Scheich Mohammed: Das Hirn des 11. September - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Scheich Mohammed Das Hirn des 11. September

Er galt als Mastermind von al-Qaida, als Gehirn der Anschläge des 11. Septembers. Vor einem Militärtribunal hat sich Chalid Scheich Mohammed laut Pentagon nun zu zahlreichen weiteren Terroroperationen bekannt. Sich selbst nennt der Pakistaner den "kleinen Diener".
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Als CIA-Agenten und pakistanische Sicherheitskräfte Chalid Scheich Mohammed alias Muktar al-Baluchi am frühen Morgen des 1. März in seinem vermeintlich sicheren Haus im pakistanischen Rawalpindi aus dem Bett rissen, jubelte in Camp David US-Präsident George W. Bush: "Das ist fantastisch!" Die aufwändige Handy-Observation mit dem Codenamen "Mont Blanc" hatte zum Ziel geführt: Mit der Nummer drei des Terrornetzwerks al-Qaida war den Amerikanern ein "Wal ins Netz gegangen", wie Bushs damaliger Sprecher Ari Fleischer im Weißen Haus frohlockte.

Der nur 1,55 Meter große, heute 41 Jahre alte Mohammed gilt als Chefplaner der Anschläge vom 11. September 2001, zu denen er sich jetzt vor dem Militärtribunal im US-Lager von Guantanamo bekannt hat. Doch der Mann mit den zahlreichen falschen Pässen stand schon lange vorher auf den Fahndungslisten - seit die Amerikaner dem Scheich Mitte der Neunziger in Katar auf der Spur waren. Damals ging es um den Vorwurf, Mohammed habe von den Philippinen aus die "Operation Bojinka" (der große Knall) geplant. Dabei sollten zwölf US-Passagierflugzeuge über dem Pazifik innerhalb weniger Stunden mit Flüssigbomben gesprengt werden. Von da an sollte es insgesamt acht Jahre zur Festnahme Mohammeds dauern.

Zuletzt waren auf seinen Kopf 25 Millionen Dollar ausgesetzt, genau so viel wie auf Osama Bin Laden. Nur der Terrorfürst selbst und dessen Stellvertreter Aiman al-Sawahiri standen nach Überzeugung der Ermittler in der Qaida-Hierarchie über Mohammed. Bis heute ist Mohammed damit das ranghöchste Mitglied des Netzwerks in amerikanischer Haft. Er selbst nennt sich den "kleinen Diener".

Über den Lebensweg Mohammeds ist nicht viel bekannt. Er besitzt die pakistanische Staatsbürgerschaft, wurde aber in Kuwait geboren und wuchs auch dort auf. In den achtziger Jahren studierte er in den USA an der Universität von North Carolina Ingenieurwesen. In Afghanistan kämpfte er mit einheimischen Rebellen gegen die Sowjets. Aus dem Studenten in Amerika wurde mit der Zeit ein militanter Extremist, der nur noch Hass für sein einstiges Gastland empfindet.

Hochintelligent und risikofreudig

Als Gründe für die Anschläge des 11. September sollte er später bei Verhören angeben, er habe die Amerikaner auf die Gräueltaten ihrer Regierung, die Israel gegen das palästinensische Volk unterstütze, und die eigennützige US-Außenpolitik aufmerksam machen wollen. Die Geheimdienste beschrieben Mohammed als hochintelligent und risikofreudig - aus Qaida-Sicht wohl die perfekte Mischung für den "Kampf gegen die Ungläubigen".

Zu Mohammeds engsten Vertrauten gehörte Ramsi Binalshibh. Der Jemenit soll Mohammed bei der Planung der Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon geholfen haben. Er gilt als Cheflogistiker der Hamburger Terrorzelle um den Todespiloten Mohammed Atta. Gemeinsam mit Binalshibh gab der Scheich aus seinem Versteck heraus am Jahrestag der Anschläge dem arabischen TV-Sender al-Dschasira ein Interview, bei dem er die Planung des 11. September detailliert beschrieb.

Als die Ermittler wenig später Binalshibh in einer Wohnung in Karatschi erwischten, hatten sie Mohammed möglicherweise nur knapp verpasst. Inzwischen wurde Mohammed mit etlichen weiteren Anschlägen in Verbindung gebracht, darunter auch das Bombenattentat auf der tunesischen Insel Djerba, bei dem 14 deutsche Touristen starben, sowie die Angriffe auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania. Ramsi Ahmed Jussuf, für das erste Attentat auf das World Trade Center im Jahr 1993 zu lebenslanger Haft verurteilt, ist Mohammeds Neffe.

Nach seiner Festnahme im März 2003 war Chalid Scheich Mohammed auf Fotos in demütiger Pose zu sehen, mit verwirrtem Blick, zerwühlten Haaren und entblößter Brust. Der berüchtigte pakistanische Geheimdienst hatte ihn zunächst vernommen, sein Schweigen aber nicht gebrochen. Zwei Tage lang soll der Scheich nur gebetet und Koransuren rezitiert haben, dann fing er an, seine Bewacher wüst zu beschimpfen. Am dritten Tag übergaben die Pakistaner ihn auf dem Luftwaffenstützpunkt Rawalpindi den Amerikanern.

Die verschafften ihn für Jahre in ein geheimes CIA-Gefängnis. Erst im September vergangenen Jahres wurde er mit 13 anderen Häftlingen in das US-Gefangenenlager Guantanamo verlegt.

phw