Saddam-Interview: "Wir werden hier sterben" - DER SPIEGEL
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Saddam-Interview "Wir werden hier sterben"

"Welche Raketen, was meinen Sie?" Er habe keine Raketen, die gegen Uno-Auflagen verstießen, versicherte Saddam Hussein einem CBS-Reporter. Die störrische Haltung des Diktators könnte den Amerikanern den bisher überzeugendsten Kriegsgrund liefern. Kriegsgegner Schröder sucht derweil nach einer Friedenslösung - diesmal im Kreml.
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Washington - Saddam sagte in einem Exklusivinterview mit dem US-Sender CBS, er sehe keinen Grund, der Forderung der Vereinten Nationen nach einer Zerstörung von Raketen nachzukommen: "Wir haben keine Raketen, die die vorgeschriebene Reichweite überschreiten." Uno-Chefinspektor Hans Blix verlangt vom Irak, Raketen vom Typ al-Samud-2 von Samstag an zu verschrotten, da sie die erlaubte Reichweite überschritten. Die Forderung Blix' gilt als Prüfstein für die Kooperationsbereitschaft des Irak, dem die USA mit einem Krieg wegen Verletzung der Uno-Abrüstungsauflagen drohen.

Saddam erklärte, der Irak habe sich zur Erfüllung der Uno-Resolution 1441 verpflichtet. Er betonte aber, dass es dem Irak unter den Uno-Bedingungen erlaubt sei, Boden-Boden-Raketen mit einer bestimmten Reichweite zu produzieren. Raketen mit größeren Reichweiten seien zerstört worden, sagte der Diktator.

Zugleich forderte er US-Präsident George W. Bush zu einem Dialog und zu einer Fernsehdebatte auf. Saddam erklärte, er wolle vor dem amerikanischen Publikum seine Position erläutern und ihm versichern, dass das irakische Volk nicht der Feind des amerikanischen Volkes sei.

Das Interview, das in Auszügen bereits von CBS in den vergangenen Tagen ausgestrahlt wurde, soll in der kommenden Nacht (MEZ) gesendet werden. Darin bestreitet Saddam, Verbindungen zu der Extremistengruppe al-Qaida zu unterhalten, und schließt einen Gang ins Exil aus.

"Der Irak hatte niemals irgendwelche Verbindungen zu al-Qaida", sagte Saddam dem CBS-Journalisten Dan Rather. Die USA vermuten die Gruppe des Muslim-Extremisten Osama Bin Laden hinter den Anschlägen vom 11. September und haben dem Irak vorgeworfen, Verbindungen zu al-Qaida zu unterhalten. Er werde seine Nation nicht im Stich lassen, sagte Saddam und fügte hinzu: "Wir werden hier sterben. Wir werden in diesem Land sterben und wir werden unsere Ehre bewahren, die Ehre, die vor unserem Volk verlangt wird."

Saddam will angeblich keine verbrannte Erde hinterlassen

Zugleich schloss der irakische Präsident die Möglichkeit aus, irakische Ölfelder anzuzünden oder Dämme in die Luft zu sprengen, um eine US-Invasion aufzuhalten: "Der Irak verbrennt seinen Reichtum nicht und zerstört seine Dämme nicht."

Rather sagte, Sadam habe einen ruhigen Eindruck gemacht, auch wenn er sich auf einen Krieg mit den USA gefasst mache. "Er weiß, dass die Zeit für eine Invasion sehr nahe ist. Er nimmt sehr ernst, was Präsident Bush sagt." Indes habe Saddam noch immer nicht akzeptiert, dass er den Golfkrieg 1991 verloren habe. Er gehe auch bei einer drohenden neuen Auseinandersetzung davon aus, dass er unbesiegt aus dem Konflikt hervorgehen werde. Allerdings rechne Saddam mit einen gewaltigen ersten und möglicherweise auch zweiten Schlag der USA und ihrer Verbündeten.

Schröder auf Kreml-Visite

Bundeskanzler Gerhard Schröder fliegt heute Nachmittag zu einem Kurzbesuch nach Moskau. Dort will er mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zusammentreffen. Bei dem Gespräch im Kreml dürfte die Abstimmung über das weitere Vorgehen bei den Vereinten Nationen im Mittelpunkt stehen.

Gemeinsam mit Frankreich hatten Deutschland und Russland am Montag in New York einen Vorschlag für die Ausweitung der Waffeninspektionen im Irak vorgelegt. Die drei Länder stellten sich damit gegen einen Resolutionsentwurf der USA, Großbritanniens und Spaniens, der einen Krieg gegen den Irak autorisieren würde.

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel äußerte sich gestern betont zurückhaltend zu der neuen deutsch-französisch-russischen Initiative. Während ihres USA-Besuchs sagte sie, sie wolle das nicht kommentieren. Es müsse aber alles daran gesetzt werden, die Widersprüche in Europa zu überwinden. Europa und die USA sollten gemeinsam handeln.

Trittin: Kinder wären die Hauptleidtragenden

Ein Präventivschlag der USA gegen den Irak würde nach Ansicht von Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) die Weltordnung völlig umstürzen. Wenn ein Land einen angeblich vorbeugenden Militärschlag ausführe, würde das völkerrechtlich verankerte Gewaltverbotsprinzip ausgehöhlt, sagte die Ministerin gestern Abend in Wiesbaden. Davon ginge die gefährliche Botschaft aus, dass sich der Stärkere durchsetzt und nicht die Stärke des Rechts.

Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) warnte vor den "verheerenden Folgen" eines Irak-Krieges für die Zivilbevölkerung. "Millionen Kinder wären mit Sicherheit die Hauptleidtragenden", sagte Trittin dem "Tagesspiegel". Trittin verwies auf Studien, nach denen 40.000 bis 200.000 Menschen an unmittelbaren Kriegsfolgen und bis zu 200 000 andere an den mittelbaren Folgen eines Krieges sterben könnten.

Saddams neue Dokumente

Der Irak übergab den Uno-Inspektoren Dutzende weitere Hinweise über die angebliche Zerstörung von Massenvernichtungswaffen und meldete zudem den Fund einer verdächtigen Bombe. Das erklärte Uno-Chefinspektor Blix vor Reportern in New York. Bagdad habe in den vergangenen Tagen substanziell mit der Uno kooperiert. Die USA werteten diese Hinweise jedoch als Zeichen für die Unglaubwürdigkeit der Regierung von Präsident Saddam Hussein.

Blix sagte am Rande eines Treffens mit dem Beraterstab der Irak- Inspektionskommission Unmovic, die neuen Hinweise enthielten "positive Elemente", die genauer untersucht werden müssten. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sowie der Eindruck, dass Bagdad inzwischen eine stärkere Kooperation auch in Sachfragen und nicht nur in organisatorischer Hinsicht zeige, könnten nach Ansicht von Uno- Diplomaten im nächsten Bericht der Waffeninspektoren an den Sicherheitsrat eine Rolle spielen. Der neue Bericht soll Anfang März erstattet werden.

Weißes Haus: Dokumente beweisen Saddams Unglaubwürdigkeit

Der Sprecher des Weißen Hauses, Ari Fleischer, sieht in den neuen Dokumenten einen Beweis für die Unglaubwürdigkeit des Irak. Der Druck auf Bagdad nehme zu und plötzlich tauchten Waffen auf, deren Besitz der Irak zuvor bestritten habe. Auch seien jetzt überraschend Dokumente gefunden worden. Zuvor habe Bagdad jedoch geschworen, die Vereinten Nationen vollständig unterrichtet zu haben. Deshalb könne Saddam Hussein nicht vertraut werden, sagte Fleischer in Washington. Der Fund, fast zwölf Jahre nachdem der Irak aufgefordert worden war solche Waffen zu zerstören, werfe die Frage auf, ob Bagdad sich jemals an Abrüstungsauflagen halten werde oder nicht. Dennoch sei Präsident George W. Bush nicht der Meinung, dass die Waffeninspektionen in einer Sackgasse steckten, sagte Fleischer.

Die Waffeninspektoren begannen unterdessen mit der Untersuchung einer Grube, in der die irakische Regierung nach eigenen Angaben biologische und chemische Kampfstoffe vernichtet hat. Wie Unmovic-Sprecher Hiro Ueki in Bagdad sagte, hatten die Iraker bereits vor sechs Tagen mit Grabungen in al-Asisija rund 100 Kilometer südwestlich von Bagdad begonnen, wo 1991 angeblich biologische Kampfstoffe vernichtet worden waren.

Am Sonntag wird ein weiteres Team von Uno-Waffenexperten in Bagdad erwartet. Die Fachleute sollen irakische Angaben zur angeblichen Zerstörung seiner Bestände des Milzbranderregers Anthrax und des Nervengases VX überprüfen, sagte Ueki.

Bio-Bombe gefunden

Nach Angaben von Blix hat der Irak die Waffenkontrolleure in mehreren Briefen über die Auffindung von etwa 100 Dokumenten in Kenntnis gesetzt, die zum großen Teil mit der Entsorgung verbotener Waffen seit 1991 in Zusammenhang stehen. Einige dieser Papiere seien handschriftliche Aufzeichnungen über Vernichtungsaktionen. Die Inspektoren seien bereits dabei, allen diesen Hinweisen nachzugehen.

In einem der neuen Schreiben werde Unmovic über den Fund einer so genannten R-400-Bombe informiert, die eine noch nicht untersuchte Flüssigkeit enthalte, sagte Blix. Die Bombe sei nach den irakischen Angaben in einer Anlage zur Entsorgung von biologischen Kampfstoffen entdeckt worden, die den Uno-Inspektoren von früheren Kontrollen her bekannt sei. Bei Inspektionen vor 1998 hatten Uno-Experten bereits Erkenntnisse gewonnen, wonach der Irak R-400-Bomben mit Aflotoxin gefüllt haben könnte. Dabei handelt es sich um hoch giftige Schimmelpilzkulturen.

Blix hatte Bagdad in den vergangenen Monaten immer wieder aufgefordert, die behauptete Vernichtung von biologischen und chemischen Waffen und Kampfstoffen durch Dokumente zu beweisen oder zumindest Personen für Befragungen zu benennen, die an solchen Entsorgungsaktionen beteiligt gewesen sein sollen.

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