Slowenien: Klassenprimus mit Kämpfernatur - DER SPIEGEL
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Slowenien Klassenprimus mit Kämpfernatur

Unter den zehn Neuen der EU sticht ein Land besonders hervor: Slowenien. Die kleine Alpenrepublik hängt in der Beitrittskonkurrenz alle übrigen Kandidaten ab - in einigen Disziplinen lässt sie sogar alte EU-Mitglieder hinter sich.
Von Marion Kraske
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie gelten als unsympathisch; als langweilige Streber, in den meisten Fällen dazu noch völlig unsportlich: Klassenbeste haben wirklich keinen guten Ruf. Der Musterschüler der EU-Kandidaten heißt Slowenien. Doch mit dem typischen Bild des ungeliebten, tumben Primus hat das idyllisch gelegene knapp zwei Millionen Einwohner große Land herzlich wenig gemein.

Unsportlich? Erst vor wenigen Wochen bewiesen die Slowenen, dass sie nicht nur Kampfgeist haben - sondern damit auch Tore machen können. Bei der Europameisterschaft im Hallenhandball der Männer unterlag die Mannschaft vor heimischem Publikum in Ljubljana im Endspiel zwar der deutschen Sieger-Sieben von Heiner Brandt, dennoch wurde die Leistung des Vize-Europameisters, im Vorfeld eher als Außenseiter gehandelt, anschließend respektvoll mit Lob bedacht. Slowenien, so das verbreitete Urteil der Kommentatoren sei "über sich hinaus gewachsen".

Auch außerhalb des Spielfeldes strotzt das kleine, "auf der Sonnenseite der Alpen" gelegene Land vor Ehrgeiz: In der Gruppe der künftigen osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten hat sich Slowenien in den vergangenen Jahren zielsicher auf den Spitzenplatz herauf gearbeitet. Die slowenische Wirtschaft ist auf Erfolgskurs, für dieses Jahr prognostizieren Experten ein Wachstum von rund 3,6 Prozent.

Während die Polen monatlich im Schnitt brutto 499 Euro und die Ungarn 544 Euro erarbeiten, bringen es die slowenischen Arbeitnehmer durchschnittlich auf 1085 Euro im Monat.

Selbst den direkten Vergleich mit gestandenen EU-Mitgliedern muss der Newcomer nicht scheuen: Beim Lebensstandard etwa hat Slowenien bereits 73 Prozent des EU-Durchschnitts erreicht. Damit übertrumpft es sogar Altmitglied Griechenland.

Schon zu Titos Zeiten vorn

Sehen lassen können sich auch die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt: Mit einer Arbeitslosenquote von 6,7 Prozent hängt der wirtschaftliche Senkrechtstarter EU- Sorgenkinder wie Deutschland oder Spanien locker ab. Und auch die Korruptionsbekämpfung gilt in Slowenien als mustergültig, lobt etwa die Anti-Korruptions-Organisation "Transparency International" - anders als in etablierten EU-Ländern wie Italien oder Griechenland. Das Prädikat eines verlässlichen Handelspartners, in dem Bestechung kompromisslos geahndet wird, kann sich künftig durchaus als wertvoller Wettbewerbsfaktor erweisen.

Von null auf hundert ist das kleine Land indes nicht durchgestartet: "Slowenien hatte gänzlich andere Ausgangsbedingungen als die übrigen neuen EU-Mitglieder", sagt Hermine Vidovic vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Während Polen und Litauen sich immer noch mühen, ihre veralteten Landwirtschaften auf den modernsten Stand zu bringen, kann Slowenien mit einer dynamischen Dienstleistungsbranche und einer einigermaßen gut aufgestellten verarbeitenden Industrie punkten. Mit dem Kühlschrankhersteller Gorenje tummelte sich das Land schon zu sozialistischen Zeiten auf den internationalen Märkten.

Denn auch im jugoslawischen Einheitsstaat hatten die Slowenen wirtschaftlich die Nase vorn - die Rolle als Klassenbester ist ihnen daher durchaus vertraut. Ärmere Regionen im Süden des Balkanlandes wurden zu Titos Zeiten über einen einheitlichen Bundestopf finanziell unterstützt: Bosnien und Serbien profitierten, Slowenien zahlte. Die Entfremdung von der Zentralgewalt in Belgrad verstärkte sich jedoch über die Jahre immer mehr: Slowenien setzte zunehmend auf Unabhängigkeit, sagte sich schließlich los von Rest-Jugoslawien, Seite an Seite mit den ebenfalls abtrünnigen Kroaten.

Die Reaktion Belgrads ließ nicht lange auf sich warten: Nach der Unabhängigkeitserklärung am 25. Juni 1991 marschierte die serbisch dominierte jugoslawische Armee in Slowenien ein, um die Aufständischen zur Räson zu bringen. Nach nur wenigen Tagen zogen die Truppen unverrichteter Dinge wieder ab, das Vorhaben, den Erosionsprozess im zerfallenden Vielvölkerstaat aufzuhalten, war gescheitert. Slowenien hatte seinen Kampf um Freiheit gewonnen. Eine Demonstration der Stärke - und für das Land der bislang wohl wichtigste Sieg.

Seither verfolgt die Regierung in Ljubljana hartnäckig die Einbindung der jungen Demokratie in die euro-atlantische Familie. Den Eintritt in die Union zum 1. Mai verstehen die Slowenen als Rückkehr nach Europa: Jahrhundertelang gehörte der Alpenausläufer zum Habsburger Reich. "Dieses Erbe hat dem Land im Transformationsprozess geholfen" - auch wenn Habsburg 1991 nicht unbedingt im alltäglichen Bewusstsein eine Rolle spielte, sagt der slowenische Soziologe Rudolf Martin Rizman.

Vor allem die rechtsstaatliche Tradition Habsburgs mache es Slowenien einfacher, die Gesellschaft in eine moderne Demokratie umzuwandeln - einfacher, als es beispielsweise Länder mit einer zaristischen oder osmanischen Tradition haben.

Von europäischer Euphorie ist in Slowenien dennoch wenig zu spüren. Auch wenn das EU-Referendum mit knapp 90 Prozent überraschend klar für einen Beitritt ausfiel, gilt der Brüsseler Club doch eher als pragmatisches, unausweichliches Muss denn als umjubeltes Zukunftsprojekt.

Zwist mit Kroatien

Nach Jahren der Fremdherrschaft ist Ljubljana penibel auf die Wahrung der eigenen Interessen bedacht. Mit dem Nachbarn Kroatien streitet das Land über die Seegrenzen in der Adria und die Meerenge von Piran, unerbittlich beharrt Slowenien auf einen Zugang zu den internationalen Hoheitsgewässern.

Reformkommunist und Altpräsident Milan Kucan räumt ein, dass bei diesem Thema die Emotionen nach wie vor hochkochen. Eine Lösung für den seit Jahren schwelenden Grenzstreit zwischen Ljubljana und Zagreb, prognostizierte Kucan jüngst, gebe es daher vermutlich erst "in weiter Zukunft".

Wohl auch wegen seiner bescheidenen Größe blickt das ambitionierte Miniland, das kaum größer ist als Rheinland-Pfalz, mit Argwohn auf vermeintliche Angriffe von außen. Bestes Beispiel: die Privatisierung. Immer wieder mahnte die EU in den vorangegangenen Verhandlungen an, die Entstaatlichung voranzutreiben. Doch die Slowenen zeigten sich stur: Immer wieder verzögerte Ljubljana wichtige Privatisierungsprojekte, argumentierte mit "nationalen Interessen", viele wähnten gar den drohenden Ausverkauf des Landes.

Die Folge: Im vergangenen Jahr sank der Anteil der Direktinvestitionen auf einen Tiefstand. Für die Brüsseler durchaus ein Grund zur Sorge, für die Slowenen dagegen ein Beweis ihrer ökonomischen Potenz: "Wir hatten Auslandsinvestitionen nicht nötig", heißt es lapidar, ja beinahe stolz, in den Fluren der Ljubljaner Zentralbank. Noch im November rügte Brüssel in ihrem letzten Fortschrittsbericht die zehn neuen EU-Mitglieder für ihre zuweilen unzulänglichen Anstrengungen, geltendes EU-Recht und europäische Standards zu adaptieren. Während Polen neun Mängelrügen kassierte, kamen die Slowenen mit einem blauen Auge davon - und lediglich einer Mängelrüge wegen der schleppenden Anerkennung von Berufsabschlüssen. Ein kleiner Fleck also auf der sonst so strahlend weißen Weste.

Die ist in der Tat so glänzend, dass Ljubljana nach der Aufnahme in die EU schon bald zum Club der Netto-Zahler aufschließen dürfte - als einziges Land aus der Riege der ehemals sozialistischen EU-Neulinge.