Slowenien: Der europäische Musterknabe - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Slowenien Der europäische Musterknabe

Zehn Tage Krieg, ein gesundes Selbstbewusstsein und das Glück der Einigkeit - Slowenien nutzte die Gunst der frühen Stunde. Das kleine Volk im Norden des ehemaligen Jugoslawiens legte auf dem Weg nach Europa ein rasantes Tempo vor. Und setzt sogar schon zum Überholen an.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Krieg war kurz. Zu kurz fast, um den Slowenen als richtiger Krieg in Erinnerung zu bleiben. Dabei sind sie erst 14 Jahre her, jene Tage im Juni 1991, als die Panzer der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) in das kleine Land rollten, um es zum Verbleib in der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien zu zwingen. Zehn Tage, die die Chronisten als Beginn der Gewalteskalation auf dem Balkan in die Geschichtsbücher eingetragen haben.

Für die Slowenen sind es Tage der Freiheit. Am 25. Juni 1991, zeitgleich mit Kroatien, sagte sich die Republik Slowenien offiziell vom serbisch dominierten Zentralregime in Belgrad los, nachdem sich die Bevölkerung ein halbes Jahr zuvor in einer Volksabstimmung mit großer Mehrheit für die Unabhängigkeit ausgesprochen hatte. Das kleine Slowenien, mit Kroatien wirtschaftlich stärkste Teilrepublik Jugoslawiens, war nicht länger bereit, die Schwäche Serbiens und Mazedoniens auszugleichen und sich einer zunehmend nationalistischen, serbischen Machtelite zu unterwerfen. Der Sog der dramatischen politischen Umwälzungen in Osteuropa hatte auch das blockfreie Jugoslawien erfasst.

Die jugoslawische Bundesregierung reagierte. Am 26. Juni um 14.05 Uhr fielen die ersten Schüsse im 4000-Seelen-Dorf Ormoz an der Grenze zu Kroatien. Der Einsatz der JNA blieb halbherzig. Bei einer Konferenz auf der Adriainsel Brioni am 7. Juli unter Vermittlung der Europäischen Gemeinschaft erklärte sich Jugoslawien bereit, seine Truppen binnen drei Monaten wieder abzuziehen und Slowenien in die Unabhängigkeit zu entlassen. Eine Zusage, die nicht besonders schwer fiel, denn das großserbische Interesse hielt sich in Slowenien in Grenzen. Der serbische Präsident Slobodan Milosevic opferte Slowenien, weil die Serben hier nur zwei Prozent der Bevölkerung stellen.

Die relative ethnische Homogenität erleichterte Slowenien nicht nur die Abspaltung von der Föderation, sie ermöglichte auch die zielstrebige Fortsetzung der begonnenen politischen Reformen hin zu einem stabilen Mehrparteiensystem mit freien Wahlen. Der damalige Staatspräsident Milan Kucan und Regierungschef Janez Drnovesk von der Liberaldemokratischen Partei, heute Staatsoberhaupt, führten die neue Republik an die an die euro-atlantische Familie heran. Am 29. März vergangenen Jahres trat Slowenien der Nato bei, am 1. Mai der Europäischen Union.

Ein Lindenbäumchen sorgt für Streit

Slowenien, kaum größer als Rheinland-Pfalz, ist der Musterknabe unter den zehn Neuen in der EU. Die slowenische Wirtschaft wächst, 2004 um 4,6 Prozent. Selbst vor gestandenen EU-Mitgliedern muss sich der Neuling nicht verstecken. Der Lebensstandard liegt bereits bei mehr als 70 Prozent des EU-Durchschnitts. Und von einer Arbeitslosenquote von sechs Prozent kann Deutschland derzeit nur träumen. Slowenien ist auf dem Weg in den Club der Nettozahler.

Kleiner Wermutstropfen in der positiven Entwicklung: Noch immer streitet Slowenien mit dem Nachbarn Kroatien über den Grenzverlauf zwischen beiden Staaten. Erst vor wenigen Monaten nahmen kroatische Grenzbeamte vorübergehend zwölf slowenische Politiker fest, die am Ufer des Flüsschens Dragonja ein Lindenbäumchen pflanzen wollten, angeblich als "Friedenssymbol", wohl eher jedoch als Provokation.

Der Zwischenfall sorgte für heftige politische Verstimmungen. Uneins sind die Regierungen auch über den Status der Bucht von Piran, Sloweniens Zugang zu internationalen Gewässern. Häufiger kam es dort in der Vergangenheit zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen slowenischen und kroatischen Fischern. Die Konflikte sind heute aber eher Ausdruck des Selbstbewusstseins des Zwei-Millionen-Volkes, als dass sie in eine ernste Krise münden könnten. Schließlich ist Slowenien einer der größten Bwfürworter eines kroatischen EU-Beitritts.