Simbabwe: Mugabes Macht zerbröselt - DER SPIEGEL
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Simbabwe Mugabes Macht zerbröselt

Simbabwe, ein geschundenes Land. Kriegsveteranen jagen weiße Farmer, Investoren sind abgewandert, das Volk leidet Hunger. Doch jetzt gibt es erstmals seit Jahren einen Hoffnungsschimmer.
Von Dominik Baur
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Der Plan ist bestechend: Robert Mugabe tritt zurück und geht ins Exil, vermutlich nach Malaysia. Eine Regierung der Nationalen Einheit, die sich aus Mugabes Regierungspartei Zanu-PF und der Opposition zusammensetzt, übernimmt die Macht. In zwei Jahren dann gibt es freie, allgemeine Wahlen. Das von Gewaltherrschaft und Hungersnot gebeutelte Land im Süden Afrikas hätte eine Chance auf einen Neuanfang.

Und erstmals scheint es so, als ob ein Rücktritt des seit der Unabhängigkeit Simbabwes im Jahr 1980 regierenden Diktators tatsächlich im Bereich des Möglichen liegt. Die wichtigsten Männer im Führungsclan um den 78-Jährigen bereiten offenbar schon die Abdankung Mugabes vor. Das zumindest behauptet Morgan Tsvangirai, Führer der Oppositionspartei MDC. Schon im Dezember, so berichtete Tsvangirai dieser Tage, seien zwei führende Politiker der Zanu-PF mit diesem Vorschlag auf ihn zugekommen. Praktisch alle Unterstützer Mugabes seien mittlerweile von ihm abgefallen und hielten den Anschein der Loyalität nur noch aus Furcht aufrecht. "Die Maschinerie um Mugabe ist dabei zu kollabieren." Aus dem Umfeld des Diktators habe er auch erfahren, dass Mugabe bereits seine Familie angewiesen habe, sich bereit zu machen für ein "Leben nach der Diktatur".

Die beiden Männer, die der Oppositionspolitiker nannte, sind nicht irgendwer: Der Londoner "Times" sagte Tsvangirai, Parlamentspräsident Emmerson Mnangagwa und General Vitalis Zvinavashe, Kommandeur der Streitkräfte, höchstpersönlich hätten ihm versichert, Mugabe würde den Weg für eine neue Regierung freimachen, falls man ihm Straffreiheit zusichere. Wenn wirklich Mnangagwa bei einem solchen Deal mit von der Partie sein sollte, so meint Stefan Mair, Afrika-Experte von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, sind die Berichte sehr ernst zu nehmen.

Mugabe hat sein größtes Ziel noch nicht erreicht

Bisher galt Mnangagwa als Mugabes treuester und wichtigster Partner. Er sei der starke Mann gewesen, der für Mugabe das Unternehmensnetz der Regierungspartei kontrollierte und auch als Parlamentspräsident und in der Zanu-PF eine entscheidende Rolle spielte, erklärt Mair. "Im Grunde genommen war er seine Hauptstütze." Ihm kämen an Bedeutung nur zwei, drei weitere Personen im Führungszirkel der Zanu-PF gleich.

Doch ist wirklich vorstellbar, dass Mugabe, der sein Land seit Jahren mit äußerst harter Hand regiert, freiwillig das Feld räumt? Er selbst dementierte freilich umgehend die Berichte über seinen bevorstehenden Rücktritt. Bei einem Besuch in der sambischen Hauptstadt Lusaka sagte er, er habe keineswegs die Absicht, sich zur Ruhe zu setzen. Und schon gar nicht, solange er nicht seine Landreform abgeschlossen habe. "Jeder, der sich das einbildet, ist auf dem Holzweg." Auch Mair meint, man dürfe die Hartnäckigkeit Mugabes nicht unterschätzen. Er sei nicht der reine Machtmensch, als der er oft dargestellt werde. Wäre er es, so hätte er sich wahrscheinlich schon viel früher aufs Altenteil zurückgezogen. Da er aber tatsächlich von ideologischen Motiven geleitet werde, scheine es unwahrscheinlich, dass er freiwillig die Segel streicht, solange sein großes Ziel - die Landreform und damit die Vertreibung der weißen Grundbesitzer aus Simbabwe - noch nicht erreicht ist. Und dafür, so schätzt Mair, könnte Mugabe noch ein, zwei Jahre brauchen.

Bleibt also die Möglichkeit eines unfreiwilligen Rücktritts, weil selbst Mugabes engste Verbündete gemerkt haben, dass sie mit ihm in die Sackgasse geraten. Das Angebot der Straffreiheit soll dazu dienen, dem Diktator den Abgang schmackhaft zu machen. Für die Opposition - vor allem auch für die seit drei Jahren von Mugabe massiv verfolgte weiße Minderheit - wäre dies zwar eine nur schwer verdaubare Kröte. Doch das Ziel heiligt die Mittel: "Wenn das der Preis dafür ist, Mugabe von der Macht abzulösen", glaubt Mair, "sind wahrscheinlich alle bereit, diesen Preis zu zahlen."

Tsvangirai selbst kündigte schon an, er sei bereit, Mugabe ungeschoren davon kommen zu lassen, falls es tatsächlich zu dem Bündnis zwischen ihm und Mnangagwa und Tsvangirai komme. Im Gespräch mit der "Times" gibt sich der Oppositionsmann als simbabwischer Nelson Mandela: "Wir müssen dem Dialog eine Chance geben."

"Wenn es gut geht, tritt das Kenia-Szenario ein"

Szenarien, wie eine Regierung der Nationalen Einheit die Macht übernehmen würde, sind schon häufig durchgespielt worden. Wahrscheinlich scheint eine Verfassungsänderung, bei der das exekutive Präsidentenamt abgeschafft würde. Stattdessen gäbe es dann einen Präsidenten mit hauptsächlich repräsentativer Funktion und einen Premier, der sich um die eigentlichen Regierungsgeschäfte kümmert. Geht es nach Mnangagwa wäre die Aufgabenverteilung klar: Er selbst würde als Premier das Land regieren, während Tsvangirai im Präsidentensessel Platz nehmen dürfte. Die Verfassungsänderung würde freilich auch freie, allgemeine Wahlen nach zwei, spätestens drei Jahren beinhalten. Bei diesen hätte der wenig beliebte Mnangagwa wohl kaum eine Chance.

Es ist zwar fraglich, ob sich die Opposition darauf einließe, aber für das Land wäre es wohl das beste denkbare Szenario. Dieser Ansicht ist wenigstens Afrika-Experte Mair: "Die Opposition wäre in der jetzigen Lage überfordert und auch schlecht beraten, wenn sie sofort die volle Regierungsverantwortung übernehmen würde. Die ganzen Probleme mit den Landbesetzern, eine kaputte Infrastruktur und inzwischen auch Hungersnot. Das ist schon ziemlich viel, wenn man noch nie Regierungsverantwortung getragen hat." Nach Ablauf der Übergangsregierung wäre jedoch dann die Ära Mugabe endgültig beendet - vorausgesetzt, der Zeitplan wird eingehalten. "Wenn es gut geht, tritt das Kenia-Szenario ein", so Mair.

Noch freilich ist unklar, ob Mugabe wirklich von seinen Männern fallengelassen wurde. Denkbar ist immerhin auch, dass Tsvangirai das Gerücht gezielt in Umlauf setzt, um die Diskussion im eigenen Land anzufachen. Denn seit einigen Monaten muss sich auch der Oppositionsführer in Simbabwe immer mehr Kritik aus den eigenen Reihen anhören. Er sei apathisch geworden, wirft man ihm vor, es gelinge ihm nicht mehr die Wählerschaft zu mobilisieren. Nicht auszuschließen also, dass der Bericht über die Geheimverhandlungen nur ein taktischer Schachzug Tsvangirais ist, mit dem der Oppositionspolitiker versucht, die Initiative wieder an sich zu ziehen.

Ein Plätzchen, an dem Diktator Mugabe seinen Lebensabend verbringen könnte, ist immerhin schon gefunden: Malaysia. Schon seit Ende der Achtziger hält Mugabe enge Kontakte zur malaysischen Regierung, mit Premier Mahathir Mohamad ist er persönlich gut befreundet. Die Malaysier spielten als Investoren in Simbabwe immer wieder eine wichtige Rolle, und Mugabe half ihnen seinerseits in Krisensituationen öfters mal aus. Längst schon wird der 78-Jährige verdächtigt, einen Teil seines Privatvermögens auf Schwarzkonten in Malaysia zu parken, während Simbabwe in der Wirtschaftkrise versinkt und sein Volk Hunger leidet. Auch als die Gerüchte über den möglichen Rücktritt entstanden, war Mugabe gerade wieder auf Asientrip: Thailand, Singapur und Malaysia lagen auf der Route.

Traf er dort die ersten Vorbereitungen für seine baldige Ankunft? Das wird sich zeigen, wenn klar wird, ob die Loyalität von Mugabes Führungszirkel tatsächlich schon dahin geschmolzen ist und wie stark Mugabe ist. Entscheidend hier wird die Rolle von Mnangagwa, dem starken Mann hinter Mugabe, sein. "Falls wirklich er das Angebot an Tsvangirai gemacht hat", glaubt Stefan Mair, "dann spricht einiges dafür, dass die Zeit Mugabes bald zu Ende ist."