Rupert Murdoch Alptraum des Tycoons
News-Corp.-Chef Murdoch: "Der demütigste Tag meines Lebens"
Foto: SUZANNE PLUNKETT/ REUTERSEs war sein Lebenstraum. "Das Nachrichtengeschäft ist für mich sehr persönlich", sagte Rupert Murdoch einmal. Nichts errege ihn mehr, erfreue ihn mehr, erfülle ihn mit mehr Stolz, als Zeitungen zu besitzen - und damit auch deren "kostbarstes Gut, die Bande mit ihren Lesern".
2008 war das, als Murdoch so sentimental offenbarte, was ihn als Unternehmer antreibt. Da schwärmte er vom Vater, dem einstmals mächtigsten Zeitungsbaron Australiens, von seinem ersten Job beim Lokalblatt "Adelaide News" und davon, wie "das Hämmern der Schreibmaschinentasten in den Minuten vor Redaktionsschluss sein Crescendo erreichte".
Alles andere mag ihm Macht und Geld gegeben haben: TV-Sender, Filmstudios, Buchverlage. Zeitungen jedoch verschafften ihm Reputation, mehr noch: Identität - von seiner ersten Akquisition 1968, der jetzt im Skandal beerdigten "News of the World", bis zu seinem wichtigsten Zukauf vier Jahrzehnte später, dem "Wall Street Journal".
Er ist der letzte Dinosaurier. Einer, dem noch "Druckerschwärze durch die Adern fließt" (CNN). Zeitungen sind Murdochs Seele, seine "Monomanie", wie der US-Autor Michael Wolff in seiner Biografie "Der Medienmogul" schreibt. Deren Originaltitel: "The Man Who Owns the News" - der Mann, dem die Nachrichten gehören. Ein Anspruch, der heute wie Hohn klingt.
Ob er sich noch lange an der Spitze seines Medienkonglomerats News Corp. hält, bleibt unklar - auch und gerade nach seinem entwürdigenden Auftritt vor dem britischen Parlament. Im Anhörungssaal des Londoner Portcullis House opferte Murdoch das Bild vom allmächtigen Zeitungsmacher und machte sich zum ahnungslosen Greis, dem Kalkül der Juristen zuliebe. Damit ist alles zerstört, wofür er seit jeher gekämpft hat.
Er wusste nichts, er ahnte nichts, er war für nichts verantwortlich: Die Ausflüchte des 80-Jährigen besiegelten seinen Untergang, seinen Absturz vom Strippenzieher zum Strohmann. Indem er ausgerechnet die Macht verleugnete, die die Basis seiner Existenz ist, verspielte er sein Vermächtnis. "Dies ist der demütigste Tag meines Lebens", sagte er. Das ist mehr als das obligatorische "mea culpa".
Das Ansehen war wichtiger als die Zahlen
Da spielt es kaum eine Rolle mehr, ob nun sein Rücktritt als Konzernchef diskutiert wird oder nur die Option, dass sich News Corp. von seiner Zeitungslast löst - ein Wunsch, den Aktionäre schon lange hegen. Beide Schritte der unternehmerischen Selbsterhaltung wären das Ende der Selfmade-Legende Murdoch.
"News of the World" mache doch nur einen Prozent seines Geschäfts aus, wiegelte der Tycoon am Dienstag ab - als ginge es hier allein um Zahlen. Denn wichtiger war ihm stets sein Ansehen. "Zeitungen gaben Rupert Murdoch gesellschaftlichen Status", sagte der Management-Professor James O'Rourke der "Los Angeles Times". Sie seien "spannender als jedes andere Spiel", schwärmte einst Murdochs Mentor Max Aitken Lord Beaverbrook, ein sagenumwobener Londoner Medienmogul und erster Informationsminister Großbritanniens.
Wie Beaverbrook, der seine Redakteure am Telefon anzubellen pflegte, mischte sich auch Murdoch immer in den Tagesablauf seiner Blätter ein - mehr als bei allen anderen Besitztümern, selbst bei seinem US-Kabelkanal Fox News. "Rupert schrieb Schlagzeilen, Rupert gestaltete Storys, Rupert diktierte den Einstieg", erinnert sich Robert Spitzler, der Ex-Chef seiner "New York Post", in einer BBC-Dokumentation. "Rupert war überall."
Und jetzt ist er nirgends mehr. Am Dienstag erweckte Murdoch den Eindruck, ihn kümmere es nicht, was in seinen Zeitungen vorgehe, ja, er lese sie nicht mal - eine traurige und allzu durchsichtige Lüge. Eine Lebenslüge gar, die Verrat übt an der eigenen Herkunft. "Ich wurde in einer Zeitungsfamilie großgezogen", sagte Murdoch noch 2008, "von einem Vater, der davon überzeugt war, dass die Zeitung eines der wichtigsten Instrumente menschlicher Freiheit ist."
Der Aufstieg des "Dirty Diggers"
Ein hehres Ziel - und ein eklatanter Widerspruch zum jetzigen Abhörskandal um die "News of the World". Dass Murdochs Heißhunger nach Macht, Renommé und exklusiven "Scoops" nun ausgerechnet zu dieser Selbstzerstörung geführt hat, ist die Ironie dieser Geschichte.
Denn am Anfang seines Aufstiegs standen solides Handwerk und pure Ethik. Sein Vater Keith Murdoch begann als Reporter, und als der Sohn das Erbe antrat, bewegten ihn angeblich ähnlich fromme Ideale, allen voran "gute Redakteure und loyale Leser".
1964 gründete Murdoch Australiens erste landesweite Zeitung, den "Australian". Fünf Jahre später landete er in Großbritannien - und machte die "News of the World" zum Fundament seines publizistischen Weltreichs. Murdoch war 38 Jahre - so alt wie jetzt sein Sohn James, der sich bei der Anhörung am Dienstag als designierter Erbe präsentierte.
Spätestens in London ließ Murdoch Ethik und Skrupel hinter sich. Sensationalismus und Sex ziehen eben besser als Gutmenschentum. Nicht umsonst nannten sie ihn bald "Dirty Digger". "Er gräbt Schmutz aus", sagte Ian Hislop, Chef des britischen Satiremagazins "Private Eye", zu CNN, "und steckt den dann in seine Zeitungen und verkauft ihn."
So wurde er zum mächtigsten Medienmann Großbritanniens - und einem der mächtigsten der USA. Dort schnappte er sich die "New York Post", die er von links auf rechts stülpte und weiter am Leben hält, trotz Millionenverlusten und Auflagenschwund. Er konsolidierte sechs US-Lokalsender zum TV-Network Fox, fasste mit 20th Century Fox in Hollywood Fuß und ließ 1996 sein konservatives Schlachtschiff "Fox News" vom Stapel, den Goldesel des Konzerns.
Ruf auf Dauer lädiert
All das machte Murdoch zum Tycoon, mit einem Jahressalär von zuletzt fast 23 Millionen Dollar. Ideologie war ihm weniger wichtig. Sicher, er tendiert zu den Rechten, flirtete aber auch mit Hillary Clinton und selbst Barack Obama: "Er verkauft mehr Zeitungen", sagte Murdoch über den damaligen Präsidentschaftskandidaten.
Sein größter Fang war 2007 Dow Jones, der Hausverlag des "Wall Street Journal". Um den Besitzer-Clan der Bancrofts von dem Deal zu überzeugen, schwor er schriftlich die Einhaltung redaktioneller Unabhängigkeit. Wie wenig dieser Eid wert war, zeigte sich am Montag, als sich das "Journal" im Hacker-Skandal schamlos auf seine Seite schlug.
Dank Murdochs gewinnträchtiger TV- und Filmunternehmungen hat News Corp. unter der Medienkrise weniger gelitten als andere US-Verlage - besonders die defizitäre Erzrivalin "New York Times", auf die Murdoch ebenfalls mal ein Auge geworfen hatte. Doch damit dürfte es nun wohl vorbei sein, zu sehr scheint Murdochs Ruf dauerhaft lädiert.
Die Wall Street hasst das Verlagswesen ohnehin. Obwohl Zeitungen nur 18 Prozent des News-Corp.-Gesamtumsatzes einbringen, hat der Abhörskandal die Aktie ins Schlingern gebracht. Marktanalyst Michael Nathanson nannte Murdochs Blätter jetzt sogar "giftig" und riet ihm, ganz aus dem Geschäft auszusteigen - was der Aufforderung gleichkommt, seine Seele zu verkaufen.
Trotzdem bejubeln Börsen-Insider die zynische Performance der beiden Murdochs in London. "Weder Rupert noch James", sagte Börsenanalyst Thomas Eagan der "New York Times", "haben der Firma Schaden zugefügt."
Der Firma vielleicht nicht. Doch selbst wenn Murdoch seinen Top-Job wahrt ("Ich bin die beste Person, um das aufzuräumen") und bis zur gnädigen Altersgrenze durchhält: Sein Image als renommierter Verleger ist dahin - und sein Lebenstraum ausgeträumt.