eingreifen zu können, berichtet das "Wall Street Journal". Die Weigerung Österreichs etwa, den Amerikanern Überflugrechte beim Transport ihrer Truppen aus Deutschland zu gewähren, habe den US-Vorstoß an den Golf erheblich abgebremst. Wären andere Truppenkontingente hingegen in Osteuropa oder Zentralasien stationiert gewesen, hätte Österreichs "Nein" weniger großen Einfluss gehabt, heißt es in der Zeitung.
Außerdem setzt Rumsfeld vor allem auf leichtere und effektivere Bodentruppen, die gezielt an ihre Einsatzorte auf dem Schlachtfeld geflogen werden können. Damit soll verhindert werden, dass wie in diesem Fall ein Land wie die Türkei den Amerikanern einen Strich durch die Kriegsrechnung macht indem es die Erlaubnis verweigert, US-Truppen von ihrem Boden aus in den Irak einmarschieren zu lassen.
In Militärkreisen geht nun die Sorge um, Rumsfeld könne den raschen Erfolg der US-Soldaten im Irak als Beweis für seine These nutzen, dass die Armee ohnehin zu groß ist und eine kleinere, flexiblere Truppe vollkommen ausreicht.
Der ausgehungerte Irak war ein leichter Gegner
Hochrangige Militärstrategen warnten ausdrücklich davor, zu viele Lehren aus dem Irak-Feldzug ziehen zu wollen, schreibt die Zeitung. Denn der Irak sei ein außerordentlich schwacher Gegner. Saddam Husseins Armee habe zwar eine hohe Truppenstärke, sei aber durch das Embargo über ein Jahrzehnt nicht in der Lage gewesen, ihre Panzer in Stand zu halten oder ihre Kampfjets zu fliegen.
Darüberhinaus, sagen Militärvertreter, seien die Angriffe der Fedajin-Milizen strategisch völlig inkompetent gewesen. Anstatt die Amerikaner in einen Hinterhalt zu locken, seien die Iraker in Selbstmordattacken auf die gepanzerten Fahrzeuge der US-Truppen losgerannt. "Das war nicht gerade ein außerordentlich kluger Feind", sagte einer der US-Militärs der Zeitung.
Wie tauglich die Rumsfeld-Doktrin wirklich ist, würde sich zeigen, sollte es gegen potentere Gegner gehen. An entsprechenden Drohungen lassen es Rumsfeld und Co. nicht fehlen. Doch Experten warnen: Hochgerüstete und wohlhabende Länder wie Syrien, Iran oder die Atommacht Nordkorea würden die US-Armee sicher vor größere Aufgaben stellen.
Friederike Freiburg