Spionageaffäre: Chinas Kotau - DER SPIEGEL
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Spionageaffäre Chinas Kotau

Das elftägige Tauziehen um die Freilassung der 24 Männer und Frauen aus dem US-Spionageflugzeug ist zu Ende: Eine streng aussehende Nachrichtensprecherin verlas ohne den Anflug eines Lächelns in den Sieben-Uhr-Nachrichten des Fernsehens die Entscheidung der Regierung.
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Peking - "Aus humanitären Gründen" könne die Besatzung der am 1. April nach einem Zusammenprall mit einem chinesischen Abfangjäger auf der Insel Hainan notgelandeten Spionagemaschine in ihre Heimat zurückkehren. Washington habe sein "tiefes Bedauern" über den Vorfall ausgedrückt, hieß es in der Mitteilung.

Die amtlich gesteuerten Medien werden in den kommenden Tagen den Eindruck erwecken, dass die Amerikaner die Bedingung von Chinas Staats- und Parteichef erfüllt haben. Jiang Zemin hatte kategorisch gefordert, Washington müsse sich für den Vorfall "entschuldigen".

Doch dazu waren die Amerikaner nicht zu bewegen. Sie sind davon überzeugt, dass Pilot Wang Wei durch waghalsige Manöver das Unglück selbst provozierte. Zudem meinen sie, sie hätten die Notlandung nicht genehmigen lassen müssen, da sie das international anerkannte Notrufzeichen "Mayday" ausgestrahlt hatten. Deshalb fanden sie sich nur zu dem schwächeren "Very Sorry" für den Tod des chinesischen Piloten und für die ungenehmigte Landung der Maschine auf dem Militärstützpunkt in Lingshui bereit.

Auch wenn die Pekinger Propagandisten diese Tatsache mit viel Wortgetöse verdecken werden - eines ist klar: Amerika hat den Kotau verweigert, China ist in die Knie gegangen.

Dass die Chinesen nachgaben, hat gute Gründe: Es gehört zum einen zur chinesischen Verhandlungstaktik, zunächst das Unmögliche zu fordern, um die Härte der Gegenseite auszuloten. Während der Verhandlungen merkten Chinas Diplomaten, dass sie die Amerikaner nicht zu einem Schuldeingeständnis treiben würden.

Zum anderen siegte in Pekings Regierungszentrale Zhongnanhai die Vernunft: Zu wichtig sind der Regierung die Beziehungen zu den USA, als dass sie über den Hainan-Zwischenfall eine größere Krise oder gar einen neuen Kalten Krieg riskieren würde.

Die Verbindungen zum "Schönen Land", wie Amerika auf chinesisch heißt, sind in den letzten Jahren immer enger geworden. Amerika ist inzwischen wichtigster Handelspartner Pekings, rund 50.000 Chinesen studieren derzeit in den USA. Rückkehrer aus den Vereinigten Staaten stecken in der Heimat hinter dem Aufschwung der chinesischen IT-Industrie.

Wären die Spionageflieger noch länger festgehalten worden, hätte die Supermacht USA die Mittelmacht China leicht aus dem Tritt bringen können. Der Beitritt zur Welthandelsorganisation wäre ebenso fraglich geworden wie die Vergabe der prestigeträchtigen Olympischen Spiele 2008 an Peking.

Vor allem aber: Die USA hätten sich womöglich dafür entschieden, den Taiwaner jene Raketenabwehrsysteme zu verkaufen, die Chinas Militär so sehr beunruhigen. Peking beansprucht für sich das "heilige Recht", die Insel notfalls mit Gewalt zu erobern, falls die Taiwaner ihre Unabhängigkeit erklären oder Verhandlungen über die Wiedervereinigung zu lange hinziehen. US-Präsident George W. Bush will entscheiden, ob er den Wunsch der Taiwanern erfüllt.

Wie schon nach der Nato-Bombardierung auf die chinesische Botschaft in Belgrad vor zwei Jahren, wurde auch diesmal deutlich, wie tief in den Seelen vieler Chinesen ein gefährlicher Nationalismus brütet, den eine verantwortungslose Regierung leicht ausnutzen könnte. Die meisten Chinesen sehen keinen Widerspruch darin, gleichzeitig das "hegemoniale Amerika" zu hassen und Coca-Cola trinkend in der US-Botschaft ein Visum für einen Studienplatz in Chicago oder Detroit zu beantragen.

Das Gezerre um den Spionageflieger zeigte zudem, dass Chinas Führung derzeit nicht in der Lage ist, auf kleine Krisen schnell und flexibel zu reagieren. Indem sie mit Begriffen wie "Entschuldigung" und "Souveränität" hantierten, bewiesen die Pekinger Genossen ein völlig veraltetes außenpolitisches Verständnis: In der Zeit der Globalisierung und des Internet ist eine Staatsgrenze längst kein so heiliges Gut mehr wie zur Zeit der Kanonenboot-Politik.

Das Beharren auf einer "Entschuldigung" entspringt dem Minderwertigkeitsgefühl, das die Chinesen gegenüber moderneren Nationen hegen, passt aber mehr zur Erziehung eines Kindes als zur Lösung eines internationalen Konfliktes.

Vermutlich ist den KP-Führern noch gar nicht bewusst, dass sie damit einen schweren Fehler gemacht haben. Denn sie entwerteten das gleiche Ansinnen an die japanische Regierung: Tokio soll die Chinesen für die Ermordung Hunderttausender Chinesen während des Zweiten Weltkrieges um Verzeihung bitten.

Nationalistische Hitzköpfe in Partei und Militär verlangten eine härtere Gangart der Parteispitze gegenüber Washington. KP-Chef Jiang Zemin, der an einem guten Verhältnis mit Washington interessiert ist, setzte sich durch.

Er bewies damit, dass die Zivilisten und nicht die Generäle die Richtlinien der Politik bestimmen. Nicht auszudenken, wenn sich dies im Reich der Mitte einmal ändern sollte.