Spanien: Francos greiser Kumpan vor Wahlsieg - DER SPIEGEL
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Spanien Francos greiser Kumpan vor Wahlsieg

Ein einstiger Minister des spanischen Diktators Franco ist die Hoffnung der konservativen Regierung Aznar für einen rauschenden Sieg bei den Regionalwahlen in Galicien am kommenden Sonntag. Der Kandidat Manuel Fraga Iribarne steht seit 50 Jahren immer auf der Gewinnerseite.
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Humpelnd und quälend langsam betritt der alte Mann die Bühne. Sein Gesicht ist leichenblass bis auf die braunen Flecken um die tränenden Augen, die hohe Stirn glänzt von Schweiß. An die 4000, meist ältere Frauen und Männer springen von ihren Sitzen, klatschen, jubeln und wedeln mit den weißen Fähnchen der Volkspartei.

Der Kandidat packt die Zuhörer mit lauter Altmännerstimme, die sich in den Höhen überschlägt, und droht ihnen mit energischen Gesten: "Galicien war nicht auf der Weltkarte, ich habe es draufgesetzt. Und ich will das Werk fortführen, um unseren Traum durchzukämpfen." "Wahlen", so dröhnt der Alte, während seine milchig verschleierten Augen ins Leere zu starren scheinen, "gewinnt man, wenn man seinen Weg geht und sich möglichst wenig verschleißt." In der ersten Reihe nickt Spaniens Ministerpräsident José María Aznar wohlwollend.

In Galicien hat sich seit Franco nicht viel verändert

Die Szene wie aus einer anderen Epoche spielte im Sportstadion der Industriestadt Vigo, der dichtbesiedelten Finanzmetropole Galiciens. In der regenreichen Region im Nordwesten Spaniens wird am kommenden Sonntag das Landesparlament gewählt. Der Oldtimer will Regierungschef werden, und er versteht tatsächlich was vom Siegen: Dreimal schon zog Manuel Fraga Iribarne mit absoluter Mehrheit in das Regionalparlament seiner Heimat ein. Kurz vor seinem 79. Geburtstag will er das Kunststück wiederholen und Chef der Xunta (Regionalregierung) werden.

Don Manuel, wie er ergeben von seinen Untertanen tituliert wird, bestimmt seit 50 Jahren in Spaniens Politik mit. Der einstige Informations- und Tourismusminister war fast sieben Jahre lang Sprachrohr des Diktators Francisco Franco, ebenfalls ein Gallego. Fraga, der nach dem Tod des Generalissimus 1975 das Land als gestrenger Innenminister einer vordemokratischen Regierung in Atem hielt, ist heute der einzige politische Überlebende der bleiernen 40 Jahre faschistischer Diktatur.

Wie kommt es, dass alle Umfragen ihm die besten Chancen einräumen, weiterhin das Geschick von 2,7 Millionen Einwohnern der autonomen Region Galicien zu lenken? Ist doch der Franquismus mit dem bevormundenden Einfluss der erzkonservativen katholischen Würdenträger heute in Spanien weithin einer toleranten und offenen Gesellschaft gewichen. In Galicien scheinen sich die alten Machtstrukturen gehalten zu haben.

"Der Übergang zur Demokratie hat hier nur formal stattgefunden", klagt Xosé Manuel Beiras, 65. Der Wirtschaftsprofessor führt den Nationalistischen Block Galiciens (BNG) an, zweite Kraft im Parlament, eine Sammelbewegung von Linken, die Galiciens von der Verfassung garantierte Autonomie besser ausschöpfen will. Und der Hüne mit den wirren weißen Locken hat das Zeug dazu, dem konservativen Polit-Dino gerade junge Wähler abzulocken.

Beiras erinnert daran, dass sich die Erhebung Francos gegen die Republik im 1936 sofort in dessen Heimat Galicien durchsetzte: "Die Kaziken, die Bonzen, blieben nach Francos Tod." Sie hielten sich an Fraga, der eine rechte Partei gründete. Unter dem in die Mitte strebenden Aznar mauserte die sich zur heute regierenden Volkspartei Partido Popular (PP), als Don Manuel 1989 endlich bereit war, aufs Altenteil nach Galicien zurückzukehren.

Ein ungeschickter Blattschuss auf das Hinterteil von Francos Tochter

Von seinem Amtssitz gegenüber der prächtigen Kathedrale von Santiago de Compostela herrscht der Haudegen im alten Stil. Einst hatte er auf der Pirsch die Tochter des Generalissimo ins Hinterteil geschossen, was Franco nur mit dem kühlen Kommentar abtat, "wer nicht jagen kann, soll zu Hause bleiben". Jetzt ließ Fraga sich stolz bei der Bockjagd ablichten als Beweis für seine Gesundheit, "ich stehe voll im Saft".

Der alte Jäger weiß seine Beute einzukreisen: Laut einem Bericht seiner Regierung an den Rechnungshof gingen 1998 und 1999 fast 90 Prozent der Investitionen der Xunta an Gemeinden mit PP-Bürgermeistern, wo nur 66 Prozent der Gallegos lebten. Manch einer mag da sein Kreuz lieber bei der Partei machen, die Pfründe zu vergeben hat. Die Galicier, so ein resigniertes Mitglied der Sozialisten in Vigo, "handeln nicht aus dem Bauch, sondern aus dem Geldbeutel".

Presse und Fernsehen hat sich Fraga gefügig gemacht. Schon als Informationsminister war er einst gefürchtet, weil der polyglotte Jurist mit dem Prädikatsexamen versteckte Spitzen aufspürte. Zwar schaffte er im Auftrag des Caudillo die Zensur ab. An ihre Stelle aber trat Selbstzensur, die noch heute die Medien in Galicien fesselt.

Teil 2: Alte sind seine Wähler, und die Jungen ziehen weg

Der regionale Fernsehsender zeigt hauptsächlich Fraga, wie er täglich mehrfach rote Bänder über Straßen zerschneidet, Schwimmbäder einweiht und strahlenden Armen Schlüssel zur Sozialwohnung überreicht. Unternehmer, die seine Xunta mit Subventionen päppelt, wagen höchstens heimlich, einen Oppositionspolitiker zu treffen.

Alte sind seine Wähler, und die Jungen ziehen weg

Wer die Heimatstadt Fragas, Villalba, besucht, versteht, warum selbst Anhänger der Linken jammern: "Bei uns ändert sich nichts." In einem kleinen Park gegenüber seinem Geburtshaus steht die Büste eines jungen Mannes im Talar des Juraprofessors: Schon 1970 haben die Bürger des Ortes im Herzen des von Viehwirtschaft lebenden Kreises Lugo ihrem berühmten Sohn dieses Denkmal errichtet. An dessen Sockel trifft sich an einem grau verhangenen Nachmittag im Oktober ein unfrohes Häufchen jugendlicher Schlakse. Schlurfende Männer und verhutzelte Weiblein in schwarzen selbst gestrickten Jacken bevölkern Straßen, Geschäfte und Bars. Einzige Attraktion des Ortes ist ein Nobelhotel, das auf Fragas Anregung in einem Turm aus dem 15. Jahrhundert eingerichtet wurde.

Aus Galicien, lange Zeit Spaniens Armenhaus, wanderten seit jeher die Unternehmungslustigsten aus, um ihr Glück in Amerika oder Nordeuropa zu suchen. So Fragas Vater, der aus Kuba mit bescheidenen Ersparnissen in die Heimat zurückkehrte. Auch in den letzten zehn Jahren zogen 140.000 Jugendliche in die Fremde, meist in Touristenhochburgen wie Mallorca oder die Kanarischen Inseln, weil sie zu Hause keine Jobs finden. In Wahlkreisen wie Lugo leben schon mehr Rentner als aktive Bürger. 16 Prozent der Gallegos sind über 65 Jahre alt. Die wählen Fraga, klar.

Die Galicier seien nicht so sehr Anhänger der Volkspartei als von Fraga, sagt resigniert der bärtige Buchhändler von Villalba, auf dessen Quittung noch General-Franco-Straße gedruckt steht. Wenn der Mächtige aus der Xunta einer Familie einen Job für den arbeitslosen Sohn verschafft, dann "bist du schon gefangen". Die Diktatur hat die Menschen hier "an die Bevormundung gewöhnt".

Das Thema BSE wird politisch entsorgt

Auf den grünen Weiden um den Ort grasen Kühe, ein Weißhaariger fährt mit einem Holzkarren, vor den ein Ochse gespannt ist, die Ernte ein. Hier im Kreis Lugo arbeitet das einzige Labor, das Schlachtvieh auf Rinderwahn untersucht. Als die Seuche vor fast einem Jahr in Galicien erstmals entdeckt wurde, war die Regierung in Santiago völlig unvorbereitet, Tierkörper mussten zur Verbrennung nach Katalonien geschafft werden. In der Region mit 30.000 Rinderzüchtern und 1,5 Millionen Stück Vieh drohten die "vacas locas", die wahnsinnigen Kühe, die Erfolgsbilanz der Volkspartei zu trüben.

Aber auch die Seuche hat Fraga auf seine Art erledigt. Die Amtsveterinäre von Galicien klagen jetzt in einem Bericht die Verwaltung an, die Ergebnisse von 94 Proben zurückzuhalten, die sie seit März an das Labor in Lugo geschickt hatten. "Wir haben das gesündeste Vieh von Europa", behauptet Fraga auf Anfrage.

Den Galiciern verspricht der Greis mehr vom Alten. "Ich halte nichts vom Wandel, ich habe mich wenig verändert", verspottet er die Parolen der Sozialisten. Und bei der Kundgebung in Vigo legt Ministerpräsident Aznar den Gallegos "den Garanten für Stabilität und Prosperität" ans Herz. In Zeiten weltweiter Unruhe und internationalen Terrors "braucht Galicien die sicheren Hände von Don Manuel Fraga".