Saudi-Arabien Wiege des Islamismus
Berlin - Das letzte Mal, dass Mohammed Ali Asgley al-Schari von seinen beiden Söhnen hörte, war im Dezember vergangenen Jahres. Da verließen Wail, 25, und Walid, 21, ihr Elternhaus in dem kleinen Ort Chamis Muschajt im Süden Saudi-Arabiens.
Neun Monate später, es war der 11. September 2001, bestiegen die Brüder al-Schari den American-Airlines-Flug Nummer 11 von Boston nach Los Angeles. Um 7.59 hob die Maschine ab, 46 Minuten später raste die Boeing 767 gegen den Nordturm des World Trade Center in Downtown Manhattan und brachte ihn zum Einsturz.
Die Brüder Wail und Walid sind zwei der 19 Männer, die vom FBI für die Selbstmordanschläge verantwortlich gemacht werden, und sie waren nicht die einzigen Saudis unter den Attentätern. Insgesamt zwölf der mutmaßlichen Täter kamen aus dem Königreich Saudi-Arabien.
Verstrickt in den pan-islamistischen Terrorismus
Das ist kein Zufall. Das arabische Land zwischen dem Roten Meer und dem Persischen Golf ist wie kein anderes tief verstrickt in die Entstehung und Finanzierung des neuen pan-islamistischen Terrorismus. Von Saudi-Arabien geht eine Spannung aus, die weltweit auf alle Muslime ausstrahlt:
- Einerseits ist es das Geburtsland des Propheten und Islamgründers Mohammed und beherbergt die heiligen Stätten Mekka und Medina. Andererseits haben die saudischen Herrscher im Golfkrieg die US-Truppen ins Land gelassen, ließen von ihrem Territorium die Angriffe auf den Irak zu und dulden die amerikanischen Soldaten bis heute.
- Saudi-Arabien brachte militante USA-Gegner wie Osama Bin Laden hervor, gleichzeitig profitiert es wie kein anderes Land von dem Erdöl, das es dem Westen verkauft.
- Saudi-Arabien war eines der drei Länder, die das Taliban-Regime in Afghanistan anerkannten; allerdings brach das saudische Königshaus nach den Terroranschlägen die diplomatischen Beziehungen zu den Gotteskriegern ab.
Auf diesem schmalen Grat zwischen Ideologie und Pragmatismus wandern die saudischen Herrscher seit Beginn ihrer Geschichte. Schon die beiden Gründer verkörperten die beiden Säulen des späteren Staates. Es war der weltliche Kriegsherr Mohammed Ibn Saud, der sich 1744 mit dem religiösen Erneuerer Mohammed Ibn Abd al-Wahhab verbündete.
Abd al-Wahhab wollte den Islam von den heidnischen Einflüssen reinigen, die sich über Jahrhunderte auf der arabischen Halbinsel breitgemacht hatten. Er berief sich dabei auf den Propheten Mohammed, der im 7. Jahrhundert mit demselben Motiv von der Stadt Medina auszog, um in Mekka den Islam auszurufen. Tausend Jahre später war Abd al-Wahhab mit seiner Bewegung zurück zu den Wurzeln der erste islamischer "Fundamentalist".
Vom Provinzfürst zum Staatslenker
Ibn Sauds Ambitionen waren dagegen profanerer Natur. Er sah die Chance, das Machtvakuum auf der arabischen Halbinsel zu füllen und vom Provinzfürsten zum Staatslenker aufzusteigen.
Die ungleiche Allianz war ein Zweckbündnis, denn nur gemeinsam waren sie stark. Allerdings dauerte es fast 200 Jahre, bis die Nachkommen von Ibn Saud und Abd al-Wahhab 1926 das Staatsgebiet des heutigen Saudi-Arabiens erobert hatten.
Die Macht der weltlichen Herrscherfamilie Saud hat seitdem den Einfluss der religiösen Führer Stück für Stück verdrängt. Dass der heutige Staat den Namen Ibn Sauds trägt, nicht aber den Abd al-Wahhabs, ist ein Symbol dafür, wessen Meinung im Zweifelsfall den politischen Ausschlag gibt.
Die islamischen Rechtsgelehrten (Ulama) haben den Interessen des Königs immer wieder nachgegeben, wenn auch mitunter nur nach langwierigen Diskussionen. So galt das Radio lange als Werk des Teufels. Erst nachdem Koran-Verse gesendet wurden, stemmten sich die religiösen Führer nicht länger gegen den Rundfunk. Auch von der Rechtmäßigkeit der Fotografie ließen sich die Ulama erst überzeugen, als der König islamische Prinzipien ins Felde führte: Fotos seien doch nichts anderes als Licht und Schatten, argumentierte der Herrscher, und das seien schließlich göttliche Elemente.
Die Religiösen setzten sich dagegen nur selten durch. Frauen verwehrten sie bis heute die Erlaubnis, den Führerschein zu erwerben. Auch dürfen weibliche Saudis längst nicht alle Berufe ausüben. Gegen Geschäfte mit dem Westen konnten die Ulama hingegen nichts unternehmen. Bereits in den dreißiger Jahren unterschrieb der König Verträge mit US-amerikanischen Firmen zur Förderung der riesigen Ölreserven.
Die gigantischen Gewinne machten die Herrscherfamilie noch unabhängiger von den Rechtsgelehrten, aber auch von der Bevölkerung. Auf Einkommensteuern war die Familie Saud nie angewiesen, folgerichtig konnten sie auch der Mitbestimmung der Bürger einen Riegel vorschieben, frei nach dem Motto: No Representation Without Taxation - keine Mitbestimmung ohne Besteuerung.
Trotzdem wächst die Unzufriedenheit weiter Bevölkerungsteile immer schneller. Vor allem den Südwesten des Landes hat der Ölboom nicht erreicht, jene Region mit Namen Asir, aus der auch die Brüder Wail und Walid kamen sowie einige andere der Attentäter von New York und Washington.