Strippenzieher Karl Rove Bushs Stratege soll McCain retten
Washington - Die "Corcoran Gallery" in Washington hat gerade eine neue Ausstellung eröffnet: Richard Avedons Porträts von Machtmenschen. In einem Saal hängen auch Polit-Aktivisten, an einer Wand Demokrat und Republikaner direkt nebeneinander. Der Demokrat blickt sehr ernst in die Kamera, auf seine Hand steht in dunkler Schrift geschrieben: "Think!", Denke!
Direkt daneben der Republikaner: Karl Rove, strategischer Kopf hinter Bushs Wahlsiegen, Journalisten-Spitzname: "Bush's Hirn". Das Doppelkinn schwabbelt gemütlich, hinter der Brille funkelt ein munteres Grinsen. Rove, der wohl umstrittenste Polit-Stratege der jüngeren US-Geschichte, sieht aus wie jemand, der auch Wahlkampf vor allem als einen großen Spaß versteht. Statt "Denke!" müsste bei ihm eher stehen: Fühle!
Der feiste Bauchmensch Rove hat die verkopften Demokraten - erst Al Gore 2000, dann John Kerry 2004 - zweimal hintereinander fast eigenhändig im Kampf ums Weiße Haus geschlagen. Vor allem mit emotional-gemeinen Werbespots. Die karikierten Gore als arroganten Aufschneider und Kerry als windsurfenden Zauderer.
Auch der aktuelle Wahlkampf dürfte Rove jede Menge Spaß machen. Zwar spielt er ein Jahr nach seinem Abschied aus dem Weißen Haus keine offizielle Rolle in McCains Team. "Doch ich bin mir sicher, Rove telefoniert mit dessen Leuten fast jeden Tag", sagte Drew Westen, Autor des Bestellers "The Political Brain" über US-Wahlkampfstrategien, SPIEGEL ONLINE.
Und vielleicht bald noch häufiger. Denn die miesen Umfragewerte für John McCain zeigen Wirkung: Übers Wochenende skizzierten seine Berater einen Kampfplan für die letzten Wahlkampfwochen, der direkt aus Roves Lehrbuch stammen könnte: Direkte Attacken auf Obamas Charakter, unter anderem mit aggressiven Werbespots. "Wir werden ein bisschen härter werden", ließ sich ein McCain-Stratege vernehmen.
Schon lange propagiert Rove, McCain müsse diese Abstimmung zu einem Referendum über Obama machen - und dessen angeblich fehlende Eignung als Präsident vehement anprangern. Vize-Kandidatin Sarah Palin preschte am Samstag vor: Obama hänge mit Terroristen herum, rief sie munter, und er verstehe Amerikas Werte irgendwie nicht richtig. Die Nachrichtenagentur AP warf ihr rassistische Untertöne vor, doch Palin verteidigte sich umgehend: "Es ist wirklich wichtig, dass Amerikaner den wahren Barack Obama kennenlernen." Bald dürften TV-Spots über dessen Bekanntschaften mit dem umstrittenen Pastor Jeremiah Wright ("Gott verdamme Amerika") oder Will Ayers, einem Ex-Terroristen aus Chicago, folgen. Auch Kandidat McCain selbst verspricht härtere Töne. Auf eine Wählerfrage, wann er entschlossener Obama attackieren werde, antwortete McCain grinsend: "Wie wäre es mit Dienstag?" Dann tritt er gegen Obama zur zweiten TV-Debatte an.
Die Lektionen des Spin-Doctors
Auf den Rat Roves wird sein Team dabei kaum verzichten. Schließlich dirigiert mit Steve Schmidt ein Rove-Zögling McCains Wahlkampf. Wichtige Lektionen des Ziehvaters prägen Schmidts Strategie, seit der im Juli offiziell Chef der Kampagne wurde. Erstens: Greife die Stärke deines Gegners direkt an und versuche, sie in eine Schwäche zu verwandeln. Das tat Schmidt, als er in TV-Spots geschickt den Eindruck erweckte, die vielen Besucher bei Obamas Auftritten - etwa 250.000 Zuhörer in Berlin - machten ihn eher zum Popstar als zum Staatsmann. Zweitens: Mobilisiere deine Parteibasis. Damit tat sich McCain lange schwer, doch die Ernennung Palins hat die wichtige rechte Flanke der Republikaner elektrisiert. Drittens: Dein Kandidat muss vor allem Stärke und Prinzipien verkörpern. Deswegen hat Rove Bush nie einen Fehler zugeben lassen, und deshalb lässt Schmidt nun McCain unentwegt "Country First", "das Land zuerst", als Slogan verwenden - McCain also soll der einzig echte Patriot im Rennen sein. Viertens: Nutze diese Botschaft, um Denkmuster über deinen Gegner bei den Wählern zu verankern. McCains Slogan "Country First" impliziert, dass Obama sein Land nicht an die erste Stelle rückt - also irgendwie unpatriotisch (zu schwarz? muslimisch?) wirke.
Diese letzte, heikelste Anschuldigung soll jetzt die nächsten Wochen bestimmen. Wie eng die Abstimmung zwischen Schmidt und Rove dabei sein wird, ist schwer zu bestimmen. Offiziell erteilt Rove Ratschläge als angeblich unparteiischer Experte, in Kolumnen für das "Wall Street Journal" oder TV-Auftritten bei "Fox News". Bisweilen kritisiert er dabei gar angebliche Grenzüberschreitungen des McCain-Teams. Doch niemand zweifelt an der politischen Agenda des Analytikers. "Jedes seiner Worte ist strategisch gewählt, um den Republikanern zu helfen", sagt eine Rove-Vertraute, die auf Vertraulichkeit besteht.
Immerhin geht es für Rove in diesem Wahlkampf auch um eine Art Vermächtnis. Nach Bushs Wiederwahl entwarf er Visionen, wie sich dauerhaft eine politische Mehrheit für die Republikaner sichern ließe. Sollten die Republikaner nun das Weiße Haus - und möglicherweise zudem Kongress plus Senat - verlieren, stünde der einstige Magier wie ein Totengräber da. Ein McCain-Sieg hingegen wäre sozusagen Roves dritter Triumph in Folge.
Für die politischen Gegner bleibt Rove ein rotes Tuch. Als der Wahlkampfstratege vorigen Monat einen Vortrag an einer Uni in Kalifornien hielt, demonstrierten draußen Hunderte Menschen. Beim Demokraten-Parteitag in Denver wurde der Republikaner von Sicherheitsleuten begleitet, es kam zu offenen Feindseligkeiten. Obamas Vize Joe Biden schimpft: "Das McCain-Team verlässt sich ganz auf die Karl-Rove-Politik."
Dass McCain sich darauf einzulassen scheint, ist tatsächlich zumindest erstaunlich. Der Senator aus Arizona litt wie ein Hund unter den schmutzigen Attacken des Bush-Teams im republikanischen Vorwahlkampf 2000, für die Leute wie Rove mitverantwortlich waren - etwa die Gerüchte, die dunkelhäutige Adoptivtochter McCains sei in Wahrheit das Resultat eines Seitensprungs. Seinem Ärger über diese Art von Wahlkampf ließ McCain damals freien Lauf.
Doch Rove selbst kann am Sinneswandel des Kandidaten wenig Ungewöhnliches erkennen. "McCain war ein bisschen sauer nach der Wahl vor acht Jahren", sagt er leichthin, "aber hat wohl eingesehen, dass Schmollen nichts bringt." Andere Republikaner-Strategen freilich fürchten die Kehrseite eines neuen "Karl Rove"-Wahlkampfes. Mike Murphy, Ex-Berater von John McCain, sagte in der TV-Sendung "Meet the Press": "McCain muss selbst eine Vision entwickeln, gerade zur Wirtschaftspolitik. In schwierigen Zeiten wie diesen interessiert die Leute nicht so sehr, was für umstrittene Gestalten Obama kennt - sie wollen wissen, wie sie ihr Auto volltanken können."