See-Drama Putin gibt den Eisbrecher
Wenn an den entferntesten Grenzen seines Reiches nichts mehr geht, dann greift selbst ein. Mindestens 500 Seeleute stecken mit ihren Schiffen an den Küsten von Russlands Fernem Osten fest, im "eisigen Gefängnis", wie der Premierminister sagt. Seit Tagen verfolgen die Russen das "Drama im Packeis" an den Fernsehschirmen.
Am Dienstag dann ließ Russlands starker Mann den Transportminister Igor Lewitin zum Rapport erscheinen - und griff danach gleich selbst zum Telefon. Putin ließ sich mit dem Kapitän des Eisbrechers "Admiral Makarow" verbinden, der sich acht Flugstunden östlich von Moskau zu dem Fisch-Trawler "Kap Elisabeth" durchkämpfte. "Guten Tag, Gennadij Iwanowitsch", grüßte Putin schneidig den Kapitän des Eisbrechers. "Wie ist die Lage? Können Sie das Schiff rausziehen? - Verstanden. Gennadij Iwanowitsch, wie viel Zeit brauchen Sie?"
Dann funkte der Premier die "Partnerschaft" an, ein rund 30 Meter breites Fischverarbeitungsschiff mit 340 Mann an Bord, ebenfalls gefangen im Eis. "Ich habe gerade erst mit dem Kapitän des Eisbrechers 'Admiral Makarow' gesprochen. Sie werden helfen, halten Sie noch einen Tag aus, sogar ein bisschen weniger." Der Kapitän der Nation auf der Kommandobrücke - natürlich vor laufenden Kameras des Staatsfernsehens.
Russland: Putin als "Retter der Nation"
Schon in den vergangenen Tagen war Putin wiederholt im Einsatz gegen die Kapriolen des Winterwetters. Ende Dezember ging über Moskau ein Eisregen nieder, wie ihn die Hauptstadt seit Jahrzehnten nicht erlebt hatte, und legte den Flugverkehr lahm. Im Flughafen Domodedowo harrten Zehntausende Passagiere tagelang aus, zum Teil ohne Strom und ausreichende Trinkwasserversorgung. Prompt kanzelte Putin das Flughafenmanagement ab - und ließ Domodedowo-Chef Wjatscheslaw Nekrasow feuern.
Dann strich der Regierungschef seinem Minister für Energie und dem einflussreichen Gouverneur des Moskauer Umlands den Neujahrsurlaub - und verdonnerte beide dazu, Silvester in einem der Dörfer rund um Moskau zu feiern, die durch Eis und Schnee seit mehreren Tagen von der Stromversorgung abgeschnitten sind.
Am beliebtesten ist der "Minister der guten Taten"
Putins Einsätze an der Heimatfront werden immer häufiger. "Handsteuerung" wird sein Regierungsstil, bei dem sich der Premier als tatkräftiger Macher inszeniert, in Russland genannt. Er weiß: Damit kann man in der Bevölkerung punkten.
Doch so tatkräftig agierte er nicht immer: , zögerte Putin lange, bevor er seinen Urlaub abbrach. Der damalige Präsident verteidigte sein Vorgehen daraufhin in einem Interview mit der US-Talk-Legende Larry King auf CNN: Im Falle einer Tragödie wie dieser sollten "Politiker nicht versuchen zu punkten", sondern "Profis ihren Job machen", sagte Putin. Russische und westliche Medien kritisierten ihn dennoch heftig für sein Krisenmanagement.
Vielleicht begann das Umdenken seiner PR-Strategen bereits damals. Spätestens seit der Wirtschafts- und Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 ist Putin als Retter der Nation allgegenwärtig: Er eilte mit Milliarden-Hilfe im Gepäck zu den maroden Lada-Werken in Togliatti, fuhr zu einem siechen Traktorenwerk und diskutierte mit Stahlkochern.
Als im Sommer in ganz Zentralrussland Waldbrände aufloderten und Moskau unter beißendem Smog litt, klemmte sich Putin gar selbst hinter den Steuerknüppel eines Flugzeugs des Katastrophenschutzministeriums und löschte eigenhändig einen Brandherd. Er besuchte auch das Dorf Werchnaja Wereja, in dem 600 Menschen ihre Häuser durch die Flammen verloren hatten.
In seinem Kabinett ist der Minister für Katastrophenschutz, Sergej Schoigu, seit Jahren unangefochten das beliebteste Mitglied. "Minister der guten Taten" nennen ihn Moskaus Medien. Selbst das Missmanagement während der Waldbrände im Sommer hat Schoigus Image nicht nachhaltig schaden können: Im Gegenteil, die Popularität des Ministers wuchs sogar noch: Satte 75 Prozent sind zufrieden mit seiner Arbeit. Das Phänomen Schoigu ist offenbar auch dem Premier nicht entgangen.