Saudi-Arabien: Eiskalter Stratege des Terrors - DER SPIEGEL
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Saudi-Arabien Eiskalter Stratege des Terrors

Abd al-Aziz al-Mukrin ist es zuzuschreiben, dass die Terrorfront Saudi-Arabien so massiv angefacht wurde. Er war nur knapp ein Jahr der Chef der saudischen Qaida-Filiale, aber al-Mukrin hat Taktik und Strategie des Terrornetzwerks mit zynischer Effektivität modernisiert. Nun soll er tot sein.
Von Yassin Musharbash
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Wenn es stimmt, das Abd al-Aziz al-Mukrin tot ist, dann starb er wenig heldenhaft und zugleich so, wie die meisten seiner Vorgänger: erschossen von saudischen Sicherheitskräften. Gestern Abend, so behaupten es die saudischen Behörden, sei es ihnen gelungen, den Chef der saudischen Qaida-Filiale ein für allemal auszuschalten.

Al-Qaida selbst bestreitet freilich den Tod ihres ebenso verehrten wie berüchtigten Anführers: "Einige Nachrichtenagenturen ... haben die Nachricht vom Tode Abd al-Aziz al-Mukrins verbreitet. Solche Behauptungen der saudischen Unterdrücker zielen nur auf die Unterminierung der Moral der Mudschahidin. Bald wird ein richtigstellendes Kommunique veröffentlicht werden."

Nur dürre vier Zeilen umfasst diese Erklärung, die von den Saudis bereits zurückgewiesen wurde. Welche der beiden Seiten Recht hat, ist unterdessen zu diesem Zeitpunkt noch nicht zweifelsfrei zu sagen. Lebt der Terror-Anführer noch oder ist er wirklich tot? Gut möglich, dass saudische Behörden und al-Qaida noch für eine Weile ihre entgegen gesetzten Standpunkte aufrecht erhalten. Kaum jemand kennt schließlich al-Mukrins Gesicht; in den Videobotschaften, die er verbreitete, trat er stets mit Maske auf. Sicher ist nur eines: Ist er tot, dann geht die saudische al-Qaida ihres Chef-Strategen verlustig. Es könnte der entscheidende Schlag im Kampf gegen den Terror auf der arabischen Halbinsel gewesen sein.

Intensive Nutzung des Internets

Al-Mukrin ist oder war erst 31 Jahre alt. Aber ein Mudschahidin war er scho lange: Zunächst in Afghanistan, später in Bosnien und Algerien kämpfte er gegen die "Ungläubigen" und "Kreuzzügler". Am Hindukusch soll er in einem Qaida-Camp gelernt haben, wie man mit Waffen und Sprengstoff umgeht. Damit zählte al-Mukrin, der sich bereits als Teenager dem Dschihad verschrieb, zur ersten Generation der al-Qaida.

Doch hier blieb der Gewaltfanatiker nicht stehen. Nachdem in den vergangenen zwei Jahren in kurzer Folge zwei Qaida-Führer Saudi-Arabiens getötet wurden, übernahm er die Führung der Terroristen im Wüstenstaat. Bald darauf organisierte er die taktische und strategische Neuausrichtung der al-Qaida-Filiale.

Vielleicht lag es daran, dass er selbst noch verhältnismäßig jung und außerdem gebürtiger Saudi-Araber war, jedenfalls sprach al-Mukrin eher die jungen, zum Dschihad bereiten Saudi-Araber als die altgedienten Kämpfer an. Gezielt versuchte er, die Grenze zwischen sympathisierendem Umfeld und der Organisation selbst aufzuweichen.

Dazu nutzte er intensiv das Internet. In einem nach seinem Vorgänger benannten Online-Magazin verfasste al-Mukrin regelmäßig alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Dschihad. Hier erklärte er, wie man eine Terrorzelle bildet, wie man Anschläge organisiert und welche Ziele in welcher Reihenfolge getroffen werden sollen. Wer seine Anweisungen befolgte, der konnte zum Mudschahid werden, der brauchte kein Terrorcamp außerhalb des Landes mehr aufsuchen und konnte gleich aktiv werden, wie al-Mukrin stets betonte. Zuletzt beteuerte er, dass er auch Verbindungen zu den Mudschahidin im Irak habe, ihnen sogar Kämpfer zuführe.

Westler galt es, überall zu treffen

Erst vor wenigen Monaten schrieb al-Mukrin, dass al-Qaida auf einem System unabhängig voneinander operierender Zellen beruhe. Niemand brauche formal in das Terrornetzwerk aufgenommen werden. Nur die Anschlägspläne, die solle man zuvor kurz per e-mail zur Begutachtung einsenden.

Al-Mukrin war ein zynischer, eiskalt berechnender Stratege, und die Serie von brutalen Anschlägen der letzten Monate bestätigt dies. Dabei wechselten sich Großanschläge mit Bomben mit Überfallkommandos und gezielten Attentaten auf Einzelpersonen ab. Durch die Vielfalt an Methoden wollte al-Mukrin die Angst der Gegner vor seinen Aktionen noch steigern, wie er selbst schrieb.

Anschläge, bei denen Muslime zu Schaden kamen, lehnt er ab. Als seine Kämpfer Ende Mai die ostsaudische Ölstadt Chobar angriffen und insgesamt 22 Menschen umbrachten, da separierten sie die Muslime von den Nichtmuslimen. Westler aber, und saudische Sicherheitskräfte, die für al-Mukrin nicht mehr zur Gemeinschaft der Muslime zählten, galt es überall und an jedem Ort zu treffen. Sein finales Ziel war es, die korrupte saudische Monarchie zu stürzen und im Mutterland des Islam eine neue, islamistische Herrschaft zu errichten. Auf dem letzten Video, auf dem al-Mukrin zu sehen ist, kann man einen hageren, großgewachsenen Mann vor einem blutroten Hintergrund erkennen, der mit eindringlicher und hasserfüllter Stimme, ein Gewehr in der Hand, den Westlern auf der Arabischen Halbinsel den Tod ankündigt. Kurz zuvor hatte er die Entführung des US-Amerikaners Paul Marschal Johnosn mitorganisiert. Zumindest suggerierte er diesen Eindruck. In dem Video stellte er der saudischen Regierung ein Ultimatum, innerhalb von 72 Stunden alle inhaftierten Mudschahidin freizulassen - oder die Geisel würde getötet. Gestern lief das Ultimatum ab, und al-Mukrin machte seine Ankündigung wahr. Eine enthauptete Leiche, wohl die Johnsons, wurde mittlerweile in der saudischen Hauptstadt Riad gefunden, im Internet kursieren erschütternde Bilder.

Doch auch die saudischen Behörden machten augenscheinlich eine Ankündigung wahr, die sie vor wenigen Tagen ausgesprochen hatten: Sie seien den Terroristen auf den Fersen, erklärten sie, schon bald würden sie zuschlagen. Gestern Abend soll es dann zu einem Feuergefecht gekommen sein, in dessen Verlauf al-Mukrin und zwei Mitstreiter getötet worden sein sollen.

Der Tod al-Mukrins würde für die saudische al-Qaida zumindest für die nächsten Monate zweifellos einen schweren Schlag bedeuten. Alles schien zuletzt auf al-Mukrin zugeschnitten. Von den lebenden saudischen Qaida-Kämpfern war allein er prominent; andere, potenzielle Nachfolger zumal, konnten sich neben ihm nicht etablieren, zumindest nicht öffentlichkeitswirksam. In islamistischen Internetforen, wo sich die Sympathisanten der al-Qaida austauschen, genoß er Verehrung wie sonst nur der Gründer Osama Bin Laden, sein Stellverteter Aiman al-Sawahiri und der ruchlose Irak-Statthalter Abu Musab al-Sarkawi. Nun dürfte er zum Märyrer werden, nach dem sich kommende Kommandos benennen werden.

Die Umstände von al-Mukrins Todes sind derweil fast schon ironisch: Eine seiner letzten Kolumnen befasste sich mit dem Thema Entführungen. Und wie immer versuchte er auch hier seinen Lesern einzubläuen, dass sie eines niemals vergessen dürften: Für einen sicheren Fluchtweg zu sorgen.