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US-Atomkraftwerk: "Stolperstein bei der Frage der Nichtverbreitung"
Foto: TOM MIHALEK/ AFPJohn Rowe ist einer der mächtigsten Männer in der US-Wirtschaft. Doch viele Amerikaner dürften seinen Namen noch nie gehört haben. Selbst in seiner Heimatstadt Chicago ist der 64-Jährige eher nur einem inneren Zirkel bekannt. Dabei kriegt er nicht selten Anrufe aus dem Weißen Haus, wenn Präsident Barack Obama mal wieder seine Hilfe braucht.
Rowe ist Vorstandschef des US-Energiekonzerns Exelon. Exelon betreibt das größte Netz aus in der atomkraftreichsten Nation der Welt. Es bedient 5,4 Millionen Kunden und machte voriges Jahr 17,3 Milliarden Dollar Umsatz, etwa so viel wie British Airways oder Samsung. Fast 20.000 Mitarbeiter wachen über 17 Reaktoren und zehn Kraftwerke, die meisten im Staate Illinois.
Doch Rowe, der 2009 mehr als zwölf Millionen Dollar verdiente, ist viel mehr als nur ein klassischer Firmenchef. Als längstgedienter CEO in der US-Atombranche engagiert er sich auch politisch - und überraschend progressiv.
Im Kongress trommelt der Farmerssohn seit längerem für Obamas neues Klimagesetz, das zurzeit in den Ausschüssen feststeckt. Er wirbt für den Emissionshandel. Und im September 2009 trat er mit Exelon demonstrativ aus der US-Handelskammer aus, der lautesten Industrielobby der Nation - aus Protest gegen deren konservative, klimafeindliche Politik.
Es gibt noch ein anderes Feld, auf dem sich Rowe als Wegbereiter kümmert: die globalen Anstrengungen zur Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen und -material (Non-Proliferation). So hat Exelon ein langfristiges Abkommen mit dem russischen Brennstoffexporteur Tenex abgeschlossen, um diesem Uran aus einst sowjetischen Atomwaffen abzunehmen - damit dieses nicht in die falschen Hände gerät.
Atomindustrie spielt eine widerwillige Rolle
Es ist ein Anfang. Die spielt bei der Abrüstung und den Schritten zur Nichtweiterverbreitung bis heute eine diffuse, oft sogar widerwillige Rolle - obwohl diese Milliardenkonglomerate nach der Regierung die wichtigsten Protagonisten im weltweiten Nuklearkarussell sind. Letzteres zeigt sich unter anderem daran, dass US-Marktführer Exelon rund 1500 hauseigene Wachbeamte beschäftigt, nur um seine Anlagen zu schützen.
Zwar gelten die Brennstoffe für Reaktoren als nicht waffenfähig. Doch haben zivile Technologien und Materialien schon oft heimlich ihren Weg in militärische Programme gefunden, etwa in Iran und Indien: Das friedliche System hat bedrohliche Löcher.
Die Bemühungen der Branche, solche Lecks zu stopfen, stecken trotzdem noch in den Kinderschuhen. Grund: Die Industrie, die aus vielen internationalen Multis besteht, fürchtet Umsatzeinbußen und die Regulierungsknute.
Jetzt aber wächst vor allem in den USA der Druck auf die Konzerne, sich aktiv an den politischen Bemühungen zu beteiligen, die diese Woche in Obamas Atomgipfel münden.
Stolperstein in der Frage der Nichtweiterverbreitung
"Die Kernenergie war von Anfang an einer der großen Stolpersteine bei der Frage der Nichtweiterverbreitung", klagt Jessica Matthews, die Präsidentin des Carnegie Endowments for International Peace. "Sowohl die Bedrohung durch den Terrorismus wie auch das langfristige Problem der Abrüstung machen die globale Absicherung der Atomenergie gegen Proliferation zu einer dringenden Frage."
Es sei "kritisch", schreibt auch die International Commission on Nuclear Non-Proliferation and Disarmament in einem Positionspapier, die friedliche Kernenergie so zu managen, "dass sie die Probleme der Welt reduziert und nicht noch dazu beiträgt". Bisher jedoch habe die Industrie dafür "keine direkte Verantwortung" übernommen, die Kooperation sei "minimal" gewesen. Nicht nur die Politik, sondern auch die Wirtschaft müssten künftig gemeinsam dafür sorgen, "dass es keine Umleitung von Kernmaterial zu militärischen Zwecken" gebe.
In den USA wird das Thema gerade doppelt akut. Neben dem Gipfel geistert die Branche auch anderweitig durch die Schlagzeilen: Angeblich genießt sie das größte "Comeback" ("Wall Street Journal") seit Jahrzehnten - dank Obama.
Der hat der Atomindustrie 54 Milliarden Dollar an neuen Darlehensgarantien in Aussicht gestellt - ein Riesenschritt auf dem Weg zum ersten neuen US-Atomreaktor in fast 30 Jahren. Die Sparte hatte seit 1979 förmlich brach gelegen, nachdem es im Reaktor Three Mile Island in Pennsylvania zur beinahe katastrophalen Teilschmelze gekommen war. Inzwischen hat die Industrie Bauanträge für 26 neue Meiler gestellt. Wenn alles läuft wie geplant, könnten die ersten 2018 ans Stromnetz gehen.
Atombranche sperrt sich gegen stärkere Kontrolle
Die Geopolitik hat sich seit Three Mile Island dramatisch gewandelt. Die Terrorgefahr wirft plötzlich die Frage auf, wer Brennstoffe, Gerätschaften und Technologie kontrolliert. Die sogenannte nukleare Renaissance drohe, das aktuelle Nichtweiterverbreitungsrahmenwerk zusätzlich zu belasten", warnt die Brookings Institution. "Sie erfordert, dass jedes Stadium des atomaren Brennstoffzyklus - von der Brennstoffherstellung und Urananreicherung bis zu Wiederaufarbeitung und Lagerung - auf Sicherheit und Effizienz hin analysiert wird."
31 Bundesstaaten haben mindestens ein Atomkraftwerk
Das ist aber leichter gesagt als getan. 104 Reaktoren machen die USA zum weltgrößten Produzenten von Kernenergie. Über die vergangenen Jahrzehnte hat sich die Sparte zugleich stark konsolidiert. 1991 gab es noch 101 US-Energiekonzerne, die auf Atomstrom bauten. Heute sind gerade mal 32 übrig, wovon die zehn größten 70 Prozent der Kapazität stellen.
31 US-Bundesstaaten haben mindestens ein Atomkraftwerk. Der idyllische Staat Vermont stützt sich am stärksten auf Kernenergie, hier kommen fast 80 Prozent allen Stroms aus Reaktoren. Die größte Anlage steht in Palo Verde im Wüstenstaat Arizona, die älteste in Oyster Creek in New Jersey, zwei Autostunden südlich von New York - sie stammt von 1969.
Das US-Geschäft ist entschieden multinational. Zu den Reaktorbetreibern in den USA zählen neben Exelon der Industriegigant General Electric, Westinghouse (seit 2006 Tochter der japanischen Toshiba-Gruppe), der Schweizer Multi ABB sowie der französische Konzern Areva, die globale Nr. eins auf dem Nuklearmarkt, mit bis zu 30 Prozent weltweitem Marktanteil.
Deren Interesse an Non-Proliferation bestand bisher weitgehend darin, sich Exportkontrollen, Inspektionen und Berichtspflichten zu beugen. Das reicht nun nicht mehr. "In einer Welt, die mit globaler Terrorbedrohung konfrontiert ist, können wir es uns nicht leisten, ein Sicherheits-Tschernobyl abzuwarten, bevor wir kollektive Maßnahmen ergreifen", warnt Roger Howsley, der Chef des 2009 gegründeten World Institute for Nuclear Security (WINS).
WINS bietet erstmals ein gemeinsames Forum für Experten aus Politik, Wirtschaft und akademischer Welt, die verhindern wollen, dass sich Extremisten aus Industriequellen Nuklearmaterial beschaffen. Die Energiefirmen, kritisiert Howsley, seien lange mehr an der Verhinderung von Unfällen oder an telegenen Umweltbekenntnissen interessiert gewesen als an Vereitelung von Schmuggel und Diebstahl.
Das Umdenken beginnt nur langsam
Das liegt an der multinationalen Komplexität der Frage - und auch daran, dass das Problem lange unterschätzt wurde. Das Nuclear Energy Institute (NEI), die globale Lobbyorganisation der Atomproduzenten, verweist darauf, dass kommerzielle Reaktoren "wenig Gefahr" für Proliferation böten: Es sei "unmöglich", aus deren schwach angereichertem Uranium "eine Atomwaffe zu bauen". Die Anlagen aber, in denen dieses Material entstehe, so heißt es auf der NEI-Website weiter, hätten trotzdem "die Kapazität", waffenfähiges Uran herzustellen.
Die Branche sperrte sich trotzdem bisher gegen schärfere Kontrolle - auch aus Eigennutz. "Die Industrie fühlt sich so schon stark reguliert", berichten Martine Letts und Fiona Cunningham vom Lowy Institute for International Policy in einem Arbeitspapier.
In einer Studie des Pacific Northwest National Laboratory, einer Einrichtung des US-Energieministeriums, begründeten eine Reihe von Firmen diesen Widerstand. "Es wäre reizvoller", sagte ein GE-Manager, "wenn die Industrie daraus im Gegenzug einen Nutzen ziehen könnte". Andere gaben an, sie hätten zu Non-Proliferations-Maßnahmen "keine Zeit", seien "zu klein" oder hätten Angst, geheime Unternehmensinformationen offenzulegen.
Langsam beginnt aber ein Umdenken. Das Problem sei auch die "Verantwortung" der Wirtschaft, räumt Areva-Vorstandschefin Anne Lauvergeon mittlerweile ein. Die Atomindustrie müsse eine "zentrale Rolle" spielen. Besonders bewegt hat Lauvergeon dabei Obamas Rede vor einem Jahr in Prag, wo er seine Vision von einer kernwaffenfreien Welt verkündete. "Wir sind bereit, Geschichte zu schreiben", sagt sie seither. "Die Geschichte einer sichereren, wohlhabenderen und gerechteren Welt."