Scharon-Nachfolge Netanjahus zweite Chance
Hamburg - Als er vor wenigen Wochen zum neuen Chef der Likud-Partei gewählt wurde, jubelten Benjamin Netanjahus Anhänger bereits. "Hoch lebe Bibi, König Israels", skandierten sie. Der Likud sei "auf dem Weg zurück, das Land zu regieren".
Gerade hatte der frühere Ministerpräsident nach dem Austritt Scharons dessen Nachfolge in der nun gespaltenen Partei angetreten. Nun könnte der 56-jährige tatsächlich auch in der Regierung das Erbe seines Gegenspielers antreten. Denn ohne Scharon sinken die Chancen der von ihm gegründeten Kadima-Partei. Netanjahu und der Likud könnten bei der Parlamentswahl am 28. März dagegen von diesem Vakuum in der politischen Landschaft Israels profitieren.
Es wäre die zweite Chance für den Hardliner. Denn schon von 1996 bis 1999 war er Israels Regierungschef, trieb das Land jedoch in die Isolation. Zu Beginn seiner Amtszeit hatte Netanjahu damals zwar versprochen, den Friedensprozess im Nahen Osten voranzutreiben, doch schnell verärgerte er die USA, den wichtigsten Bündnispartner Israels: Er hob den Baustopp für jüdische Siedlungen im Westjordanland und im Gaza-Streifen auf. Auf Drängen Washingtons traf er zwar mit Palästinenserchef Jassir Arafat zusammen, doch blieben die Treffen zunächst ohne konkrete Ergebnisse. Im Juni 1997 tadelte die Uno-Generalversammlung mit der überwältigenden Mehrheit von 131:3 Stimmen sogar die Siedlungspolitik Israels unter Netanjahu.
Erst nach Drängen des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton willigte Netanjahu schließlich bei einem Gipfeltreffen im amerikanischen Wye einem weiteren Truppenrückzug aus dem Westjordanland zu. Aber er verzögerte die Umsetzung des Abkommens immer wieder. Bei vorgezogenen Neuwahlen bekam Netanjahu schließlich die Quittung für seinen Kurs: Er unterlag überraschend deutlich seinem Gegenkandidaten Ehud Barak. Scharon übernahm daraufhin den Likud-Vorsitz.
"Zweiter Mann" in Washington
Mit seiner Regierungspolitik folgte Netanjahu offenbar den Vorstellungen seines Vaters, des Historikers Benzion Netanjahu, der zum Kreis um den Ideologen Vladimir Jabotinsky gehörte. Dieser sprach den Palästinensern das Recht auf einen eigenen Staat ab und träumte von einem "Groß-Israel".
Netanjahu, in Tel Aviv geboren und in Jerusalem aufgewachsen, wurde in seiner anti-palästinensischen Politik aber auch durch den Tod seines älteren Bruders Jonathan beeinflusst: Im Juli 1976 kam dieser als einziger Israeli ums Leben, als das von ihm geführte Kommando bei der spektakulären "Operation Entebbe" 103 jüdische Geiseln befreite, die von PLO-Terroristen in einer Air-France-Maschine gekidnappt worden waren.
Netanjahu selbst durfte schon als 17-Jähriger mit einer Sondergenehmigung in der Anti-Terror-Einheit "Sayeret Matkal" am Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 teilnehmen. Er wurde Hauptmann und 1973 nach dem Ende des Yom-Kippur-Kriegs zum Major befördert. Zwischenzeitlich hatte er in Cambridge ein Architekturstudium aufgenommen. Vor seiner Politikerlaufbahn war er Berater bei "Boston Consulting".
Seinen Einstieg in die Politik verdankte er Anfang der achtziger Jahre dem damaligen Botschafter Israels in den USA, Mosche Stein. Als "zweiter Mann" in Washington sammelte er erste Erfahrungen, 1984 wurde Netanjahu dann zum Uno-Botschafter Israels ernannt. Nach seiner Rückkehr nach Israel wurde der "schöne Bibi" schnell zum neuen Zugpferd von Likud.
Immer blieb Scharon aber als Rivale im Spiel. 2003 machte er Netanjahu zum Finanzminister, um ihn so besser kontrollieren zu können. Aus Protest gegen den Rückzug aus dem Gaza-Streifen trat er jedoch im August aus dessen Kabinett aus.
Die von Scharon vorangetriebene Siedlerräumung bezeichnete er als "Belohnung für den Terror". Scharon verfolge "eine Linie der Konzessionen ohne Gegenleistung", und seine Politik sei von derjenigen der Linken nicht mehr zu unterscheiden, wetterte Netanjahu. Die Auflösung der jüdischen Siedlungen mache aus dem Gaza-Streifen eine "Basis des islamistischen Terrorismus". Scharon konterte, Netanjahu sei ein "unsteter Charakter", dem nicht die Regierungsverantwortung übertragen werden dürfe.
"Irans Atomanlagen bombardieren"
Vor den Wahlen im März wird nun damit gerechnet, dass Netanjahu in der Nahost-Politik gemäßigtere Töne anschlägt, um seine Chancen bei den Wählern zu verbessern. Doch nicht immer gelingt ihm das: Als Irans neuer Präsident Mahmud Ahmadinedschad seine anti-israelischen Hetzparolen in die Welt hinausposaunte, schlug Netanjahu vor, iranische Atomanlagen zu bombardieren - so wie es Israel 1981 gemacht hatte, als die Luftwaffe auf Anordnung des damaligen Premiers Menachem Begin einen halbfertigen Atomreaktor im Irak zerstörte.
In den israelischen Medien sorgte auch das Privatleben Netanjahus immer wieder für Schlagzeilen. Denn Netanjahu ist in dritter Ehe mit Sara verheiratet. In seiner Zeit als Regierungschef lästerten die Zeitungen über die frühere Stewardess, weil sie angeblich ihr Au-pair-Mädchen schlecht behandele.
Alwin Schröder