Saif al-Islam : Diktators Liebling - DER SPIEGEL
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Saif al-Islam Diktators Liebling

Er präsentierte sich als Reformer, als Libyens Hoffnungsträger. Doch auf dem Höhepunkt der Revolution ließ Despoten-Sohn Saif al-Islam Gaddafi die Maske fallen und schlug sich auf die Seite seines Vaters. Anatomie eines verpfuschten Lebens.
Von Yassin Musharbash
Saif al-Islam (bei einer Parade 2007): Gnadenlose Jagd auf Zivilisten
Saif al-Islam (bei einer Parade 2007): Gnadenlose Jagd auf Zivilisten

Saif al-Islam (bei einer Parade 2007): Gnadenlose Jagd auf Zivilisten

Foto: MAHMUD TURKIA/ AFP
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Berlin - Es ist nicht so, als hätte Saif al-Islam Gaddafi keine Wahl gehabt. Jahrelang vermittelte er gezielt und manchmal sogar überzeugend den Eindruck, er wäre ein echter Demokrat. Einer, dem ein freieres Libyen vorschwebte als jenes, das sein Vater Muammar in den langen Jahrzehnten seiner Herrschaft geformt hatte. Doch als es darauf ankam, als das libysche Volk selbst aufbegehrte, da fehlte ihm entweder der Mut oder die Überzeugung, und er setzte er sich nicht etwa an die Spitze des Aufstandes, sondern stellte sich an die Seite seines Vaters.

Nun wurde Saif al-Islam festgenommen. Sein bisheriges Leben beendet er als tragische Figur. Auf ihn wartet damit der Prozess - entweder in Libyen oder vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, der ihn wegen des Verdachts anklagen will, Ermordungen von Zivilisten mit vorbereitet zu haben.

Im Grunde lässt sich Saif al-Islam al-Gaddafi nur verstehen, wenn man in ihm den Sohn seines Vaters sieht; nichts in seinem Leben kann losgelöst davon betrachtet werden, dass Muammar al-Gaddafi Libyen nach Gutdünken und ohne Einschränkungen regierte. Nachdem Saif al-Islam sich als Ingenieur und Architekt hatte ausbilden lassen, erhielt er von seinem Vater sofort einen staatlichen Auftrag für ein bauliches Riesenprojekt. In den Jahren danach hatte er zwar keine offiziellen Ämter inne, betrieb aber im Auftrag seines Vaters eine Art Schatten-Außenminister-Dasein.

Sein Auftrag war es, insbesondere in den Jahren nach dem 11. September 2001, das akzeptable Gesicht seines Landes im Ausland zu sein. Wer mit Muammar nicht reden mochte, sprach mit Saif al-Islam, der Maßanzüge trug, einen Doktortitel der renommierten London School of Economics führte und einer Stiftung vorsaß, die sogar Menschenrechtsorganisationen als de facto einzige Anlaufstelle für Klagen über die Brutalität des Regimes beschrieben.

Personifizierung der permanenten Hoffnung auf Verbesserung

Saif al-Islam verhandelte mit Opfern und Hinterbliebenen von Terroranschlägen Entschädigungen aus, die sein Vater in Auftrag gegeben hatte. Er polierte Libyens Image auf, indem er westliche Geiseln auf den Philippinen freikaufte. Sein Vater strich die politische und wirtschaftliche Dividende ein.

Natürlich verströmte Saif al-Islam dennoch den Hautgout eines typischen Diktatorensohns. Seine Villa in London soll zehn Millionen Pfund gekostet haben, Privatkino inklusive. In einer seiner libyschen Residenzen hielt er sich einen oder zwei junge Tiger. Inwieweit er in diesen Jahren in Gräueltaten und Verbrechen des Regimes involviert war, lässt sich nicht ohne weiteres sagen.

Saif al-Islam konnte seine Kontakte zum Beispiel mit dem höchsten Spitzen des britischen Establishments trotzdem immer weiter vertiefen - nicht zuletzt, weil er zwischendurch und immer wieder sagte, was alle gerne hörten. Sätze wie diesen: "Sie alle wissen, dass das demokratische System, von dem wir geträumt haben, in der Realität nicht existiert." 2006 war das, auf einer Konferenz in Libyen. Der Satz bezog sich auf das Land, das sein Vater führte - ein Land, in dem weniger kritische Sätze dazu führen konnten, dass Menschen verschwanden.

Es gibt die Vermutung, dass Vater und sein Sohn ein abgekartetes Spiel spielten, dass der "Reformer" Saif al-Islam als Gegenentwurf zu seinem Vater diesen im Grunde an der Macht hielt, weil er die permanente Hoffnung auf Verbesserung personifizierte. Es ist nicht überliefert, dass Muammar al-Gaddafi seinen Sohn je zurechtwies. Es ist unklar, was das bedeutet.

Leben im Schatten des großen Despoten

Sicher ist nur, dass Saif al-Islam die Rolle des Fortschrittlichen mit Hingabe ausfüllte - jedenfalls in Worten. Erst im Februar dieses Jahres sagte sein britischer Verlag wegen der laufenden Revolte die Veröffentlichung eines zuvor von Saif al-Islam verfassten "Manifests" ab, in dem er direkte Demokratie in Libyen forderte. Seine Doktorarbeit hatte sich schon mit Reformvorschlägen beschäftigt. Viele, die ihn kannten, beschrieben ihn als hin- und hergerissene, als geradezu gespaltene Persönlichkeit: ein Demokrat und Reformer - und jemand, der sich anderen Kräften verpflichtet fühlte: der Familie, dem Stamm.

Als die Revolte begann, die seine Bewährungsprobe hätte werden können, war von seinen angeblich so lauteren und ernstgemeinten Vorstellungen jedenfalls bald nicht mehr viel übrig. Schon im Februar warnte er vor "Strömen von Blut", die Aufständischen nannte er "Ratten", zuletzt erklärte er, er habe sich mit den Islamisten unter den Rebellen verbündet, um den Aufstand niederzuschlagen. Seine Tiraden im Staatsfernsehen waren oft verwirrend, doppeldeutig - nur einen Schluss ließen sie nicht zu: dass der 39-Jährige versuchen würde, seinen Vater abzusetzen, um das so oft beschworene bessere Libyen selbst herbeizuführen.

Es kann nicht leicht gewesen sein, als Sohn von Muammar al-Gaddafi aufzuwachsen. Betrachtet man die schillernden Lebensläufe und Aktivitäten von Saif al-Islams Geschwistern, die jede und jeder für sich durch extremes Verhalten auffielen, weil sie sich durchs Leben prügelten oder Saddam Hussein verteidigten, unbedingt Profifußballer werden mussten oder hauptberufliche Schlächter, dann ergibt sich das Bild einer schrecklichen, dysfunktionalen Familie, in der niemand im Schatten des großen Despoten einen eigenen Charakter entwickeln konnte, sondern alle nur wirken wie Splitter der übergroßen, alles immer noch übertreffenden Person des Muammar al-Gaddafi.

Auch das gehört zur Tragik von Saif al-Islam al-Gaddafi. Vielleicht hätte er unter anderen Umständen einen weniger brutalen, akzeptableren Herrscher als sein Vater abgeben können. Doch genau wie jenen hat die Revolte auch ihn hinweggefegt. Die Chance, sich im entscheidenden Moment von seinem Vater zu emanzipieren, hat Saif al-Islam vertan.