Sally Regenhard: Die Kämpferin - DER SPIEGEL
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Sally Regenhard Die Kämpferin

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sally Regenhard weiß bis heute nicht, was ihrem Sohn am 11. September widerfahren ist. "Zero, zero, zero", sagt sie. Bei jedem Wort wird ihre Stimme lauter und einen Tick wütender. Ihr Sohn Christian war ein Feuerwehrmann, gerade sechs Monate im Job. Der 28-Jährige starb im World Trade Center, sein Körper ist noch nicht identifiziert. Die New Yorker Feuerwehr verweigert jegliche Auskunft über den Rettungseinsatz, nur eine McKinsey-Studie über jenen Tag wurde vor Kurzem veröffentlicht.

Wenn Regenhard vom Grab ihres Sohnes spricht, dann benutzt sie immer die gleiche Phrase: "Diese verfluchten Türme des Untergangs". Sie hat sich geschworen, den "Mord" an Christian bis ins letzte Detail aufzuklären. In welchem Turm war er? Wieso funktionierte sein Funkgerät nicht? Und wieso sind die Türme überhaupt eingestürzt?

Von ihrem Mann, einem pensionierten Mordkommissar, weiß sie, wie in einem Mordfall verfahren wird: Tatort absperren, Spuren sichern, Fundstücke wissenschaftlich untersuchen. Was wurde stattdessen am Ground Zero gemacht? "Die Leute sind rein und raus gerannt, der Stahl wurde rausgekarrt und verkauft", schäumt die kleine Frau, die nur so lange unscheinbar wirkt, bis sie ihr Make-up aufgetragen hat und ihre Anklagereden schwingt.

Seit dem 1. November ist sie voll als Lobbyistin tätig. In ihrer Wohnung in der Bronx hat sie die "Skyscraper Safety Campaign" gegründet, mit dem erklärten Ziel, eine offizielle Untersuchung in Gang zu bringen. Sie hat sich einen Computer angeschafft und ein Handy. Ihre Telefonrechnung hat sich vervierfacht, wegen der Anrufe nach Washington.

Ihre Wut hat sie bis ins Weiße Haus getrieben. Eigentlich war sie als Beiwerk zu einem PR-Ereignis eingeladen: Präsident Bush wollte im Kreise der Opferfamilien ein Steuergesetz unterzeichnen. "Doch ich hatte meinen eigenen Plan", sagt Regenhard. "Und ich habe ihn ausgeführt wie ein Marine." Der Vergleich ist sorgfältig gewählt: Christian war fünf Jahre bei den Marines.

Bush wusste nicht, wie ihm geschah: Plötzlich hatte er einen Brief der "Skyscraper Safety Campaign" unter der Nase. Und weil sie schon mal da war, verteilte Regenhard Kopien an alle anwesenden Politiker. Auch beim New Yorker Gouverneur George Pataki und Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer ist sie schon gewesen - unter vier Augen.

"Ich werde nicht ruhen, bis die Mörder meines Sohnes zur Verantwortung gezogen sind, und ich rede nicht von Osama Bin Laden", droht sie. Die Hauptverdächtigen sind für sie die Port Authority und die Stadt New York. Das World Trade Center, sagt Regenhard, hätte nie gebaut werden dürfen. Das soll die Welt erfahren. Gleichzeitig will sie sicherstellen, dass nie wieder ein solches Gebäude gebaut wird.

"Die Vorschriften für ein 110-stöckiges Gebäude sind die gleichen wie für ein zehnstöckiges Gebäude", sagt sie. Für 25.000 Menschen gab es drei Treppen. "Das ist ein Verbrechen!"

Am 11. September stand sie im Kinderzimmer ihres Sohnes - mit Blick auf das World Trade Center. Die Wohnung liegt im 30. Stock. In der Ferne sah sie die Türme brennen und fallen. Da wusste sie noch nicht, dass Christian tot war.

Und sie glaubte es einen ganzen Monat lang nicht. Schließlich war ihr Christian nicht nur der beste, tollste und klügste Mensch auf der ganzen Welt, sondern hatte zusätzlich noch das SEER-Überlebenstraining der Marines absolviert. "Das, wo sie dich zusammenschlagen und allein im Dschungel aussetzen". Er hat ihr ja nie etwas erzählt. Aber sie hat trotzdem herausbekommen, dass er Käfer gegessen hat. "Ich habe ihn gefragt: 'Christian, wie kannst du Käfer essen?' Er sah mich an und sagte: 'Zuerst reißt du die Beine ab.'"

Wenn sie von Christian erzählt, muss sie weinen. Dann wechselt sie schnell das Thema und beginnt sofort wieder zu schimpfen. Es scheint, als seien dies die beiden einzigen Ausdrucksformen, die ihr geblieben sind.

"Ich habe jeden einzelnen Tag des vergangenen Jahres gekämpft", sagt sie. Das glaubt man ihr sofort. Inzwischen hat sie einen ganzen Stab hochkarätiger Experten gefunden, die ihr gratis zur Seite stehen. Darunter sind der ehemalige Feuerwehrchef von Kalifornien, diverse Professoren und Architekten. "Das ist das einzige Gute, was mir seit September passiert ist".

Das Geld aus dem Entschädigungsfonds der Bundesregierung hat sie zurückgewiesen. "Blutgeld" nennt sie es. "Wissen Sie, was das Leben eines ledigen Feuerwehrmanns ohne Kinder in New York City wert ist? 250.000 Dollar", sagt sie. Und legt einige Dezibel lauter nach: "Zehn Milliarden Dollar ist nicht genug für ein einziges Haar meines Sohnes".

Sie hat allerdings akzeptiert, "was mir zusteht": Lebensversicherung, Prämie für Tod im Einsatz und die großzügigen Spenden. Was ihr am Geld der Bundesregierung auch missfallen hat, war die Bedingung, niemanden zu verklagen. Das Recht möchte sie sich vorbehalten.

Sie kann es immer noch nicht glauben, dass Christian tot ist. Es gab auch noch keine Beerdigung. "Ich fühle, dass er irgendwo am Bergsteigen ist." Bergsteigen sei eine seiner Leidenschaften gewesen, ebenso wie Schreiben und Malen. Die künstlerische Ader habe er von seinem Großvater geerbt, dem deutschen Maler Otto Regenhard aus Frankfurt am Main.

Als Kind war Christian in einem Hochbegabtenprogramm, sein IQ lag bei 146. Später schaffte er den Aufnahmetest bei allen drei New Yorker Elite-High-Schools. Als er sich nach der Schule für die Marines entschied, hatte seine Mutter einen Nervenzusammenbruch. Inzwischen jedoch ist sie stolz auf seine Erfahrung: Auf dem Altar, den sie ihm im Wohnzimmer errichtet hat, liegen alle seine militärischen Auszeichungen.

Im Internet hat sie ihm unter www.christianregenhard.com ein virtuelles Denkmal errichtet. Wenn die Kampagne ihr etwas mehr Zeit lässt, will sie auch seine Kurzgeschichten veröffentlichen. Vergangenes Jahr hatte sie bereits eine Ausstellung seiner Bilder organisiert. Über den Verlust hinwegkommen wird sie nie, sagt sie. Und legt noch einmal lauter nach: "Nie!"