Serbien: Kriegsverbrecher mit Heiligenschein - DER SPIEGEL
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Serbien Kriegsverbrecher mit Heiligenschein

Leugnen, verneinen, verdrängen: Serben tun sich schwer mit der Aufarbeitung der blutigen Balkankriege. Internationale Kriegsverbrecher werden als Retter der Nation verehrt. Aufklärer gelten als störende Nestbeschmutzer.
Von Marion Kraske
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Belgrad - Ratko Mladic lebt. Der bullige Ex-General der jugoslawischen Armee erfreut sich in der Belgrader Fußgängerzone großer Beliebtheit. Ein junger Mann bietet all das feil, was das serbische Nationalistenherz begehrt: Mladic mal als kleines Fotomotiv, gerahmt oder ungerahmt, mal als Kalender, Schweißperlen auf der Stirn und in olivgrüner Uniform. Auch den ehemaligen bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic gibt es in verschiedenen Ausführungen, umgeben von bunten orthodoxen Ikonenbildchen im Hosentaschenformat.

Während sich der ehemalige jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten muss, haben seine Helfershelfer Mladic und Karadzic, die seit Jahren auf der Flucht sind und sich ihrer Verhaftung immer wieder entziehen konnten, im Ansehen vieler Hochkonjunktur.

Das Geschäft mit den gesuchten Kriegsverbrechern scheint sich zu lohnen: "Die von Nato, EU und Uno gesuchten Männer laufen gut", versichert der junge Standbesitzer. Und auch T-Shirts mit den Konterfeits der beiden bringen Geld. Aufrechte Serben tragen ihre Helden gerne wie Pop-Stars auf der Brust. "Karadzic. Serbischer Held."

Druck aus Washington

Zwei Wochen ist es her, dass das jugoslawische Parlament das Gesetz über die Kooperation mit dem Uno-Tribunal in Den Haag verabschiedet hat - wenn auch nicht ganz freiwillig. Belgrad reagierte - wie schon bei der Auslieferung Milosevics - erst auf massiven Druck aus Washington.

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, setzte die US-Regierung Belgrad eine Galgenfrist und fror Finanzhilfen in Höhe von 40 Millionen Dollar kurzerhand ein. Das wirkte. Mit dem neuen Gesetz stellt das jugoslawische Parlament die Auslieferung weiterer Kriegsverbrecher an Den Haag in Aussicht, sofern sie bereits auf der Liste von Chef-Anklägerin Carla Del Ponte stehen. Insgesamt sollen sich noch 15 mutmaßliche Kriegsverbrecher auf jugoslawischem Territorium befinden.

Anti-Den-Haag-Stimmung

Innerhalb der Bevölkerung ist das Misstrauen gegenüber dem Tribunal groß. Umfragen zufolge glauben zwar viele, dass eine Kooperation unausweichlich ist, um die ökonomische Not im Land zu lindern. Dennoch sind die meisten überzeugt, der Milosevic-Prozess diene lediglich dazu, den Serben die alleinige Schuld an den blutigen Kriegen im ehemaligen Jugoslawien zuzuweisen.

Die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit ist für die Mehrheit der Serben dagegen kein Thema. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, hat Meinungsforscher Srdzan Bogosavljevic in Umfragen herausgefunden, glaubt, dass von Serben überhaupt Kriegsverbrechen begangen wurden.

Angeheizt wird die Anti-Den-Haag-Stimmung immer wieder auch durch Äußerungen der politischen Führer: Noch im März wetterte Präsident Vojislav Kostunica im serbischen Fernsehen, er habe "die Nase voll" vom Uno-Tribunal. Eine Zusammenarbeit müsse es zwar geben, schlecht werde ihm jedoch, wenn er an das Gericht "mit seinen schrecklichen Vorurteilen" denke.

Monster und Feinde

Wie wenig die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit gewünscht ist, erfahren vor allem diejenigen, die unermüdlich um eine Aufarbeitung der Kriege bemüht sind. "Unsere Arbeit stört viele hier", sagt Sonja Biserko vom serbischen Helsinki-Komitee für Menschenrechte. "Wir werden als Monster dargestellt, als Feinde." Kaum ein Tag vergehe, an dem nicht negativ über die Arbeit des Komitees berichtet werde.

Die Anfeindungen lassen Biserko kalt: Die streitbare Menschenrechtlerin, die sich schon zu Milosevic-Zeiten nicht beirren ließ, sieht in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit die wichtigste Voraussetzung auf dem Weg in eine demokratische und stabile Zukunft des Landes. Ohne Aufarbeitung, lautet ihr Credo, bleibe es bei einer kollektiven Schuld des serbischen Volkes. Bislang, kritisiert sie, sähen sich ihre Landsleute lediglich als Opfer - die Täter sind die anderen.

Raus aus Serbien

Der Mord an Tausenden von Zivilisten in den Kriegen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina sowie die Vertreibung von Tausenden Albanern aus dem Kosovo - Milosevics Kriegsspur interessiert dieser Tage in Serbien nur wenige.

"Jeder Serbe ist Radovan", heißt es zur Zeit auf Plakaten im Belgrader Zentrum, mit denen die radikale Studentengruppe "Obraz" Stimmung gegen Den Haag macht. Slogans wie diese stilisieren die mutmaßlichen Kriegsverbrecher zu Bewahrern des serbischen Einheits-Gedankens.

Auf dem Weg zur Arbeit wird Biserko immer wieder daran erinnert, dass sie sich mit ihrem Einsatz für die Wahrheit nur wenig Freunde macht. Im Treppenhaus, vor dem Büro des Helsinki-Komitees, prangen riesige Buchstaben wie eine Drohung an der Wand, hingesprüht mit neonblauer Farbe: "Sekte raus aus Serbien".